Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26./27. September 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. Sept. 1926.
Mein liebstes Herz.
Gestern abend ging die wohlverpackte Drucksache zugleich mit der Kölner Karte ab. Heute habe ich den Anzug verstaut - muß aber morgen noch einen Bogen Packpapier dafür besorgen. - Gestern habe ich ziemlich untätig im Hause ge-"wehrhahnt," war nachmittags vergeblich in der Augenklinik u. dann bei Adele, die ich dabei antraf, die Bibliothek ihres Gatten zu reinigen. -
Als Du endlich in Berlin eintrafst, war ich schon eingeschlafen. Bist Du gut gereist u. war die aufgesammelte Post gnädig? Mir geht es gesundheitlich wieder gut, wenn ich auch noch nicht gerade sehr tatendurstig bin. Mit dem Vorstand ist es ganz gemütlich. Sie genießt ihr Leben ohne die Römische Invasion.
Und ich? Ich denke der zwei vergangenen Wochen u. freue mich, daß nur zwei Wochen weiter Dein Weg wieder hierher führen soll. - Wie sehr beschäftigt mich, was dies Zusammensein innerlich für mich war. Welch schöner Tag war der in Kappel! Warum kann der Frieden, der diese Stunden durchwachte, nicht dauernder Untertan Deiner Tage bleiben? Denn glaube doch nicht, daß ich nicht auch ohne Worte die Schatten fühlte, die immer wieder über Deine Seele fallen. Will das Leben Unmögliches von Dir? Ist Dein Wille müde, Deine Kraft erlahmt? Du klagtest, daß Phantasie u. Beweglichkeit des Gefühls von Jahr zu Jahr abnehmen - ich aber dachte: umso tiefer u. dauernder ist das Gefühl. Das Leben ist sehr ernst, aber immer wieder breitet die Liebe ihren verklärenden Schimmer darüber u. wärmt mich das Glück Deiner Nähe. Es war sehr schön in Hinterzarten, aber wo auch immer, es wäre überall schön, wo wir beisammen sind. Wenn ich hier allein bin, dann gibt es so viel, was ich Dir sagen möchte, aber wenn Du da bist,
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| dann ist in mir ein solches Gefühl selbstverständlichen Einsseins, daß ich meine, Du müßtest das ja alles ohne Worte wissen. Vielleicht ist das töricht - aber doch für mich das Höchste, was mir das Leben geschenkt hat. Mir wächst aus solche Stunden neue Kraft zu tragen. Könnte ich doch solcher Wirkung auch in Dir gewiß sein! Wenn ich das nicht in Dir spüre, dann muß ich an mir selber zweifeln u. frage mich, ob es nicht besser für Dich wäre, ohne mich? Was gäbe ich drum, wenn ich Dir helfen könnte! Wenn ich, wie auf Wanderungen den Mantel, wenigstens ein Teil dessen, was Dich quält Dir abnehmen könnte. Wenn ich einen Weg wüßte, der über die Kämpfe hinaus zu starker Selbstgewißheit, zum Bewußtsein Deines reichen Lebens führte. Einsame Stunden haben wir alle, um wieviel mehr Du mit Deinem feinen Empfinden - u. doch ist um Dich ein Strahlenkreis der Wirkung auf Menschen, wie er nur Auserwählte umgibt. Ist das nicht eine Art Ersatz für das, was Du entbehrst? Ich weiß wohl, das ist immer: geben - geben! - Aber Dir zu geben ist so unendlich schwer! Nicht das Gebenwollen, aber der Zweifel, ob diese frohe, selbstvergessene Hingabe das ist, was Du willst u. brauchst? - - Du kennst mich doch viel zu gut, als daß Du nicht wüßtest, welch schwere bis ins Innerste erschütternde Kämpfe auch mir beschieden waren, u. Du mußt doch fühlen, daß ich weiter gekommen bin? Ich glaube nicht, daß das nur Alter u. Stumpfwerden ist. Ich glaube aber ebenso wenig, daß es dauert, ohne immer von neuem errungen zu werden. Das Einzige, was über allem Problematischen des Daseins unverrückbar steht, bist Du u. meine grenzenlose Liebe. So kenne ich doch niemals diese trostlose Einsamkeit, von der Du sprichst, denn ich habe Dich ja immer in meinem Herzen. So trage ich still das Dasein von Tag zu Tag um der Stunden willen, die mir von neuem den Sinn u. das Glück meines Seins enthüllen.

