Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. März 1927 (Berlin)


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Berlin, den 10. März 1927. M. L! Ich schreibe mitten in der Akademiesitzung, während Hesse über die Abhängigkeit der Tiere von ihrer Umwelt (Wasser, Erde, Luft) spricht. Wenn die Sache interessant wird, wird also dieser Brief konfuse werden. Ich muß Dir aber wenigstens für Deine liebe Sendung und die 3 Briefe danken und das Wichtigste mitteilen. Morgen früh 8.45 fahre ich nach Kiel, Hôtel Holst. Am Sonnabend früh spreche ich für die Marineoffiziere über "Erwachsenenbildung", am Sonntag Abend in der Aula über die Überwindung des ethischen Relativismus. Montag und Dienstag sind der Päd. Akademie gewidmet. Mittwoch vorm. Konferenz im Jugendamt. Mittags Abreise nach Lübeck. Von dort am Donnerstag früh nach Stralsund, wo ich über "Die Geistesart des Erziehers" spreche. Wohnung unbekannt. Freitag 19.III. Rückkehr. Sonnabend Besichtigung heilpädagogischer Anstalten in Berlin. Fast die ganze folgende Woche ist schon besetzt.
Mit lebhaftem Interesse habe ich Dich auf Deinen Wegen bei Mosbach begleitet und von dem Fasching in Deiner Wohnung bei Deinem Geburtstag gelesen. Mit der Einkommensteuererklärung kannst Du es so machen, wie angedeutet. So viel ich weiß, gilt die Regel: Der Ausgebende muß das als Einkommen versteuern; der Empfänger nicht.
Das wichtigste Ereignis hier in der Zwischenzeit war die Schlußfeier der Studiengemeinschaft. Der Minister u. viele Notabilitäten waren anwesend. Das Technische funktionierte schon anfangs mäßig. Die Redner 1-3 waren ordentlich. Dann aber kam Wachsmuth, den offenbar die Größe der
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| Situation mit Wahnsinn geschlagen hatte. Denn er schlug für ganz einfache Gedanken ein Pathos an, das über jede Beschreibung hinausgeht. Nachträglich erfuhr ich, daß die Wirkung bei den meisten Hörern die gleiche war wie bei mir: nämlich ein ungeheurer Schweißausbruch. Kurz: Wachsmuth hat mir die Sache verpatzt. Wohlmeinende sahen natürlich m. Unschuld. Übelwollende freuten sich, und die sozialdemokratische Oberschulrätin Frau Wegscheider, die ich überhaupt kaum kenne, sagte zu Lili Dröscher: "Herr Prof. Sp. hat den Redner, den er verdient." Du siehst, die Tonart bleib von Anfang bis Schluß der St. G. die gleiche. Abends fand ein Festessen statt 7-12. Vorige Woche schloß ich unter wachsendem Zulauf die Kulturphilosophie, am Freitag das Seminar, das bis zuletzt gut blieb. Sonnabend und Sonntag war die gefürchtete Tagung der Erziehungswiss. Hauptstelle des DLV. Es ging maßvoll ab. Neben mir saß wieder der Sickinger. Sonntag Mittag aß ich mit Muthesius bei Lutter u. Wegner, Nachm. war ich bei Dora Thümmel. Eine Flut von Fleißprüfungen und Einzelbesuchen hinderte mich an jeder Arbeit. Der Übersetzer Pigors hat mit Wenke zusammengearbeitet und ist jetzt wieder nach Amerika abgedampft. Vorgestern kam die griech. Übersetzung der Jugendpsychologie. Gestern Neubabelsberg - der Kräftezustand u. die Gesamtsituation sind dort wenig gut.
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Frau Paulsen ist nun bei 2000 angelangt. Ihre burschikosen Briefe gefallen mir dabei sehr wenig. Nach der Akademie ist heut noch eine Pestalozzi-Konferenz. Abends wird gepackt. Morgen früh ist noch ein Student an die Bahn bestellt.
Wenn irgend möglich, werde ich nach m. Rückkehr die Uhr aus dem Safe holen und eingeschrieben (aber wie verpackt?) nach Stolp schicken. Eigentlich müßte sie ja vorher beobachtet u. reguliert werden.
Vielen Dank für Deine Bemühungen um den Kirchenrat Mieg. Ich werde mich an den Herrn Banzhaff einmal wenden.
Die Briefe der Unbekannten dauern fort und werden immer dreister.
Es ist hier schon sehr frühlingsmäßig. Für den April ist mir das verdächtig. – Verzeih die Unordnung; aber der Redner untersucht eben, wie oft der Elefant am Tage mit den Ohren schlägt.
Im ganzen ist es wohl besser, dieses Durcheinander abzubrechen und in einer stilleren Stunde fortzufahren. Ich will nur noch sagen, daß ich Weises Vortrag über Greco leider nicht hören konnte. Die Arbeit an der Deutschen Akademie schreitet fort und wir haben in den letzten Wochen 10000 M Spenden erhalten.
Viele herzliche Grüße und Dank für den reichen Inhalt Deiner Sendung.
Innigst Dein
Eduard.