Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. November 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 12. Nov. 1926.
Mein liebstes Herz.
Diesmal möchte ich doch wieder zum Sonntag mit einem Gruße bei Dir sein, denn in der vorigen Woche habe ich mich verspätet u. Du wirst die Strickerei u. das Bildchen vermutlich erst am Montag früh bekommen haben. Hoffentlich bist Du wieder gesund? Wovon hattest Du Dir wohl die erneute Störung zugezogen? Wars Erkältung oder Anstrengung - Erregung?
Hier gehen die Tage ganz friedlich dahin. Die Temperatur ist noch immer ziemlich hoch, aber es regnet weniger u. die Luft ist heller, was mir zum Zeichnen lieb ist. Mittwochs besuche ich meine 2 Stunden Colleg u. finde es recht interessant. Dort treffe ich meist die bekannten Studenten, u. es schließt sich in der Regel eine kleine Disputation an. Am Sonnabend waren die 3 Mädels u. Wolfgang Scheibe bei mir abends u. wir lasen im Anschluß an Bubnoff den "Großinquisitor". Leider gehen die Studentinnen noch immer
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| sehr wenig aus sich heraus u. ich muß suchen, sie mehr zum Reden zu bringen. Hauptsächlich äußert sich nur der Scheibe. Er ist ein echter Sohn seiner Familie, äußerlich u. im Wesen. Ich glaube, er wird zum ästhetischen Typus gehören u. die Erziehung bei Berthold Otto hat sicher dagegen nicht eingewirkt. Viel realer ist Fritz Schwalbe eingestellt u. mir scheint, die zwei haben kein großes Gefallen an einander. - Die jungen Leute werden sich auch künftig manchmal zu der sonnabendlichen Vereinigung einfinden, die Mädels haben sie gern regelmäßig wieder aufgenommen. Da sie nämlich zu Haus fast garnicht heizen, so genießen sie mit Wonne das warme Zimmer. Das letztemal blieben sie bis ½ 1 Uhr! Es war sehr vergnüglich u. amüsant.
Gestern abend dagegen hatten wir eine harte Sitzung. Eine Reihe von Vorträgen über das Grenzland begann Hampe mit Bericht über deutsche Colonisation im Osten seit dem Altertum. Er redete 1 ¾ Std, sodaß man ganz erledigt war. Denn so viel
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| die Sache auch an eindrucksvollen Momenten bietet, sein Vortrag ist zu temperamentlos, um so lange zu fesseln. - Die Quintessenz war eigentlich, daß die ganze kolonisatorische Ausbreitung früherer Zeiten nicht eine politische war, sondern vorwiegend wirtschaftlich u. daß man deshalb hoffen könne, unser Volk würde auch in Zukunft von neuem solche Expansivkraft entfalten können. - - Dazu läßt sich natürlich mancherlei sagen, worüber ich furchtbar gern mit Dir spräche. Denn es ist mir doch nun mal niemandes Meinung so maßgebend.
- Hast Du eigentlich vor einiger Zeit auch den Bericht über eine Meineckesche Rede bei irgend einem festlichen Anlaß gelesen, wo er - jedenfalls veranlaßt durch das Roethesche Citat von der "heroischen Dummheit" - von dem Heroismus unsrer Unterwerfung sprach?! - -
- Und nun wieder die Äußerung in Doorn gegen Oldenburg-Januschau.! In Wolfgang Scheibe habe ich den ersten
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| Menschen gefunden, der für S. M. eintritt. Aber wie es scheint nur aus persönlichen Gründen, ohne politischen Standpunkt.
Sonntag ist hier Gemeindewahl, wo wir natürlich pflichtschuldigst unsre gut bürgerliche Stimme abgeben werden. Schade, daß einem das die Möglichkeit einer Unternehmung mit der Rotte nimmt. Sie wollten alle gern mal nach Worms u. das ist natürlich angenehmer bei gutem Wetter u. ehe es friert. Die Fahrt kostet 2,20 M u. das Übrige machen wir ja immer recht billig.
Stell Dir vor, Wolfg. Sch. schlug vor, gemeinsam die Lucinde zu lesen. Wenn im Colleg derartiges verhandelt wird, so ist das doch anders als in solch kleinem, gemischtem Kreise. Mir wäre es jedenfalls unangenehm bei aller Anerkennung der künstlerischen Qualität. Stark empfinde ich den Geist der Naturphilosophie darin, obgleich er [über der Zeile] d. h. Schlegel ja begrifflich nur damit spielt, u. Hegelsche Dialektik zu persiflieren scheint. Und ich habe mir Deinen kleinen Aufsatz von 1903 zur ästhet. Weltanschauung wieder vorgeholt, um ihn
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| dem schwärmerischen Wolfgang zu versetzen.
Sehr freue ich mich auf die Fortsetzung in der "Erziehung", u. bin froh, daß Du Dir das nun von der Seele geschafft hast. -
Bei dem Bericht im Deutschen Volkstum über den Weimarer Congreß beschäftigt mich der Gedanke, ob nicht doch die Sache ein ander Gesicht bekommen hätte, wenn Du dort gewesen wärest. Man (d. heißt vermutlich Stapel) erkennt an, daß die Vorträge von Litt u. Kerschensteiner gut waren, aber man sei wohl aus hemmungslosem Geschwätz "heraus"gekommen zu nüchterner Sachlichkeit, aber nicht "weiter". Es fehle das neue Ziel. Dagegen werden Gertrud Bäumer u. Oesterreich sehr herunter gemacht. - - Siehst Du, da hast Du gefehlt, denn Du hättest auch "weiter"geführt, ganz altmodisch über die Pflicht zur Tat, nicht wahr?
Wenn ich doch nur wüßte ob es Dir wieder gut geht? Bei mir ist eine leise Neigung zu Ischias-Schmerzen
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| zurück geblieben, die leider durch die unbequeme Stellung beim Zeichnen etwas unterstützt wird. Aber es ist unbedeutend.
Eine leider nicht ganz reine Freude hatte ich durch einen Brief von Frau Riehl. Sie schreibt so intim, ausführlich u. eindringlich, redet mich: liebe Freundin an u. fordert das Gleiche von mir, daß ich sehr überrascht bin. Nach allem, was ich durch Dich weiß, muß ich mir sagen, daß sie entweder eine geheime Absicht dabei hat, oder aber die arme Frau ist so verarmt, daß sie versucht,unsre so lockere Beziehung gewaltsam zu vertiefen. Du wirst verstehen, daß ich sehr vorsichtig darauf eingehe? Jedenfalls darfst Du kein Thema unsrer "Aussprache" sein!
Ich grüße Dich viel tausendmal u. freue mich, bald von Dir zu hören.
Deine
Käthe.