Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Mai 1927 (Berlin)


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26.5.27.
Heut bin ich nach einer Pause von 14 Tagen wieder in Neubabelsberg gewesen. Was ich dort miterlebte, hat mich in einem seltenen Grade angewidert, obwohl kaum noch ein Zweifel sein kann, daß es sich um schwer krankhafte Zustände handelt. Meine gegen Freundschaftsanalysen ablehnende Haltung hat den üblichen Erfolg gehabt: ich bin zur Seite gestellt, und ein andrer soll der liebebedürftigen Seele die Erfüllung geben. Diesmal war niemand anders da als die im Haus lebende Studentin Martha Knaack, ein gutes, sehr einfaches und sehr uninteressantes Menschenkind. Mit ihr ist nun plötzlich, da die "tiefe Verwandtschaft" entdeckt worden ist, das "Du" eingeführt worden, eigentlich eine schamlose Sache, wenn man die Flüchtigkeit der Beziehungen bedenkt. Aber das ist ja der typische Verlauf.
In Gegenwart dieses Mädchens, die vermutlich im November bei mir Examen macht, wurde nun verhandelt, daß ich 2000 M überweisen soll, zur Hälfte für Lore und zur Hälfte für Adelheid.
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| Es wird geschehen. Dann war ich Zeuge, wie das arme Ding der schwersten seelischen Analyse ausgesetzt wurde, deren Art ich ja kenne: der Gewandteste kann dem Los nicht entgehen, dabei die Grenzen seiner seelischen Hörigkeit zeigen zu müssen. Mich traf starker Tadel, daß ich die schwere Seelensorge nicht mit diskutierte. Ich war in der Tat vor Widerwillen einfach stumm. "Ich kann nun einmal nicht gegen meine Natur: die absolute, schlichte Offenheit". Pfui, so klingt es in mir auf dem ganzen Heimweg. Der Kräftezustand ist notorisch schlecht. Sog. Herzneurose und Unterernährung. Trotzdem Plan: Frau Heyse in Bremen zu besuchen. Ja noch mehr: es langt an keiner Stelle; aber 3 arme Kinder mindestens mit einer geprüften Pflegerin sollen ins Haus genommen werden. Natürlich lauter Phantasie. Sie würde nicht eines einen Tag ertragen. "In mir ist es ganz hell und klar. Du wirst mich auch noch sehen lernen, wie ich bin."
Der Abschied war beiderseits kühl u. gezwungen. Ich bitte Dich nun um Deinen Rat. Eigentlich kann ich in dieses Haus garnicht wieder hingehen. Aber ich muß dem armen Ding doch wieder heraus
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|helfen, die mir beim Gehen sagte: "Ich bin so bange, daß Sie fortgehen. Wenn Sie weg sind, geht die Unterredung immer so weiter."
Ist es nur eigentlich einem Kranken erlaubt, seine Umgebung durch solche Quälereien zu entkräften? Martha, die Geliebte, steht doch im Examen und ist ein kümmerliches Ding. Ich kann sie da nicht lassen. Lore und Heidi, beide ja auch schwer belastet, bleiben dem Haus nach Kräften fern. Alfred Krech, ein Student der Technik, der eben in der praktischen Ausbildung steht, soll quasi gezwungen werden, im Hause zu wohnen. Der Unselige müßte, um Oberschönweide zu erreichen, um 5 das Haus verlassen. Die "Stütze" geht spätestens nach Pfingsten. Martha Knaack, die gute Seele, bliebe allein im Hause. Das ist doch garnicht zu dulden. Ist hier nicht das Eingreifen eines Psychiaters dringend nötig? Aber wie soll man das machen? Tobsucht liegt nicht vor, also auch kein Grund für Anstaltsbehandlung. Die Geschäftsfähigkeit ist garnicht <gestrichenes unleserliches Wort> gestört. Nur wird jeder, der in die Nähe kommt, um sein bißchen Nervenkraft gebracht. Rigorose Maßnahmen können bei der
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| offenbar vorhandenen Herzverkalkung schweren Schaden bringen. Offene Aussprache oder ein prinzipieller Brief versprechen in diesem Stadium garkeinen Erfolgt mehr. Was soll man tun?
Es ist eine Tragödie. Jeder, der das Haus besucht, wird im Charakter, d. h. in seiner Offenheit, geschädigt. Für mich bedeutet dies Erlebnis einen schwer zu reparierenden Stoß gegen einen Glauben, der mir lange Zeit etwas Hohes und Reines gegeben hat.
Ich werfe diese quasi Tagebuchnotiz in den Kasten. Ein Brief folgt später. Du fühlst wohl, daß ich ratlos bin. Martha Knaack aber muß ich morgen irgend etwas Entschiedenes raten.
Innigst Dein
Eduard.