Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1927 (Wilmersdorf)


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<Stempel: Professor Spranger
Berlin-Wilmersdorf
Hohenzollerndamm 39>

23.II. 27.
Mein innig Geliebtes!
Hoffentlich bist Du von Neckarelz oder Mosbach gut heimgekommen. Es war zwar kalt, aber nicht windig, so daß Du wohl auch Deinen Hut mit nach Hause gebracht hast. Meine Fahrt verlief ohne Schwierigkeiten; ich verhielt mich meist dösend, machte nachts noch mein Kolleg und wurde am Montag von meiner Hörerschaft mit einer sympathischen Ovation empfangen.
Nun ist Dein Geburtstag da, und ich grüße Dich zu diesem Tage mit all der unveränderlichen Liebe und Treue, die Du kennst. Wir nähern uns einem Vierteljahrhundert gemeinsamen Lebens, und wenn wir auch mittlerweile gesetzte Leute gworden sind, die hie und da schon einen kleinen Schaden zu kurieren haben, so sind wir doch für Tiefe und Reich
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|tum des Daseins nicht minder empfänglich als am ersten Tag. Das wir auch künftig dieses reiche Geschenk von Ernst und Schönheit und Weiterstreben als den unendlichen Gehalt unsres Miteinander fühlen, ist der innige Wunsch, den ich für uns beide an diesem Deinen Festtage hege.
Eine neue Tasche, die ich heut für Dich erstanden habe, kommt hoffentlich rechtzeitig genug und ist : [über der zeile] ebenso hoffentlich nicht zu ungeschickt gewählt. Denn eigentlich weiß ich ja von den Anforderungen an ein solches Instrument sehr wenig.
Meine Tage hier waren schon stark genug besetzt. Aber ich fühle doch die ungeheure Erleichterung, die mit der Erledigung der Schweizer Verpflichtungen für mich gekommen ist, und ich erwarte davon auch eine gesundheitlich günstige Wirkung. Gestern Abend habe ich die Pestalozzirede mit allen Stellenzitaten für den Druck fertig gemacht. Vielleicht erscheint sie noch im März. Meine heutige Sprechstunde dauerte nicht weniger als 3 ½
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| Stunden, so daß ich ganz erschöpft nach Hause kam. Für die nächsten Tage, einschließlich der Sonntage, liegt ungemein viel vor. Aber am Mittwoch enden doch die Vorlesungen, und es wird ein wenig Raum für andres. Herchenbach war heut auch in der Sprechstunde und meinte, was mir auch der Ministerialrat v. d. Driesch geschrieben hat, die Päd. Akademien näherten sich ganz meinen Vorschlägen. Der Minister ist erkrankt und hat s. Pestalozzirede von einem Ministerialdirektor vorlesen lassen müssen. Sorge macht mir nur nach wie vor der Deutsche Lehrerverein, in den kein sicherer Gegenwartsblick hineinzubringen ist. Ich werde am 5. u. 6. März vielleicht einmal einen neuen Versuch in der Richtung machen. Heute ist nun auch festgelegt worden, daß ich erst vom 3.-6. April in Oldenburg (eigentlich Bad Zwischenahn) sein soll. Dadurch wird es für die Erholungsreise recht spät, und es ist vor allem zweifelhaft, ob dann, d. h. um den 12.IV. herum, Kerschensteiners noch in Locarno sind.
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Sollte dies nicht der Fall sein, könnte man ev. daran denken, in München einen kurzen Aufenthalt zu nehmen und damit eine Reise nach Bozen oder - bei günstigem Wetter - nur nach Mittenwald zu verbinden. Es kommt mir diesmal weniger auf den Ort selbst an, als auf ein paar Tage Kerschensteiner und auf gute Luft. Das lassen wir also noch in der Schwebe.
Die "Einheit der Psychologie" ist, was bei diesen Abhandlungen selten vorkommt, [über der Zeile] längst ausverkauft und wird in 500 Exemplaren [über der Zeile] photographisch neu gedruckt. Zollinger jr. hat in der Neuen Züricher Zeitung recht hübsch über m. Rede berichtet. Morgen denke ich sie in der Schlußstunde der Studiengemeinschaft noch einmal vorzulesen.
Jetzt aber will ich erst mal schlafen gehen. Denn morgen ist wieder der berühmte 14 Stundentag. Am Freitag ist auch starker Dienst, und abends wohl Einladung zu Aberts (Musik professor.) Natürlich werde ich Deiner mitten in all diesen Divertissements herzlich gedenken, wie ich Dich schon heut in Liebe und tiefster Dankbarkeit grüße als Dein
Eduard.