Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Januar 1927 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 8. Januar 1927.
Mein innig Geliebtes!
Ziemlich erschöpft bin ich von Heidelberg hier angekommen. Ich nahm sogleich die Geschäfte mit großer Energie auf, habe auch gestern schon gelesen und Seminar gehalten. Während dieser Zeit aber entwickelte sich ein Anfang von Gelenkrheumatismus im linken Knie, den ich wohl in der Bahn erworben habe, zu Schmerzen, die doch Beachtung forderten. Ich blieb also heut vorsichtshalber im Bett und ließ Kurzrock kommen, den ich schon Donnerstag besucht hatte, weil auch der Darmzustand wieder sehr schlecht war. Die Fahrt nach Neubabelsberg mußte ich aufgeben. Es ist nichts Erhebliches, nur merkte ich bei dieser Ruhe (bis um ½ 6), wie ungeheuer erschöpft ich bin, und alle Nerven hüpften nur so herum. Mittlerweile habe ich 5 verschiedene Medikamente über den Tag zu verteilen. Ich hoffe aber, am Montag wieder tätig sein zu können.
Deine beiden Packete, mit denen Du
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| so viel Mühe gehabt hast, sind eingetroffen. Ich danke für alles Schöne in dem zweiten. Zu meiner großen Trauer bestand der Aschbecher nur aus einem Scherbenhaufen. Und trotz dieses Glückszeichens sind wir also in der Lotterie nicht herausgekommen!
Wenn ich ganz gesund wäre, so bestünde einige Möglichkeit, wenigstens das Wichtigste von meinen Pflichten zu erledigen. So aber stehe ich hoffnungslos und mutlos vor Aufgaben, die im günstigsten Falle schlecht bewältigt werden können. In solcher Lage ist Krankheit ein Ausweg. Es geht eben nicht. Was will man da machen?
Wie Du gemerkt hast, spreche ich von mir selbst [über der Zeile] jetzt sehr ungern. Es ist ja auch früher schon alles gesagt worden. Ich bin an einem toten Punkt, in den verschiedensten Beziehungen. Daß der unendliche Wert Deiner Nähe und Deiner Liebe dadurch nicht berührt wird, weißt Du genau und sicher. Es wäre mir schmerzlich, wenn Du Dich durch irgendwelche grundlose Vorstellungen niederdrücken ließest. Du weißt ebenso, daß Du mir innerlich durch Deine Hilfe alles bist; aber äußerlich kann das
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| nicht helfen. Es ist, als ob einer am Tage 50 km laufen sollte. Die werden nicht kürzer, dadurch, daß jemand mitgeht. Die völlige Zersplitterung meiner Kraft, dies wohlgemeinte, aber dem Betroffenen zuletzt fast boshaft scheinende Herumreißen an mir, z.T. für ganz untergeordnete Dinge, ich möchte wissen, wen das nicht zur Verzweiflung bringen soll. Und dann: diese Enge zu Hause, für die schon ein auszupackendes Packet Verlegenheit bedeutet. Hat man 20 Briefe geschrieben, liegen 30 noch da und kommen 10 neue hinzu. Ich kann schließlich nur lebendig durchkommen, wenn ich jedem erkläre, ich sei physisch nicht fähig. Aber das glaubt niemand, wenn ich (mit Aufbietung aller Kraft) eine Vorlesung u. ein Seminar halte, dem man nichts anmerkt. In all den letzten Wochen habe ich zu wenig geschlafen. Aber es läßt mich wieder nicht schlafen, wenn ich sehe, wie viel mir fehlt, wie jeder junge Mann die Gegenwartslage und die neue Literatur besser kennt als ich.
Gestern habe ich angefangen, den Theodor zu lesen. Ich schiebe eben vieles auf, in der Hoffnung, mit festeren Kräften werde es besser gehen. Aber da liegt dies Basel u. Zürich vor mir und drückt auf mich wie ein Alp.
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Heute war Adalbert Körner bei mir. Morgen geht er nach Freiburg zurück - zum Skifahren.
Hüte Dich vor der von Süden kommenden Grippe. Du solltest immer etwas Alkohol zu Hause haben und konsumieren. Dein Medikament ist von Kurzrock sehr akzeptiert worden.
Zum Schluß möchte ich Dich noch einmal bitten, Dich nicht niederdrücken zu lassen, auch nicht durch den Gedanken an die eben geschilderte Lage von mir. Dazu ist man eben an der "Spitze", um durchzuhalten, und ich glaube, weder ganz faul noch ganz dumm zu sein, wenn ich nur physisch einigermaßen normal bin.
Für die schönen Tage bei Dir danke ich noch sehr herzlich. Bitte grüße auch den Vorstand.
Deine Unkosten ersetze ich das nächste Mal. Lebe wohl und laß es Dir gut gehen.
Innigst
Dein
Eduard.