Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Juni 1927 (Berlin)


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2. Pfingstfeiertag 1927.
spät.
Mein innig Geliebtes!
Alle Deine lieben Briefe seit unsrem Zusammensein liegen vor mir, bis auf den allerletzten, der wieder einmal, wie es meistens geht, wenn ich etwas anfange, nicht aufzufinden ist. Aber es wird schwer sein, auf jede Einzelheit zu antworten. Mit dem Dank für die schönen Beilagen (3 Bilder!) und die interessanten Briefe, die mit meinen gesammelten "Documents humains" zurückfolgen (zurückerbeten!) will ich beginnen.
Am meisten hat mich natürlich das neue Unglück in Hofgeismar erschüttert. Kannst Du mir Näheres sagen, um was es sich da eigentlich handelt? Welcher Art sind die Symptome? Ich bin ja jetzt in der Psychiatrie mehr drin, als mir lieb ist. Hoffen wir, daß es eine der Entwicklungskrisen (nichts Ererbtes) ist, die sich zurückbilden!
Bei dieser Gelegenheit möchte ich fragen: weißt Du eigentlich, an welcher Stelle das furchtbare Unglück der Druseltalbahn stattgefunden hat?
Daß Du mit Jacobsen zusammen warst, freut mich sehr. Ein ganz andrer Typus als Günther. Natürlich
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| würde ihm eine Einladung zum Abendbrot nur erwünscht sein. Briese macht einen guten Eindruck. W. Scheibe garnicht. Es war nie ein besonders günstiges Zeichen, wenn einer bei dem gutartigen, nicht unbedeutenden aber doch schwächlichen Berthold Otto landete.
Wann ich Dir zuletzt ausführlicher geschrieben habe, weiß ich, mit Beschämung gesagt, selbst nicht mehr. Ich will zunächst meine Arbeiten, abgesehen von der laufenden, oft steigenden Semesterarbeit aufzählen. Außer einem ganz kurzen Pestalozzireferat für die "Forschungen u. Fortschritte" habe ich die Korrekturen der beiden Manuskripte gelesen, die ich Dir in Luzern mitteilte. An einem guten Tage schrieb ich mit innerster Anteilnahme einige Seiten für das bevorstehende Fröbelfest: "F. Fröbels Weg zum Erziehertum". Ich habe in diesem "folgerichtigen" Werden geradezu geschwelgt. Aber Pestalozzi ist doch noch unendlich mehr. Ich beginne jetzt, ihn tiefer zu sehen. Die Rede ist daran gemessen - oberflächlich. Am Sonnabend Abend schrieb ich von 9 - ½ 12, Sonntag von früh 9 - ½ 2 (leichter Schreibkrampf) und 3 - ¾ 4 die 40 Seiten des Heilerziehungsvortrages; der steht nun auch da. Aber ich habe davon - Zahnschmerzen, ein indirekter
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| Beweis, daß der schlechte Zustand meiner Zähne doch mit der Anstrengung des Gehirns zusammenhängt. Was die Mediziner über Krankheit sagen, ist - unter uns - nicht so viel wert. Ich danke Dir für die Mitteilungen. Viel mehr weiß ich auch nicht, aber ich weiß, daß ich nichts weiß. Du wirst ja sehen, wo das Problem eigentlich sitzt, und das muß man doch zuerst erfassen. Gestern ist das 1. Exemplar vom 17.-22. Tausend der "Lebensformen" gekommen. Du hast keine Vorstellung, wie verächtlich über das Buch jetzt von sog. Fachleuten geschrieben wird. Für die meisten ist es doch wohl zu hoch und zu - sauber. Denn obwohl es viel gelesen wird: wer versteht es denn, ich meine: die Tendenz auf Form- und Gesetzerfassung des individuellen Geistes? Da stehen wir noch in den Anfängen, und ich werde darüber wohl noch elementarer schreiben müssen, damit die Leute erst mal einsehen, wonach hier eigentlich gefragt ist. Thema einer Prüfungsarbeit: "Was lehren Sps. Lebensformen für die Psychologie des Idioten?"
