Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. Mai 1927 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 2. Mai 1927.
Mein innig Geliebtes!
Es ist gerade noch ein Spielraum von 20 Min., ehe ich 4 Stunden im Staatsexamen prüfen muß. Wenn das auch nicht für einen Brief reicht, so möchte ich Dir doch wenigstens für Deine beiden lieben Briefe herzlich danken und Dir kurz berichten.
In der Bahn waren die "Helden v. Weimar", d. h. Meinecke u. s. Kreis: Herkner, Stählin, die alte liebe, offenbar irregeführte Exc. v. d. Leyen, die ersteren offenbar unangenehm berührt, auf ihren schiefen Pfaden in flagranti von mir betroffen zu werden. - Zu Hause fand ich Gottlob nicht so ein buntes Chaos wie Du. Ich schrieb am 1. Vormittag immerhin 30 Postsachen. Nachm. in Neubabelsberg hatte ich wieder mal besonders häßliche u. verstimmende Eindrücke. Donnerstag 1. Sprechstunde, die mit Pause ca 4 Stunden dauerte; letzte Nummer ganz interessant: Tochter v. Tirpitz. Akademie mit jämmerlichem Vortrag von Meinecke.
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Freitag Vorm. Hans Heyse zu Besuch. Nachm. Sitzung. Abends plötzlich angesagter Bierabend beim Minister v. Keudell, anläßlich der Schulungswoche der Deutschnationalen Studentenschaft, also halb privatim. Die Sache verlief anders, als ich sie mir gedacht hatte: Ich kam ausgerechnet an die rechte Seite der Frau v. Keudell zu sitzen; auf der andern saß Graf Westarp. Eine sehr liebe, natürliche Dame. Mit dem Minister sprach ich nur kurz, doch stellte er spätere Zusammenarbeit in Aussicht über die Frage: "wie wir wieder aus der Defensive zur Aktivität kommen können." Anwesend waren außerdem Spahn, Smend, Kapitän Scheibe u. a. - Sonnabend Jugendgerichtstagung in Potsdam, Stadtschloß. Hervorragend langweilig. Angenehm war mir das Zusammentreffen mit Walter Hoffmann - Leipzig. Im Anschluß daran besuchte ich Felix Krüger in Wildpark, in einem Zigeunerlager s. Schwiegermutter, gegen das Aaron Wassertrum Gold ist. Gestern Aussprache mit Dessoir über Nachfolge v. Ferd. Jak. Schmidt. Nachm. nur halb geglückter Blütenspaziergang mit Susanne nach Teltow; allgemeines Versagen der Verkehrsmittel.
Morgen beginnen die Vorlesungen, für die ich
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| nun im ganzen gerüstet bin.
Hoffentlich ist es Dir gelungen, mit Atophan die Störungen zu vertreiben. Ich bin auch ziemlich in Ordnung. An die Reichenau denke ich mit Sehnsucht. Das Buch v. W. v. Scholz für Frommherzens ist bestellt, aber noch nicht eingetroffen.
Du weißt, daß der Einklang unsres Wesens von Wandlungen nicht berührt wird. Wenn Du aber fühlst, was in mir vorgeht, so weißt Du auch, daß ich unter einer Zwiespältigkeit leide, für die niemand etwas kann, weil sie in der Weltordnung und in der Natur des Menschen liegt. Das muß, wie so vieles andre, nach Kräften durchgehalten werden. Es hat keinen Sinn, sich darüber Grübeleien hinzugeben. Irgenwie muß es sich ja einmal lösen. Ich bin im ganzen jetzt nicht sehr menschenfreundlich. Das ist immer so, wenn man irgendwo schwer enttäuscht worden ist und mit sich selbst viel zu tun hat. Ich bitte Dich, mir im alten Geist nahe zu bleiben u. auch an meinem Wirken teilzunehmen, wie sonst, - vielleicht ein klein wenig mehr, als Anfang dieses Jahres. Ich bin dafür hellhörig, ob der andre wirklich hinhört.
Und nun muß ich abbrechen, wie ja auch
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| unser Zusammensein nur zu schnell abbrach. Sei mit innigem Dank und den treuesten Wünschen für Dein Befinden tausendmal gegrüßt von
Deinem
Eduard.