Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. November 1926 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 6. Nov. 1926.
Mein Liebstes,
wie freue ich mich, endlich wieder von Dir zu hören. Gestern nachmittag kamen Deine lieben Zeilen, gerade als ich einige Damen zum Kaffee erwartete. So wird diesmal leider meine Antwort nicht zum Sonntag bei Dir sein, sondern in den Wochenanfang hinein schneien. Sehr ärgerlich ist mir auch, daß ich immer versäumte, Dir die fertige Strickerei zu schicken, denn da es Dir wieder nicht gut ging, wirst Du sie vermißt haben. Ich hatte gehofft, Du werdest das Ding nicht brauchen u. es ließ sich mit den Bilderchen zu schlecht verpacken. Und mit denen hatte mirs doch Eile! Erkennst Du übrigens die Stelle, wo die Ziegen aufgenommen sind? Da war ich am letzten Morgen allein, u. daher stammen auch die beiden hübschen Häuser am Wege nach Erlenbruck. - In diesem Zusammenhang muß ich Dir doch gleich sagen, daß ich diesmal einen Weihnachtswunsch habe, um dessen Erfüllung ich Dich bitte. Nämlich
[2]
| ein neues Album für unsre Reisebilder. Das alte faßt schon die beiden letzten Jahre nicht mehr. - Und sogleich wollte ich Dir aber auch danken für die J. Psych., die ich nach Deiner Abreise fand u. mit der ich zu Weihnachten jemand erfreuen werde. Außerdem vergaß ich voriges mal Dir zu melden, daß Deine Gulden umgewechselt sind u zwar durch eine Schwester von Hedwig Mathy, die hier aus Holland zu Besuch ist. Es liegen also 13 M für Dich bereit. -
Daß die Hörsäle so überheizt sind, tut mir schrecklich leid, denn es ist so ungesund. Vor allem mangelt wohl die Lüftung zwischen den einzelnen Lehrstunden, u. es wäre Dir sicher viel behaglicher in der Rohrbacherstr. 24, wo man hie u. da das Fenster aufmacht u. wo der irische Ofen seit Deiner Abreise etwa, eine ganz sanfte, gleichmäßige Wärme von 14-15 Grad R hergibt. - In der Universität soll es auch hier stellenweise übel sein. Meta Günther erzählte gestern, daß es ihr bei Hampe [unter der zeile] Gundolf kaum
[3]
| möglich gewesen wäre, aufzupassen wegen der schlechten Luft. - Die Studiker sind nun alle da, u. heute abend werden wir den ersten Leseabend bei mir haben. Ganz überraschend ist noch Wolfgang Scheibe aus Jena dazu gekommen, der wie die 3 Mädels Philologe ist, Fritz Schwalbe dagegen Mediciner mit literarischem Nebeninteresse. - Mit den beiden Jungen war ich am Mittwoch von 5-6 bei Bubnoff: Dostojewski u. von 6-7 bei Schrade Hans v. Marées. Ich habe einen Hörerschein beantragt, aber bisher noch nicht in Händen. Beide Themata interessieren mich sehr, beim ersteren ist auch der Dozent angenehm im Vortrag, der andre etwas sehr pathetisch. Aber da es seine erste Vorlesung war, wird sich das hoffentlich noch abschleifen. -
Alles was Du schreibst, beschäftigt mich sehr. Warum hast Du es eigentlich nicht mit Frl. Säuberlich als Sekretärin mal versucht? Besser als keine ist sie doch entschieden u. so enorm anstrengend kann es doch kaum sein, daß sie davon krank würde. So kommst Du doch vielleicht wieder an eine Studentin u. das wolltest Du ja lieber
[4]
| vermeiden.
Die mitgesandten Briefe sind seltsam in ihrem Kontrast u. schön in dem, was sie verbindet. Ich möchte sie noch ein wenig behalten. -
Das beiliegende Programm erzählt Dir von einem wundervollen Abend. Das Concert war ein glänzender Erfolg, das Publikum begeistert. Als das Dorle vor Jahren hier spielte, bewunderte man Gedächtnis u. Technik, aber alles war "korrekt". Jetzt ist Persönlichkeit in ihrem Spiel, sie hat ein wunderbares Pia piano u. trotz ihrer zierlichen Erscheinung auch Kraft. Es steckt aber auch bei aller großen Begabung ein unermüdlicher Fleiß in ihrer Leistung. Man vergißt vollständig, daß dies Spiel schwer sein könnte, es scheint nur selbstverständlich; u. dabei sieht sie entzückend aus.
- Ist es denn in Berlin auch immer so dunkel? Hier sieht man die Sonne überhaupt nicht mehr. Man könnte melancholisch werden, wenn - es nicht Briefe aus Berlin gäbe! Ganz besonders danke ich Dir auch noch für das eingelegte Blatt. In seinem Sinne grüße ich Dich.
Deine Käthe.