Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. Juni 1927 (Weimar)


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Weimar, den 11. Juni 1927.
Mein innig Geliebtes!
Zwischen Rede, Mittagessen und der Fahrt nach Jena habe ich nur 5 Minuten, um Dir auf Deinen Brief, der mich natürlich sehr beunruhigt, zu antworten: das mit G. Schwidtal wird bei nächster Gelegenheit besorgt werden. Schwerer ist der andere Fall. Ohne Rudi gesehen und gesprochen zu haben, kann ich nätürlich garnichts sagen. Ich habe nur den Eindruck, als ob (abgesehen von früher) große Fehler mit dem Jungen gemacht würden. Schon daß er all diese diktierten Briefe schreibt! Die Abneigung der Familie ist ebenfalls verhängnisvoll. Endlich das Gutachten, daß er ein Psychopath sei - womit man in Göttingen wohl dem Onkel gefällig zu sein dachte. Anscheinend ist doch garnichts passiert, was nicht bei schwach gearteten Studenten in der Welt immer wieder vorkommt. Und da muß man ganz anders verfahren. Nun gar moral insanity - was es ja garnicht gibt!
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Mein Rat wäre dieser: Nimm ihn gleich mit Dir nach Heidelberg und laß ihn ein paar Wochen im Seltenleer wohnen - jedoch ohne daß der Vorstand zu viel hineinwirtschaftet. Wenn ich am 3. Juli (Sonntag) nach Eisenach fahre, könnte ich ihn dort am frühen Nachmittag eine Stunde sprechen und beraten. Am besten ohne Vorbereitung auf mich und meine Art. Ein Berufswechsel macht sich doch nicht sofort, und eine Möglichkeit zur Unterbringung unter scharfer Aufsicht (die außerhalb einer Anstalt unmöglich ist) sehe ich auch nicht, wenigstens im Augenblick nicht.
Für heut nur dies Eiligste. Ich bin recht erschöpft und wieder gesundheitlich etwas geplagt. Ich muß fort. Viele herzliche Grüße
Dein
Eduard.