Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. November 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg, 19. Nov. 1926
Mein geliebtes Herz.
Wie ich diesmal die Fülle des Mitzuteilenden bewältigen soll, ist mir rätselhaft, u. noch mehr, wie Du Zeit finden wirst, es zu lesen! Aber - immerhin, nicht wahr?
All die vielen Briefe kommen hier nun endlich zurück. Da ist viel Hübsches dabei. Sehr gefällt mir Felicitas in ihrer naiven, frischen Art. Aber den Schnupfen hatte sie gewiß schon von Leipzig mitgebracht, denn Du fandest sie doch schon bei ihrer Anwesenheit in Berlin recht blaß. Und allerliebst ist es, wie sie nun zur Erkenntnis gekommen ist, was Dein Umgang wert ist! - Wegen Hermine Gleiser habe ich mich hier umgetan bei einer Kochschullehrerin. Ich bekomme Auskunft über ein für Badische Gegend geeignetes Kochbuch. Denn da kann man kein norddeutsches brauchen. -
Die Akademie gemeinnütziger Wissenschaften ist mir etwas sehr Schleierhaftes. Was kann ihr besonderer Zweck sein? Hildegard Meister-Trescher erinnert mich auch brieflich merkwürdig an Ada Weinel. Sogar der Racker von Töchterchen ist auch da. Von der kleinen Weinel erzählt W. Scheibe, daß sie durch ihre Frühreife ein sehr einsames
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| Kind sei. Ihre Altersgenossen interessieren sie nicht. -
Kanntest Du den Mathematiker aus Greifswald persönlich? Er scheint ein klarer Kopf, der auch über dem eignen Standpunkt kritische Möglichkeiten sieht. Jedenfalls ist mir sein "Pantheismus" recht sympathisch. Hörtest Du eigentlich mal etwas aus dem Hattenheimer Kreise außer von Frl. Rohrbach?
Ganz besonders haben mich die beiden Briefe von dem Junglehrer u. dem Grübler aus Zinse beschäftigt. Es ist in beiden so viel Ernst u. vertiefte Auffassung. - Mein Vetter Walther ist jetzt ganz in der Nähe von Erndtebrück: in Frankenberg. Er wundert sich über die starke Kriminalität der dortigen Gegend im Vergleich zu dem nahen Korbach, das er von früher kennt.
Der Brief der Unbekannten hat einen sehr sympathischen Ton, dagegen bin ich froh, daß Du Elsa Säuberlich nicht als Sekretarin nahmst. Sie scheint fortwährend krank zu sein u. es ist ein etwas Gewolltes in ihren Briefen, das mir nachgerade auffällt. Ich kenne sie ja persönlich garnicht, weiß nur daß sie strebsam u. tüchtig ist.
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Mit Freude las ich, wie Joachim Wach charaktervoll für Dich eintritt. Es ist eine energische Abfertigung u. man könnte beinah Deine heimliche Spottlust dahinter vermuten, wenn er den Thieme so dringend aufs Kämmerlein verweist! - Warum fanden damals bei den widerwärtigen Lehrerzänkereien weder Kerschensteiner noch Muthesius ein mutiges Wort für Dich?
Daß Du mal wieder in die weite, weite Welt nach Osten willst zu treuen Deutschen, das ist gut. - Ich sah hier einen sehr stimmungsvollen Umzug der Schuljugend im Interesse der Auslandsdeutschen mit selbstgemalten Plakaten. Es war große Beteiligung u. ich beschloß wieder in den Verein fürs Deutschtum einzutreten - im Januar, wenn ich bei Kasse bin.
Wirst Du von Kronstadt etwa auch nach Griechenland gehen? Siebenbürgen wird sicher sehr anstrengend sein, aber wenn das Fluidum der Wirkung Dich trägt, wird es Dir leicht werden. - Das aber die vielen "Volksreden" Dir zur Last sind, das begreife ich sehr. Du verlangst eigentlich
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| mit jeder Leistung eine Steigerung u. dies öffentliche Sprechen scheint Dir mehr ein Wiederholen. - Daß die Sachsen von früher nicht in den "neuen Lehrerverein" gehen, ist ihr schade. Insoweit sie s. Z. bei Dir hörten, werden sie sich aber unwillkürlich jetzt mehr auf das zurückbesinnen, was sie von Dir haben. -
Heute werde ich die 3 Fortsetzungen in der "Erziehung" nochmals im Zusammenhange lesen. Ich bin überzeugt, daß sie mit dem Schluß zusammen geradezu von dramatischer Kraft sind. Denn ich erinnere mich, wie sehr ich damals nach dem 3. Abschnitt unter dem Eindruck der Ziellosigkeit u. Zerfahrenheit unsrer Kultur stand, die Du so lebhaft u. reichgestaltig zu schildern wußtest. Jetzt kommt das erlösende Wort: diese Vielheit u. Eigenart gestaltet sich von selbst, haltet das Bleibende fest, das uns die Großen der Vergangenheit erworben haben. -
Von Interesse wird Dir der beigelegte Zettel sein, der unrechtmäßig in meine Hand kam. Es war eine Drucksache an Dr. Berenbach, die Aenne fortwerfen wollte.
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| Hier ist ein Festhalten u. Bewahren um jeden Preis, von dem man lernen kann. -
Auch den Ausspruch, den Oldenburg-Januschau berichtet, lege ich Dir bei. - Die Schrift der Cecilie übrigens hat etwas recht Flüchtiges, findest Du nicht?
Von meiner Bande ist nichts Neues zu melden. Fritz Schwalbe kommt zu den Abenden nicht, er hat Anschluß bei einer Jugendgruppe gefunden, die seinen Rostocker Pfadfindern nahe steht. Er zeigt sich nur gelegentlich bei uns u. gefällt mir immer sehr. -
Onkel Hermann schreibt nicht so verzweifelt, wie nach dem Tode der Frau, wenn auch sehr traurig. Damals waren eben doch zu viel ungelöste Dissonanzen zurück geblieben. In dem Heim scheint er sich leidlich wohl zu fühlen u. jetzt natürlich doppelt zufrieden zu sein, es damals gewählt zu haben, da nun Rudi nicht mehr von Heini unterstützt werden kann.
Prof. Gans schickte eine Karte aus Cherford nein Rochester, natürlich um an seine Zeichnungen zu erinnern. Andre Aufträge haben sich bisher noch nicht bis zur Tat
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| verdichtet. Bettmann ist übrigens der Chef der Hautklinik, an der Gans Oberarzt ist.
Daß Lotte Winter im Lettehaus am Viktoria-Luise-Platz photographieren lernt, schrieb ich wohl schon?
Ich schicke Dir nun mal zur Probe einen Strumpf mit, der mir aber zu groß ausgefallen scheint. Der Hacken sollte weiter werden, aber der ganze Fuß wurde größer. Du mußt mal versuchen u. Deine Meinung sagen. Es wird dann geändert u. genau danach gearbeitet. Die Frau, die es macht, ist sehr nett; ich bekam die Adresse erst kürzlich, da mein altes Weiblein fort ist.
Am 21. ist Riehls Todestag - nun schon vor 2 Jahren! - Ob ich "unbefangen" schreiben kann, will ich versuchen. Jedenfalls so ehrlich wie möglich.
Dich, mein Liebstes, grüße ich von Herzen u. wünsche Dir vor allem ein normales Befinden. Mit Rotwein allein ist es vielleicht nicht getan. Möglich daß ein Katarrh oder eine Reizung vorliegt, die ein mildes Mittel wie Wismut oder drgl. erfordern?
<li. Rand>
Innig Deine Käthe.