Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. November 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26.XI.26.
Mein liebstes Herz!
Gestern nachmittag kam Dein Brief mit der alarmierenden Anfrage - gerade als ich im Begriff war, in die Augenklinik zu gehen u. dann anschließend in einen Vortrag von Hildebert Böhm über die Minoritätenfrage. - So konnte ich gestern abend nicht mehr schreiben, u. habe nur in meinem Sinn die Frage hin u. her gewälzt. Ganz klar kann ich die Situation im Hause trotz Deiner sehr genauen Beschreibung nicht begreifen. Nach dem Plan scheint es, als ob sämtliche Zimmer nur durch die Salontür vom Corridor aus zugänglich wären - das wird aber wohl nicht sein. Immerhin müßte man für die Verteilung das genauer wissen. Keinesfalls aber wäre das eine Verbesserung, wenn Du im unteren Stock wohnen müßtest. Dem Raum nach ginge das nur in den
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| großen Zimmern oben. Denn wo sollte unten der Sekretär bleiben? Es scheint ja vieles ungemein lockend, aber doch als fast entscheidende Schattenseite sehe ich die Nordlage an. Ich kenne das von der Knapsschen Wohnung in der Bunsenstraße, wo auch nur morgens u. abends der Balkon von der Sonne gestreift wurde. Es ist düster.
Was aber noch bedenklicher ist, ist die Bewirtschaftung durch so viel Stockwerke. Frl. W. kann das natürlich nicht, aber sie wird es auch nicht dirigieren können u. vor allem sich schwer mit einer jüngeren Person vertragen. Es wäre dann aber vielleicht erwünscht, eine entscheidende Klarheit darüber zu schaffen? Ich meine, wenn sich die Lage dabei als unhaltbar erwiese. Nur müßte man vorher etwas Besseres in Sicht haben. - Überhaupt ist es vielleicht nicht möglich, ohne dauernden Mitbewohner dieser alten Frau den Schutz eines ganzen Hauses zu überlassen. Sie ist persönlich ja absolut zuverlässig, aber sie würde nicht die Übersicht u. Einsicht haben. Vielleicht
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| ließen sich aber die 2 Zimmer im Souterrain an einen zuverlässigen Menschen vermieten, der einen Schutz bedeutete? -
Wenn für das Bewohnen im oberen Stock umgebaut werden müßte, so sind das sicher unberechenbare Kosten u. Du tätest gut, nicht mehr anzuzahlen als nötig. Denn eine Preisermäßigung gibt es doch nur bei voller Bezahlung. - Aber wie ich auch simuliere, abgesehen davon, daß man aus der Ferne Einzelheiten u. Möglichkeiten nicht gut übersieht, erscheinen mir doch die Schwierigkeiten, die Du Dir mit diesem Objekt aufludest sehr groß, u. eine schöne Etagenwohnung eben doch geeigneter. Es wäre auch denkbar ein Haus, in dem mehr Zimmer auf einem Stock sind, sodaß Du mit 2 Etagen auskämest, u. etwa ein ganzes Stockwerk vermieten könntest. Häuser sind ja jetzt verhältnismäßig nicht teuer u. eine gute Kapitalanlage.
- Denkbar wäre z. B. wenn man den Aufzug bis in den 1. Stock führte, dort das Eßzimmer zu machen, nach Süden Dein Schlafzimmer u. Frl. W. über den Salon.
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| Sodaß Du den ganzen unteren Stock für Deine eignen Räume frei hättest. - Dann wäre immer noch der 2. Stock frei [über der Zeile] zum Vermieten. Ist da [über der zeile] außer der Waschküche Kochgelegenheit? Auch ist es zu bedenken, daß wenn man einmal offiziell vermietet, man künftig dazu gezwungen ist. - Alles in allem - es sind viel Wenns u. Abers. Aenne Knaps, der ich Deinen Brief vorlas, ist sogar noch viel bedenklicher als ich, obgleich sie ja auch Deine jetzige Wohnung ungenügend findet.
Ich will diese Zeilen fortschicken. Was ich sonst noch zu schreiben habe, folgt morgen. Heute abend wird Wolfgang Scheibe bei uns sein, der an einem Referat maikäfert u. sein Herz ausschütten will.
Die Aufsätze über das Bildungsideal las ich wieder mit größter Anteilnahme. Ich bin überzeugt, daß sie wirken müssen. Und die Mahnung zum Schluß: "Das neue Alte faßt es an -" die ist wie das Ei des Kolumbus, von verblüffender Überzeugungskraft. Gern hätte ich das Ganze beisammen gehabt, um mich nicht nur auf die Erinnerung verlassen zu müssen, die ja bei mir immer nur ein Totalgefühl ist.
Sei von ganzem Herzen gegrüßt u. laß den End <li. Rand>schluß sich ruhig abklären im Gedenken an alle Consequenzen. Jedenfalls kommen <li. Rand S. 3> noch manche Unkosten hinzu für Herrichten u. Instandhaltung bei einem älteren Hause. <Fuß S. 3> Aber das Schlimmste ist die Nordlage. Ich glaube: "ich habe nicht zugeraten." Deine Käthe.