Goldbeck sieht so was nun doch als einer der ganz wenigen. Ich war gestern 2 Stunden bei ihm, und es war ganz erfreulich, obwohl alles wieder nur um Psychopathologisches ging. Aber das ist ja nun auch beinah die Atmosphäre geworden, die wir atmen.
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In der "Deutschen Akademie" ist so etwas wie ein Skandal passiert. Am letzten Montag sprach auf unsre Einladung Geheimrat Ernst v. Borsig (der Enkel) über "Sozialpolitische Betrachtungen eines Unternehmers." Ich begrüßte die nicht allzu zahlreichen Hörer (darunter Harnack mit Frau u. Tocher), von einem guten Instinkt geleitet, mit Worten, die in Anknüpfung an Platos Akademie (Niemand hat Zutritt, der nicht Geometrie studiert hat) in dem Satz gipfelten: Zu uns gehört keiner, der nicht von warmer Liebe für das deutsche Volk erfüllt ist. Hiernach hielt Herr v. Borsig einen fast arbeiterfeindlichen, durch Kühle des Tones wie veraltete Argumente und Unkenntnis der Zeitlage gleichmäßig auffallenden Vortrag. Schon am nächsten Tage las ich, wie erwartet, die fette Titelüberschrift einer kommunistischen Abendzeitung: "Herr Borsig spricht: 50000 Menschen können ruhig zugrunde gehen." Auch die andern Linksblätter äußerten sich, nicht mit Unrecht, empört. Ein Angriff gegen die Akademie oder gar gegen mich ist bisher nicht erfolgt. Aber die Situation ist übel. Abrücken muß ich, und andrerseits geben uns nur die Industriellen Geld.
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Gleich am nächsten Tage andere Aufregung. Einer meiner treuesten Studenten erzählte mir, Rodiek (der mich nach Oldenburg rief) habe einen Steckschuß in der Lunge. Das Geschoß senke sich, nähere sich dem Herzen; er habe nur noch wenige Tage zu leben. Ich ging sofort zum Rektor, um durch ihn Bier für den Fall zu interessieren, und bestellte Rodiek durch <gestrichenes unleserliches Wort> Rohrpost. Als ich ihn dann selbst sprach, stellte sich heraus, dass es das garnicht sei, sondern daß er aus Weltanschauungsnöten vor dem Selbstmord stehe. Ich lud ihn für Mittwoch zum Abend ein, und es gelang mir anscheinend, ihn soweit aufzurichten, daß unmittelbare Gefahr beseitigt ist. Allerdings glaube ich, daß eine Tendenz dieser Art schwer aufzuhalten ist. Ehe ich diese schwere Unterredung hatte, kam ich zu einer Konferenz über ein großes Hochschulwerk, für das der Verlag den Vorsitzenden des deutschen Hochschulverbandes u. andere Professoren, darunter mich, kapern will. Ich fand einen üppigen Tisch zum Diner gedeckt, an dem teilzunehmen ich mich weigerte (Kaiserhof.) Zur Sache kamen wir in dieser "Stimmung" natürlich nicht.
Jeden Tag halten Ausländer Vorträge, zu denen man eigentlich gehen müßte. Aber ich habe
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| durchschnittlich einen Tag von 12, manchmal von 14 Stunden und muß das meiste unterlassen. Mit Kerschensteiner ging ich 2 Stunden im Grunewald spazieren. Auch Muthesius war einmal da. Der Dekan aß mit uns Mittag. Im Zentralinstitut war Sitzung, bei der der Minister mich wieder mit auffallender Auszeichnung behandelte. Die Entbindung von der Wintervorlesung ist erfolgt. 2 Seminare à 2 Stunden werden ich aber doch halten. In den letzten Tagen lag über der Studentenschaft eine Nervosität wegen Gewitterstimmung u. politischem Inhalt meiner Vorträge, so daß schwer Ruhe u. Aufmerksamkeit zu erhalten war.
