Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Oktober 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Okt. 1926.
Mein geliebtes Herz.
Den ganzen Morgen habe ich gezeichnet, da darf ich mir wohl jetzt den Luxus gestatten, Dir zu schreiben. Ob Du weißt, daß morgen schon eine Woche verflossen ist, seit Du abreistest, u. daß ich noch keine Silbe von Dir hörte? Bei aller Bereitwilligkeit, in Geduld zu warten, finde ich das doch etwas sehr hart. Du fürchtetest, in der Eisenbahn eine Halsentzündung aufzufangen, weil Dir das dumme Weißbrot im Halse weh getan hatte - da bin ich natürlich in Sorge. Ich solle Aufregungen vermeiden, hast Du gesagt - aber glaubst Du, solch Bangen u. Sehnen sei sehr gesund? -
Die beabsichtigten freien Tage sind mir nicht gegönnt gewesen. Erst kam ein Auftrag von der Augenklinik, u. jetzt hat Springer ein Buch geschickt, aus dem ich etwas für das Buch von Gans kopieren soll, u. zwar natürlich sofort! Aber es geht noch nicht wieder sehr flott damit, denn die Ferien waren nicht so lang, daß gerade ein brennendes Arbeitsbedürfnis vorläge, u. dann ist das Kopieren garnicht mein Geschmack. - Es ist kalt, seit Du fortgingst u. man wird heizen müssen. Der Vorstand eifert dagegen, aber ich glaube bei 10° stundenlang still zu sitzen, ist nicht nützlich.
Allerlei Bekannte besuchte ich, u. hatte einen besonders guten Eindruck bei - Vater Seitz. Er ist entschieden ein geistig bedeutender Mensch u. seit wir ein wenig bekannter werden, ist unsre Unterhaltung immer sehr lebhaft u. angeregt. Mir tut es wohl, in ihm einen politischen Gesinnungsgenossen von ausgeprägtem Charakter zu finden, denn Du weißt ja, wie lau u. halb hier alles um mich ist. Freilich mag bei ihm
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| in der Abneigung gegen das "neue Regime" ein gut Teil Zorn des persönlich Geschädigten mitklingen, aber seine Grundeinstellung ist doch charakterisiert durch den Ausspruch: "Man sprach so viel davon, die Gymnasiasten müssen reden lernen, ich meine, sie sollten erst einmal schweigen lernen!" - Das ist mir für einen Süddeutschen eine angenehm preußische Gesinnung!
An die Sache mit dem "katholischen Völkerbund" erinnert mich ein Artikel, den unser Schundblättchen aus einem katholischen Hauptorgan entnahm. Hier arbeitet man sehr klug u. fein für das Großdeutsche, das ja natürlich das katholische Übergewicht bringt! - Mich faßt immer eine richtige Angst, wenn ich diese geschlossene Macht gegen den religiös so viel reineren Geist des Protestantismus Sturm laufen sehe. Nein, mein Liebster, Du darfst dieser Sache nicht untreu werden, mag sie im Augenblick auch noch so bedrängt sein, es ist doch das höhere Prinzip.
Bei Mathys hatte Aenne schon von Deinem Kaiserbesuch erzählt, u. auch in diesem alten Militärshause wünscht man keine Rückkehr von S. M. Man wußte, daß einer der alten Generäle, der auf die Frage: "Wann wird mein treues Volk mich zurückrufen?" zweifelnd geantwortet hat, sofort in Ungnaden entlassen wurde. Wie froh bin ich, mein Einziger, daß eure Unterhaltung auf neutralem Boden blieb! - Ganz besonders verdenkt man dem Kaiser seine (so rasche) Wiederverheiratung. Und es ist richtig, daß man die wahrhaft Großen der Geschichte nicht so handelnd denken kann. Die tragische Größe seines Schicksals ist durch diese Selbsteinreihung ins bürgerlich Menschliche aufgehoben.
Ach - möchte dem alten Fritz nochmal ein würdiger Nachfolger erstehen! - -
Wirst Du in Frankfurt wieder im Baseler Hof wohnen? Ich empfinde es sehr schmerzlich, daß Du meine Anwesenheit bei Deiner Rede ablehntest. Die Erklärung, die Du dafür gabst, scheint mir garnicht stichhaltig u. ich grüble, was wohl der wahre Grund sein mag. - Und darf ich Dich am 9. noch abends hier erwarten? Brauchst Du zum Arbeiten hier Bücher, die ich Dir von der Bibliothek besorgen <li. Rand> könnte? - Du armer, ewig Reisender - ich wünsche Dir gute Fahrt u. grüße Dich von ganzem Herzen.
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Ist das Packet gut angekommen? Und Drucksache u. Brief?