Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Dezember 1926 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Dez. 26.
Mein geliebtes Herz,
siehst Du, so bin ich mal wieder. Aber Du wirst es vielleicht garnichts Besonderes finden? Die Hauptsache, weshalb ich am Sonnabend schrieb, vergaß ich richtig, nämlich den Dank für Deine liebe, treue Sendung, die am Donnerstag ankam; den Postabschnitt wollte ich erst dem Boten als Wechselgeld zurückgeben, dann erklärte ich mirs als einen Irrtum der Bank. Deine liebe Karte nahm mir dann die später auch auftauchenden Combinationen, daß Du etwa krank sein könntest u. jemand mit der Besorgung beauftragt hättest. - Mit meinem Fieber geht es täglich etwas zurück, nur haben sich heute nacht recht unangenehme Ohrenschmerzen eingestellt. Doch scheint
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| die Sache nicht schlimmer zu werden. Aenne u. Bertha versorgen mich sehr schön u. ich liege nun schon den 4. Tag u. habe noch keinen Aufstehwunsch, abgesehen davon, daß mich die Arbeitsversäumnis kränkt. Es ist ja nun einmal bei Grippe ratsam, das Fieber abzuwarten, sonst dauert's doppelt lange. -
Es ist zum Glück noch nicht sehr kalt, sodaß Du Dir hoffentlich auf Deiner Reise nicht schadest. Wie lebhaft denke ich an jenen Tag im Kriege, als ich Dich in Erfurt traf von Cassel aus. Gern würde ich Stadt u. Kirchen jetzt noch einmal mit Dir sehen, denn damals war uns das Menschliche u. Unmittelbare des Lebens zu nahe, als daß der Sinn für ästhetische Eindrücke offen gewesen wäre.
Heute nun nimm mit diesem Zettel vorlieb, der Dir sagt, wie ich Dir danke u. wie meine sorgenden Gedanken u. treuen Wünsche Dich begleiten.
Immer Deine Käthe.