Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 31. August 1926 (Frankfurt/Main)


[1]
|
Frankfurt a./M. 31. August 1926.
Mein geliebtes Herz!
Eine freundliche Sonne weckte mich heute beizeiten, denn ich möchte Dir doch an unserm Gedenktage einen innigen Gruß senden. Ob Du wirklich nun heute schon wieder in Berlin bist? Wie schwer mag es doch sein bei solchem Wetter von dem schönen Partenkirchen fortzugehen! - Ich habe inzwischen auch ein paar Ferientage gemacht, auf wiederholtes Drängen von Anna Weise war ich seit Sonnabend hier in der Dürerstraße, u. fahre erst heute abend wieder zurück. So kam ich auch leider nicht dazu, Dir schon zu heute einen Brief zu schreiben, wie ich gern getan hätte. Denn die angesammelte Müdigkeit ließ mich an den zwei ersten Tagen alle unbeschäftigten Stunden verschlafen. Am Sonntag waren wir nämlich vormittags im Städel, nachmittags am Main u. in der Altstadt; am Montag machte ich Besuche bei Emmy (geb. Ruge) Katzenstein u. Anna Hanke, der hochbegabten Malerin, u. war dann mit ihr noch kurz in der Senckenbergschen Sammlung, wo mich immer besonders die untergegangene Welt der "Drachen" interessiert. Nachmittags gingen wir zu Dritt: Ehepaar Weise u. ich in das Stadion, das mit seinem fröhlichen Badetreiben einen sehr amüsanten Eindruck macht. Man fühlt so, wie der beengte Großstädter diese freie
[2]
| Bewegung in Luft u. Sonne genießt. - Ein Radfahrer dagegen, der sich in der großen Rennbahn - immer hinter einem R rasenden Motorrad herstrampelnd - trainierte, berührte mich recht unsympathisch.
Sowohl bei Emmy, die ja kürzlich ihre kaum erwachsenen Tochter verlor u. deren Mann im Juli einen Schlaganfall hatte, u. ebenso bei Anna Hanke hatte ich sehr ernste Eindrücke. Und daß am 22. August mein Patenkind Hanna Schwalbe einem Autounfall zum Opfer fiel, weißt Du vielleicht aus der Zeitung. Das ist mir natürlich sehr nahe gegangen. - Auch das Leben meiner hiesigen Freunde hat gegen früher an Lichtseiten eingebüßt, aber man ist so echt freundschaftlich zu mir, daß es mir doch wohl bei ihnen ist. Es ist ja nur natürlich, daß bei den meisten Menschen sich mit dem Alter der Gesichtskreis verengert, aber der Grund ist doch auch hier sehr menschlich warm u. teilnehmend. - Mit Grassi's war es in Heidelberg für Aenne recht anstrengend, ganz besonders da das dicke Ellachen mit dem Beinwerk nicht in Ordnung war u. verknaxte Gelenke hatte, also fast immer zu Hause blieb. Was sie von dem Faschismus erzählten, ist nicht gerade neiderregend.
Heute abend bin ich wieder in Heidelberg. Und da hoffe ich dann bald einmal von Dir einen näheren Vorschlag für unser so ersehntes Zusammensein zu bekommen. Denn in Holland wirst Du doch keine Zeit für mich übrig haben, um zu schreiben? Aber, bitte, mein Lieb, laß mich nicht wieder auf Tage ohne Adresse, denn es ist schrecklich, wenn Du so völlig unerreichbar bist. Denn den postlagernden Brief, den ich Dir im voraus angekündigt hatte, holtest Du ja nicht mal ab, sondern erst nachträglich. -
Im Gedenken an 23 Jahre voll Glück u. Liebe grüßt Dich
Deine Käthe.

[]
|
<beigefügt: Todesanzeige von Hanna Schwalbe>