Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. Mai 1927 (Berlin)


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Berlin, Seminar, den 19. Mai 1927.
Mein innig Geliebtes!
Es wird nicht leicht sein, in der halben Stunde, die ich habe, auch nur das Wichtigste zu berühren. Für Deine beiden lieben Briefe danke ich vielmals, auch für das Packet, dessen Beilagen ich allerdings unter dem Drang der Umstände nicht lesen konnte.
Das Semester ist also in Gang. Die Päd. der Gegenwart ist unerwartet stark besucht (mindestens 500), der "Pestalozzi" (öffentlich) etwas schwächer ca 450. Das Seminar ist angekurbelt, und das alles wird sich schaffen lassen. Viel Mühe kostete mir daneben der Vortrag für die Eröffnung der "Heilpädagogischen Woche". Er fand viel Anklang und ist ebenso erledigt, wie die gestern Abend überflüssiger Weise vor 80 Leuten gehaltene Gedenkrede Nr. X auf Pestalozzi. Zu dem ersteren Thema wäre es mir lieb, wenn Du mir bald (ev. unter Befragung Deiner medizinischen Experten) schreiben könntest, was "Krankheit" ist.
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Mein Privatleben ist nicht sehr erfreulich. Meine wenigen Freundschaftsbesuche bringen immer "Aussprachen." Auch Dora Thümmel betritt diesen Pfad, wenn ich ihr auch nicht den Vorwurf machen kann, ihn gewohnheitsmäßig zu gehen. Aber überraschend war mir diese Selbsttäuschung über das Fundament unsrer guten und sehr tiefen, nur mit anderem nicht verwechselbaren Beziehung. Die bisherigen beiden Besuche in Neubabelsberg brachten beide kritische Situationen bis zum Extrem. Das erste Mal handelte es sich um das bekannte Thema, dass ich verändert sei, wenn ich mit Dir zusammen reiste; das zweite Mal sollte ich versprechen, öfter als alle 14 Tage zu kommen, was ich einfach nicht kann. Nimm dazu, daß Frl. Wingeleit mir wegen meiner Schweigsamkeit ein Dauergesicht zieht - so merkst Du, daß das Dienstliche noch der erfreulichste Teil meines Daseins ist.
Die ungesehene Korrespondentin ist nun bei dem 5. ihrer aggressiven Briefe angelangt. Im letzten erwähnte sie Direktor Lenschau (von Elisabeths Schule.) Ich besuchte ihn daraufhin
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| und stellte als seine Meinung fest, daß die Betreffende "mannstoll" sei. Es ist gut, daß ich jetzt einen Zeugen habe.
In Luzern von Weißbrot hatte ich in meine Platte einen Sprung bekommen. Das ist seit heut repariert. Herrn Kurzrock habe ich wegen akuter Verschlimmerung meiner Darmzustände aufsuchen müssen. Er hat mir Papaverin verschrieben, und das hat zunächst geholfen.
An Sonderpflichten habe ich gehabt: die beiden ganz unfruchtbaren Sitzungen des Landesgewerbeamtes und des Jugendbeirats für Jugendpflege; ferner 2 Sitzungen des Kulturbeirats der Deutschen Welle, wo ich Herrn Heinrich Schulz, den ehemaligen Sekretär für Reichs-Bildung genießen darf. Bei einer dieser Gelegenheiten stellte ich die Abgeordnete Frau Oberschulrat Dr. Wegscheider wegen ihrer Äußerung "Herr Pr. Sp. hat den Redner, den er verdient." Sichtlich überrascht, fand sie doch allerhand Argumente gegen mich - die Volksfeindlichkeit etc. Doch hat das gut getan u. Klarheit geschaffen. Sie schrieb mir gestern noch einen langen Brief, worin sie mir
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| alle Ehre antat, aber forderte, ich solle einen Professor neben mich berufen, der die Päd. von den "beiden größten Bewegungen der Zeit aus", der proletarischen Bewegung u. der Frauenbewegung aus triebe. Das ist nun daneben gehauen. Denn Nr. II trifft für mich zu, für Nr. I ist Siegmund-Schultze freiwillig von mir berufen. Um sie aber zu ärgern, werde ich ihr antworten, wenn es zu dieser Parlamentarisierung der Lehrstühle käme, wäre ein Katholik der erste, und ein Kommunist der zweite, wegen der größeren Kräftigkeit der Weltanschauung.
Einen Abend war ich bei Frau Benary eingeladen, geriet aber dort - ich weiß nicht, wie man das schreibt, ziemlich in die Mesporche. Am Montag vielköpfiger, ganz hübscher Ausflug mit Seitzens nach Pichelswerder. Ad vocem Seitz: das Bild von der Brücke ist hübsch, Frl. Lenard eine angenehme Erscheinung, aber wohl ein bißchen juive? An Frommherzens ist eine Radierung vom Berliner Schloß gerahmt abgegangen, 15 M, sah aber nicht danach aus. Tante Vally sprach ich kurz; sie verläßt Berlin.
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In den nächsten Tagen steht Kerschensteiner in Aussicht. Frau Meinecke hört bei mir Pestalozzi. Das ist lauter Kleinkram, was ich Dir hier berichte. So sieht es in mir auch aus. Ich bin eigentlich noch nicht zu mir gekommen. Das ist ganz gut. Denn die menschlichen Beziehungen sind z. Z. höchst unerfreulich. Und ich fühle doch, wie zugespitzt der Geisterkampf allgemein in der Gegenwart ist. Wenn man mir einen Radikalen als Nachfolger v. Ferd. Jak. Schmidt oktroyiert, so stehe ich mittem im Schlamassel.
Eben habe ich mit Bernhard Runge Mittag gegessen und ihm dabei eine kleine Vorlesung gehalten. Jetzt muß ich zur Akademie. Verzeih diese unvollständige und konfuse Antwort. Sie ist vielleicht doch besser, als keine. Dank für Zigarren, Strümpfe, Chokolade etc.
Viele innige Grüße
Dein
Eduard.

Nach einer Vorlesung tauchte unerwartet u. unerhofft - Hans Witting auf.
Von den Stahlhelmen habe ich nicht <Zahl unleserlich: 1> Exemplar gesehen.