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27. Sept. Eine magische Abendsonne vergoldet die Bäume am Gaisberg u. darüber steht ein blaßblauer Himmel mit dicken Cumuluswolken. Den ganzen Tag kamen diese weißen Ballen von Süden dahergerollt, als hätten sich die ganzen Schweizer Berge in Bewegung gesetzt. Dabei ist aber garkeine Föhnstimmung, sondern herrliche frische Luft. So habe ich mich leichter eingewöhnt, habe heute schon 2 Stunden in der Augenklinik zugebracht, habe den großen Carton mit Bertha zur Post gebracht, u. meine Wohnung ist wieder in guter Ordnung. - Gestern zur Sonntagsfeier holte ich mir Deine "Lebensformen". Und wo lag das Zeichen? Beim Machttypus. Du siehst also, ich habe mich immer wieder damit beschäftigt u. ich bin auch überhaupt garnicht unempfänglich für die Bedeutung echter Macht. Aber nicht schätzen kann ich die bloße Geste, die über ihren inneren Mangel täuschen soll. - Dein Wort, daß der Herrscher recht habe, wenn er sich nicht um die Mentalität der andern kümmere, das sollen seine Minister tun - hat mich immer wieder verfolgt. Wie aber soll dann die Entscheidung fallen? Nach dem Rat der Minister - dann müßte sich der Herrscher hier einem andern fügen! - oder nach dem Impuls des Königs? Ich finde nun einmal: nicht zur Richtschnur soll ein Herrscher sich die Mentalität der andern machen, aber ein feines Ohr soll er haben, um die geistigen Kräfte klug zu benutzen. Warum fiel der Kapp-Putsch so traurig aus? Weil man die Stimmung der Menge nicht kannte. - Deine Erzählung von Doorn hat mich menschlich tief bewegt. Aber ich kann nicht wünschen, daß von hier aus politische Conflikte heraufbeschworen werden. Und ich hoffe, Du wirst Dich von dort in keiner Weise verpflichten lassen. Ich hoffe auf - "die 3. Generation". Denn, sage selbst, wir haben doch das Wesen des Kaisers oft als Schädigung gefühlt, u. seine Worte sagen, daß
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| er davon keine Ahnung hat. Mit einer Umgebung wie dieser Graf F. wird er auch nie dahin kommen. -
Aber die Macht der Tradition läßt sich nicht übertragen, u. ihr würde ich mich beugen, auch wenn der Mensch nicht den ideellen Forderungen genügte. Nur die alten Fehler will man nicht wiederholt haben. - Eine schwere Frage scheint es mir, wie Bayern sich in einem solchen Falle stellen würde, das schon 1870 so schwer zu gewinnen war. Für diesen Fall freilich schiene es ratsam, den alten Repräsentanten der überlegenen Würde zu wählen, dem es sich eher fügen würde.
Ob wir es erleben werden? Ich möchte es wohl! -
- Die Drucksache, die ich auf meinem Tische vorfand, war ein Nachruf für Carl Ruge, Vater. - Im übrigen habe ich allerlei Bekannte begrüßt u. beim Vorstand den Besuch einer Knapsschen Verwandten miterlebt, die berichtete, über ein Vierteljahr widerrechtlich in einer Irrenanstalt festgehalten zu sein, von der man aber den Eindruck hat, daß sie auch heute noch besser dort aufgehoben wäre. Es war überwältigend!
Das städtische Leben gefällt mir garnicht; aber es ist gut, daß man fortwährend zu tun hat. Aber ein Kummer war es mir, als ich entdeckte, was das für ein guter Kuchen war, den Du bei mir verschmäht hast. Ich hatte ihn am Morgen Deiner Abreise ganz vergessen, sonst hätte ich Dich unbedingt gebeten, ihn mitzunehmen. - Im Führer von Hinterzarten ist zu sehen, daß es außer dem Höhenweg Bahl - Pforzheim am rechten Ufer des Titisees noch einen Weg mehr im Tale gab, aber da die Einzeichnung der Bahnlinie noch fehlt, ist er wahrscheinlich nicht mehr vorhanden. Überhaupt sind die ganzen Angaben etwas summarisch.
Doch nun will ich zum Abendessen gehen. Laß mich bald hören, wie Du angekommen bist, mein Liebstes. Von mir kann ich Dir <li. Rand> nur Gutes berichten, u. die Wirkung der Erholung kommt täglich mehr heraus.
Sei viel tausenmal gegrüßt von Deiner Käthe.