Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 22. Oktober 1926 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 22. Okt. 1926.
Habe Dank, mein liebstes Herz, für alle Deine Nachrichten. Lebhaft habe ich in Gedanken an den Besuch von Felizitas teilgenommen u. ich denke, es wird für das Mädelchen eine große Freude gewesen sein. Wie gut, daß Ihr vom Wetter begünstigt wart, sonst ist alles so erschwert u. minder eindrucksvoll. Ein andermal, denke ich, kommt sie dann auch mal wieder hierher, nicht wahr? - Daß Du die Taktlosigkeit von Frl. Wingeleit so schwer nimmst, ist aber nicht recht. Es ist doch wohl so üblich, daß die Gedanken einer mißvergnügten alten Jungfer immer um dieses eine Thema kreisen. Da sie selbst in dieser Richtung nichts erlebte, lauert sie umso begieriger bei andern auf Gelegenheiten. Sie hat ja garkeine Ahnung, warum Du ihre Combination so verächtlich abweist, denn sie findet doch solche Interessen das einzig Mögliche zwischen jungen Leuten. Und so ists doch keine "Kränkung" für Dich, mein Lieb, wohl aber ein neuer Beweis, daß nicht das geringste Verständnis
[2]
| in ihr für Dich wachsen kann. Sie [über der Zeile] ist eben viel zu arm an innerer Bildung. - Als ich vorhin bei Aenne erwähnte, daß Du neuerdings so unzufrieden mit Deiner Bedienung seiest, erinnerte sie gleich an die Martha von Dähne's, mit der Du damals im Auto fuhrst, u. die so sehr tüchtig sein soll. Willst Du da mal Erkundungen eingezogen haben? Sie ist nicht mehr bei Dähnes, die jetzt in Magdeburg sind.
Wie hat Dir übrigens Elsa Säuberlich bei persönlichem Sehen gefallen? Ich glaube sicher, daß sie gewissenhaft wäre; wie ihre Leistung u. ihre Gesundheit beschaffen sind, weiß ich aber nicht.
All Deine vielen Ernennungen sind ja überwältigend; u. Spaß macht es mir auch, wie die königlichen Frauen sich um Dich bemühen! Sie haben halt das weibliche Feingefühl für Deine Bedeutung <gestrichenes unleserliches Wort> für den Eindruck, den sie machen u. den sie klug benutzen wollen. Denn es ist doch wohl selbstverständlich, daß in dieser Familie allenthalben politische Interessen
[3]
| die Triebfeder sind, u. daß sie unausgesprochen in alles Persönliche hineinwirken. Ob Du nicht mit Deinen Beziehungen zu Doorn u. zu Cäcilienhof ohne es zu wollen "zween Herren" dienst? -
Vom Onkel habe ich einen sehr traurigen Brief. Er ist nicht zur Beerdigung gefahren, war wohl zu elend. Ich werde ihm Deine Teilnahme vermitteln; er ist ja auch immer sehr lieb zu uns gewesen. - Das Leiden von Heini war eine Wucherung in der Blase, die schon zweimal operiert war, die aber für gutartig galt. Jetzt, nach der 3. Operation, ist er einer Lungenemboli erlegen; es wird aber auch vom Arzt zugegeben, daß das Leiden doch Carcinom war u. er so einem qualvollen Leiden entgangen ist. - Rudi ist wieder nach Greifswald. Onkel erwähnt nichts von Schwierigkeiten wegen seines Studiums. Wenn er nur nicht Korpsstudent wäre! Hat Agnes Biermann ihn nicht zufällig erwähnt? Ich denke
[4]
| mir, er macht gesellschaftlich einen liebenswürdigen Eindruck; aber er ist schwach u. energielos. - Ob man solche Charaktere bei Geheb wohl zu selbsttätiger Entfaltung bringen würde? - Paula Seitz erzählte eine amüsante Episode, die eine ihr bekannte Lehrerin dort erlebte. Ein 14jähriges Mädchen kommt im Nachthemd in das Zimmer, wo die Lehrerin mit einigen Buben anwesend ist u. tritt (wohl im Streit?) bei dieser Gelegenheit einem der Jungen auf die Nase. Als sie später darüber zurecht gewiesen wird, erklärt sie: "ich habe eben keine bürgerlichen Hemmungen." Da klingt mir Loheland u. Schulgemeinde bedenklich durch. = Wenn es lauter Otto Braun's hätte, mag es wohl gehen. Und doch möchte ich zweifeln, ob diese weltferne Stille wirklich lebenstüchtig macht. Sind nicht die wirklich Großen überwiegend im Kampfe zu dem geworden, was sie sind? -
- Im "Deutschen Volkstum" sind
[5]
| diesmal in seltsamem Verein Friedrich d. Gr. u. Hölderlin. Ersterer vor allem in 2 getreu überlieferten Gesprächen, von denen das eine besonders mich ganz gepackt hat. Man fühlt, wie auch in der einfachsten Unterhaltung über praktische Dinge die Kraft seines Geistes Ehrfurcht gebietet. Da ist keine gewollte Pose! - Und zum Schluß, mein Liebling, da lobt er die Leute: "ich muß es euch sagen, alle die ihr daran mitgearbeitet habt - - -" Siehst Du, es ist also auch königlich, zu loben!! -
- Einen seltsamen Vortrag hörte ich am vorigen Montag: Ein Heidelberger, namens Heinrich Leiste, will in einem Kursus Steinersche Anthroposophie unter das Volk bringen. Er spricht vorzüglich, klar u. gut aufgebaut, aber diese systematisierten Seelenzustände scheinen mir ein Unding. Wer noch nichts in sich erlebt hat, kann nur Worte hören, u. wer Tiefstes erlebte, möchte der sich von andern daran herum deuteln lassen? Wozu brauche ich für die Welt der inneren Erfahrung eine ganze Geographie von Reichen, dem ätherischen - dem Astralreich [unter der Zeile] u.s.w?
[6]
| Wozu dient es, wenn Steiner das was im Christentum Engel u. Erzengel heißt, als "geistige Wesenheiten" als "Gedankenwesen" bezeichnet? Es sagt mir garnichts. Ich bin nun mal verwöhnt u. finde, daß es nichts gibt an seelischen Erlebnissen, was nicht Du vom Boden psychologischer Erfahrung aus viel tiefer, klarer u. ungekünstelter zu sagen wüßtest. -
Ein Liederabend bei Maria Campenhausen (der Tochter des Theologen Bassermann) war recht hübsch. -
Mein Ofen brennt gut, gelinde u. gleichmäßig. Du hast ganz recht, daß ich Wärme brauche, denn die Sache muckert doch noch immer ein wenig. Ich will aber zunächst noch nicht an die Bäder, sondern lieber die Fango-Umschläge fortsetzen. Denn bei dem rauhen Wetter erkältet man sich mit Bädern zu leicht mehr, als daß es nutzt.
Du wirst genug von dem Geschreibe haben! Drum nur noch viele, viele Sonntagsgrüße!
Deine
Käthe.