Sonnabend habe ich 3 Besuche in Lichterfelde gemacht, Klara Rauhut nicht getroffen. In m. Wohnung ist ein Radioempfangsapparat mit Lautsprechern gratis angelegt, damit ich die deutsche Welle hören kann. Bis jetzt habe ich nicht einmal Zeit gehabt, mir von Frl. W, die darüber aus allen façons kam, erklären zu lassen. Ein Konflikt mit Herrn Gutsche, dessen Tonart in dieser Sache mir nicht gefiel, ist beigelegt.
Programm für die nächsten Wochen:
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| Morgen, wenn ich aufgelegt bin, Neubabelsberg. Neulich lange Unterredung mit Frl. Knaack, die die patholog. Situation vollkommen erkennt.
Mittwoch mit Susanne nach Tangermünde (mein freier Tag.)
Donnerstag erst zum Zahnarzt. Dann nach Weimar. (Adresse Sch. R. Dr. Muthesius, Cöllnerstr. 14a.) Die Zeit bis zum Sonntag ist über alles Maß besetzt. Allein 3 Vorstandsitzungen (konfliktreich) 2 Theateraufführungen, Ausflug nach Jena.
15. Juni Kulturbeirat der Deutschen Welle.
17. JuniKonferenz im Ministerium.
18.-20. Juni  märkische Jugendpflegerinnen in Jugendherberge bei in Hirschluch bei Storkow (außer der Welt.)
21. Juni:Soz. Gesellsch. für wiss. Päd.
22 Juni: Vorstand der Deutschen Akademie
23. Juni Leibnitzsitzung der Preuß. Akademie
24. Juni.Staatswiss. Gesellschaft
27. Juni:Staatsexamina.
  3. Juli: Abreise nach Eisenach zum Fröbelfest.
  4. Juli: Rede daselbst. Ev. Ausfallen der Vorlesungen am 5. Juli u. weitere Teilnahme.
Dann kommt noch auswärts eine Sitzung in Sachen des Hochschulwerkes.
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Die Verhandlungen mit Siebenbürgen gehen hin u. her. Es steht noch nicht fest, ob Partenkirchen vorher oder nachher liegt. Vermutlich doch das letztere, sodaß ich erst gegen Mitte August hier abreise. Jeden Tag lehne ich mindestens eine Aufforderung nach auswärts ab. Die neuen Bücher schichten sich zu Bergen. Manuskripte, heut erledigt, sind morgen durch 3 neue ersetzt.
Gesundheitlich geht es mir gut, seitdem ich mehrere Nächte das Heizkissen auf den Leib gelegt habe. Das Verfahren scheint den gesamten Zustand gebessert zu haben, obwohl er noch nicht fort ist; hängt stark mit Seelenlage zusammen.
Heut war ich bei Dora Thümmel, die nach Ostpreußen reisen will. Deine Grüße sind bestellt. Ich sollte wohl noch sehr viel mehr schreiben. Aber es schlägt ½ 12, und Du nimmst für heute vorlieb. Morgen kommt früh das nicht mit Gold zu bezahlende Frl. Silber, und vor der Reise muß das Dringendste erledigt sein. Deshalb sage ich Dir gute Nacht und wünsche Dir gute Tage. Vor allem auch Kräftigung der Augen! Der Sommer ist hier bis jetzt trostlos. Man hat garnichts von den langen Tagen. Bis vor kurzem haben wir geheizt. Bitte grüße den Vorstand. Des 3. Juni habe ich still gedacht. Innig Dein <re. Rand>, wie Du siehst, im Strudel lebender Eduard.
[li. Rand] Eben findet sich auch Dein neuester Brief. Wie war es mit Hermann? / Wie sollte ich ein Konzert hören??