Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. November 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. Nov. 1926.
Mein liebstes Herz,
es war einfach unmöglich, zum Schreiben zu kommen u. heute wird es erst recht nichts werden, denn ich bin ganz benommen mit Schnupfenkopfweh. - Dein Hausplan liegt auf meinem Schreibtisch u. tausend Fragen knüpfen sich daran. Erst an diesen realen Möglichkeiten kam mir zum Bewußtsein, mit welchen Schwierigkeiten ein solcher Besitz für Dich verbunden wäre. Bis dahin hatte diese Möglichkeit eines Hauses nur angenehme Seiten in meiner Vorstellung gehabt. Du hast nun schon lange sowohl eine größere Wohnung wie das eigne Haus im Auge gehabt u. bist vermutlich zu dem Resultat gekommen, daß letzteres die bessere Lösung ist. Du wirst auch bereits ein Urteil haben, ob der Preis ein vorteilhafter ist. Denn nur in allen Einzelheiten läßt sich ja ein Schluß ziehen, ob das Wünschenswerte überwiegt. Ganz ohne Schattenseiten wird man ja doch nichts finden. Wie mag sich wohl die Sache weiter entwickelt haben?
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Auch ob Du Deine Einwilligung zum Sonderdruck der "Erziehungs"-Aufsätze gabst, wüßte ich gar gerne. - Die ganze Woche habe ich nach einem ruhigen Tage gestrebt, um dem Vorstand die Sache im Zusammenhang vorzulesen. Es war aber nicht möglich. Von dem Schluß war sie sehr entzückt, es wäre solche "Steigerung" darin - also doch wohl das Gegenteil vom Hornberger Schießen!
Am Freitag abend war also Wolfgang Scheibe da, der in schweren Bedenken mit seinem Tristan-Referat steckte. Er war zu dem Resultat gekommen, es für die Obersekunda abzulehnen. Am Sonnabend brachte er dann zu dem Lesezirkel die Übertragung von Will Vesper mit, die er in einem Zuge unter gespannter Beteiligung vorlas. Als Kunstwerk ist es so auch dem modernen Menschen genießbar - aber ist es ratsam, solch elementare Leidenschaft gerade dem jugendlichen Alter nahe zu bringen? Es ist ein hoher, edler Sinn in dieser unzerreißbaren Verbundenheit, aber die Art,
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| wie sie sich mit Sitte u. Gesetz auseinander setzt, ist allzu menschlich. Es ist in der Dichtung eine erschütternde Größe, die in der gekürzten Umdichtung voll zum Ausdruck kommt, u. ein rechter Lehrer könnte wohl den tiefen Lebenssinn dieser Schicksale fein herauslösen. Wo aber gelingt das je in der Schule? - -
Die Mädels beteiligen sich nie an irgend welchen Problemen. Allerdings war auch der Eindruck der Vorlesung so stark, daß man ihn gern erst in sich ausklingen ließ. - Am Sonntag vormittag machte ich ein paar Besuche u. nachmittags widmete ich mich häuslicher Arbeit, zum Abend kamen unerwartet die 3 Studentinnen mit ihrem Butterbrot zum Thee. Gestern abend suchte uns Ella Gaß heim - heute kam Fritz Schwalbe, während noch Gertrud Winter da war - so geht es alle Tage. -
Das Zeichnen hat wieder erfreulich stramm eingesetzt. Auch die Sachen für Gans sind so unter der Hand fast fertig
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| geworden.
Interessant war der Vortrag von H. Boehm über die Minoritätenfrage. Er hält eine Kulturautonomie der staatlichen Minderheiten für durchführbar ohne das staatliche Gefüge im ganzen zu gefährden. Auf diese Weise könnte lebenskräftige Volksart sich durchsetzen u. ihren Wert beweisen auch unter fremder Staatshoheit als ein wertvolles Glied. Es gäbe dann von neuem "Nationalitätenstaaten". - In Estland sei es bereits durchgeführt. Aber allerdings werde man in den Gebieten an der deutschen Grenze solche Autonomie viel schwerer gestatten. Und die Staaten, die ein hohes, nationales Kulturgut nicht besitzen, werden nicht einverstanden sein. -
Schrieb ich Dir, daß Fritz Schwalbe Nachricht bekam, seine Mutter habe plötzlich eine Blinddarmoperation durchmachen müssen? Es reißt doch nicht ab in der Familie mit den Sorgen. Es ist aber glatt verlaufen u. so hat sich auch der Junge wieder beruhigt, der neulich sehr aufgeregt war.
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Weihnachten kommt mit Riesenschritten näher u. ich habe noch so wenig daran gedacht. Den Titel des Kochbuches hatte ich gleichzeitig mit Deiner Karte hier erhalten. Nun muß ich Dich aber fragen, ob Du die 3. Auflage von 1915 ganz ausdrücklich bestimmtest? Es wäre denkbar wegen der Einstellung auf Kriegsverhältnisse. Denn im Laden erklärte man mir, es sei jetzt bereits die 10. Auflage u. ich entnahm aus der Vorrede, daß man in den Rezepten nun wieder im Interesse der Ernährung auf die Friedensverhältnisse zurück gekommen sei. Und dort auf dem Lande wird man sicherlich Eier, Butter u. Mehl etc. genügend haben. Also wäre es doch vielleicht nicht ratsam die Kriegsausgabe zu wählen? Bitte sei gut u. teile mir wendend mit, wenn Du es doch wünschest, denn es wird vielleicht schwieriger zu beschaffen sein, während das andre Exemplar vorrätig war.
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Wolfgang Scheibe hat sich Deine Jugendpsychologie geben lassen, um seine Probleme damit zu durchdenken. Er kennt das Buch übrigens u. es hat ihn s. Z. sehr gepackt. Das ist nun wieder ein Mensch, dem ich Deinen persönlichen Einfluß gönnen möchte, u. bei dem es sich lohnt. Vielleicht kommt er mal zum Studium nach Berlin. Zu Weihnachten wird er nicht hier sein.
Morgen muß ich um 9 Uhr wieder bei Prof. Weidenreich in der Märzgasse am Mikroskop sitzen. Drum für heute gute Nacht, mein Liebstes. - Ich schicke Dir den stimmungsvollen Brief von Kügelgen wieder mit. Ich freue mich so, dadurch von ihm einen menschlich warmen Eindruck gewonnen zu haben. Denn aus Deinen Erzählungen war er mir mehr ein sonderbares Original.
Für mich aber klingt ja aus alledem immer am lautesten das Echo Deines Wesens! So wie bei Fr. Prof. Dahl!
Sei innig gegrüßt u. schreibe bald einmal wieder
Deiner Käthe.