Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Dezember 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Dez. 1926
Mein Liebstes,
also heut bist Du in Erfurt! Es war lieb, daß Du mich daran erinnertest, denn ich hatte es vergessen. Recht ist es mir garnicht, daß Du so oft zwischen der anstrengenden Semesterarbeit noch diese Extratouren per Bahn machen mußt. Es bekam Dir doch auch sonst nicht, u. nun jetzt noch bei den bekannten Darmstörungen! Daß Kurzrock die Sache für nervös hält, ist mir eigentlich einleuchtend. Es war eben immer eine übergroße Reizbarkeit da, die mit dem Rotwein wohl verdeckt, aber nicht beseitigt wurde.
Wie schrecklich: eine Sitzung von ½ 6 - ½ 12! Gewiß ist das alles äußerst ehrenvoll - aber ich werde erst froh sein, wenn ich Dich endlich für eine Weile in sorgliche Pflege nehmen kann. Ich zähle die Tage bis Weihnachten!
Inzwischen habe ich mir nun eine richtige kleine Grippe geleistet, habe noch immer etwas Fieber u. soll nicht aufstehen, ehe das weg ist. Es ärgert mich recht, daß dies kommen mußte, gerade wo sich wieder etwas lebhaftere Arbeit auftat. Aber am Mittwoch mußte ich nach 4 Stunden Arbeit plötzlich abbrechen, weil ich nicht weit von einer Ohnmacht war. - Jetzt ist es meine Sorge, daß der Vorstand die Sache nachmachen könnte, denn sie beginnt bereits mit ähnlichen Schmerzen.
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| Mir geht es entschieden besser, u. ich werde auch die Wohnung ganz gehörig auslüften, damit kein Rest dieser Bosheit zurückbleibt.
- Soeben war Lotte Koeppen da, die ihr Herz ausschütten mußte. Die Arme ist in großem Kummer über gänzlich verfahrene Familienverhältnisse u. pekuniäre Sorgen. Sie ist die einzige von 5 Geschwistern, die zu den Eltern hält. Dabei sind wohl nur unvereinbare Temperamente die Ursache: der krasse Individualismus der jüngeren Generation - der Vater scheint ähnlich wie Onkel bei Rudi trotz aller Güte keinen Einfluß mehr zu haben. Schrieb ich Dir übrigens, daß Onkel hofft, mit seinen Mitteln Rudis Studium durchzuführen?
- Weißt Du, wegen des Kochbuchs war ich in Bedenken. Denn vielleicht könntest Du doch sagen: Deshalb schrieb ich doch ausdrücklich die Auflage dazu! -
Hast Du wohl in Klösterli gehört, daß ich schrieb, u. ob man damit zufrieden war? Ich habe mir alle Mühe gegeben, bei allem Eingehen gleich doch auch die Grenzlinie zu ziehen, die unbedingt nötig ist. Du wirst das verstehen, wenn wir Weihnachten davon reden.
- Gestern u. heut hatte ich eine etwas seltsame Krankenlektüre: Dostojewski's
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| Aufzeichnungen aus dem Totenhause - seine sibirischen Erlebnisse!
Wenn ich nicht diese notgedrungene Ruhe benutzte, dann würde ich wohl kaum diese langen Schriften von D. in Geduld lesen! Übrigens ist dies letzte trotz des grausigen Gegenstandes seltsam milde im Ton.
- Mein Leseabend fällt heute natürlich aus, umso ungestörter werden Dich meine Gedanken begleiten. -
Daß Du den Hauskauf aufgegeben hast, ist mir doch lieb, so sehr ich Dir ein behaglicheres Heim wünsche! Es hatte mir doch garzu viel Bedenken u. eben was Du sagst: die Einteilung war unmöglich. Es müßten 4 Zimmer auf einem Stock sein, 2 Wohnstockwerke u. die Möglichkeit, ein einfaches Ehepaar als Schutz unterzubringen, etwa in Mansarden oder dem Souterrain. -
Das Schreiben ist so unbequem u. die Schrift so häßlich, daß ich Dich nicht länger inkommodieren will. Sei mir doch nur gesund, mein Lieb - ich bin es morgen auch wieder.
In Liebe
Deine Käthe.

[li. Rand] Der Vorstand grüßt "den Vorstand."
[re. Rand] Ist die Politik nicht sonderbar friedlich?

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<beigelegter Überweisungsschein der Dresdner Bank Wilmersdorf:>
I. A. des Herrn Dr. <Name unleserlich>. <Wort unleserlich> Hohenzollerndamm 27.>