Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. März 1927 (Kiel)


[1]
|
Kiel, den 15. März 1927.
Mein innig Geliebtes!
Deine lieben Gedenkzeilen sind gestern Nachm. hier eingetroffen. Ich habe sie mit tiefer Dankbarkeit empfunden.
Ich bin nun schon 4 Tage in Kiel, und ich kann nicht sagen, daß ich dabei müßig bin. Der Besuch bei Heinrich Scholz am 1. Nachmittag gestaltete sich zu einer wehmütigen Gedenkfeier in der Wohnung, die er kaum noch bewohnt. Das Zimmer der Verstorbenen wirkt wie ein Altarraum. Wir aßen zusammen in m. Hôtel zu Abend. Sonnabend 8 Uhr früh holte mich ein Kapitän im Auto ab und ich sprach vor den beiden Admirälen und etwa 150 Offizieren etc. über "Erwachsenenbildung." Ob die Ausführungen den Anwesenden viel genützt haben, ist mir zweifelhaft. Im Anschluß daran fuhr ich im Motorboot des Admirals Hofmann mit dem Kapitän Behr durch den ganzen Hafen bis zur Öffnung der Förde. 3 Kriegsschiffe lagen zur Ausfahrt bereit.
[2]
| Für meine Verhältnisse war es etwas kühl auf dem Wasser. Nachm. war ich wieder bei Heinrich in der Wohnung. Wir gingen gegen Abend nach dem Friedhof und standen fast eine Stunde in novemberlicher Luft am Grabe von Elisabeth. Es läßt sich schwer schildern, wie sehr noch jetzt, nach fast 3 Jahren, Heinrichs Existenz den Eindruck eines gebrochenen Lebens macht. Abends kamen der Philosoph Stenzel, der Mathematiker Töplitz und ein philosophierender Studienrat zum Abendbrot zu Scholz, und es wurde bis ½ 12 lebhaft disputiert.
Sonntag blieb mir im wesentlichen zur Konzentration auf m. Vortrag frei. Nur Mittags ging ich mit Scholz in die Kunsthalle u. ein paar Straßen. Nachm. kamen unangemeldet Herr u. Frau Flitner zum Tee in m. Hotel. Der Vortrag fand um 8 Uhr vor etwa 500 Leuten in der Aula der Universität statt und dauerte 1 Stunde 25 Min. Trotzdem mußte ich sehr zusammendrängen. Der Gegenstand ist für solche Gelegenheiten zu schwer. Das Ganze wurde noch dadurch erschwert, daß die bestellte Tafel für m. Symbole nicht aufgestellt war. Wie die Sache gewirkt hat, weiß ich nicht. Es war jedenfalls eine Kraftleistung 1. Ranges. Unter
[3]
| den Zuhörern befand sich außer dem Rektor der Universität (Kunsthistoriker Haseloff) und vielen Dozenten auch - Husserl. Nach der Rede war ein Kreis von Dozenten (Rektor u.a.) in m. Hôtel mit mir bis 12 zusammen.
Montag früh um 9 war ich per Auto weit draußen in der Päd. Akademie bei ihrem Direktor Ulrich Peters. Ich habe einen großen Teil des Betriebes gesehen, will aber jetzt noch nicht urteilen, weil heut Abend erst ein Zusammensein mit den dortigen Dozenten, dann mit den Studierenden beiderlei Geschlechts folgt. Erst gegen 2 kam ich zu Mittag. Nachm. besuchte ich vergeblich in der allein schönen Gegend von Kiel noch Düsternbrook zu Frau Flitner (er war abgereist) und Nieschlings Bruder. In ¾ Stunden Fahrt kam ich wieder nach der Akademie, setzte die Besichtigung fort und fuhr dann mit Peters und Frau in die Stadt, wo in der ältesten Kirche eine sehr schöne Aufführung der Missa sollemnis stattfand. Hinterher lud ich beide zu mir ins Hotel. Sie blieben bis nach 12, nach ½ 1 kam ich ins Bett. Heut morgen war ich bereits um 8 in der Akademie und hatte starke Eindrücke in der zur Akademie gehörigen Volksschule.
[4]
|
Es ist heut ein wunderschöner, klarer Tag. Ich kann aber nichts unternehmen, weil ich noch Besuche machen muß und abends die Sache gewiß sehr lange dauern wird. Morgen um 11 ist ev. noch Zusammenkunft mit den Mitarbeitern des Jugendamtes, um 1 Mittagessen mit Scholz, um 2.42 fahre ich nach Lübeck, und Donnerstag früh nach Stralsund Hôtel Goldener Löwe. Am Freitag bin ich zurück.
Susanne sagte mir, sie habe versäumt, Dir zum 25. zu schreiben, weil sie in den Tagen überhäuft war. Es wundert mich, daß sie das noch immer nicht nachgeholt hat. Ein besonders inhaltreicher Brief wird Dir ja nicht verloren gegangen sein. - Die Nachrichten aus Neubabelsberg hierher lauten nicht günstig.
Ich wünsche Dir gute Tage in Frankfurt. Schon jetzt freue ich mich sehr auf unsre Erholungszeit. Ich habe sie eigentlich reichlich verdient. Der große Ruf, der mir überall (auch in der Akademie vorangeht), bes. als Vf. der "Psychologie des Jugendlasters" (Kieler Zeitung) macht das Leben nicht bequemer. Die 6000 Ex. Lebensformen wie die neue Aufl. der Jps. sind schon bald wieder verkauft. Die "Gedanken über Lehrerbildung" ja nicht. Aber was hier steht, ist fast genau die Ausführung meiner Idee.
<re. Rand>
Viel innige Grüße, mein Liebes, in täglichem Gedenken von Deinem Eduard.

[Kopf] Habe ich Dir eigentlich von der Wendung im DLV geschrieben.
[li. Rand] Billig ist so eine Repräsenationsreise auch nicht gerade.