Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9./10. Juli 1927 (Berlin/Wilmersdorf)


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<Stempel:
Professor Spranger
Berlin-Wilmersdorf
Hohenzollerndam 39>

9.7.27.
Mein innig Geliebtes!
Seit dem 27. April ist heut der erste Nachmittag, über den ich frei habe verfügen können, und den habe ich natürlich auch für "Erledigungen" verwandt. Es regnet in Strömen nach einem unsagbar heißen, stürmischen Tag, und vom offnen Fenster kommt einige Erquickung.
Endlich kann ich Dir ordentlich danken für die Geburtstagsgaben, deren eßbarer Teil verschwunden ist, während die Bezüge wohl noch auf den Inhalt warten sollen; oder soll ich ihn hier besorgen? In der Brillenfutteralfrage möchte ich folgendes vorschlagen - und Du nimmst den Kuhhandel bitte nicht übel: Ich habe von D. Th. auch eins bekommen, das außen rauh ist und insofern praktischer, als es mit einem großen Schlüsselbund zusammensteckt. Nun möchte ich Dir
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| gern Deines schenken. Seltsam, nicht wahr, aber praktisch! Meine Freude über die Bilder habe ich Dir bereits ausgesprochen.
Deinen lieben Brief kann ich endlich im einzelnen beantworten. Natürlich denke ich viel an den armen Onkel, und auch ich kann den Gedanken nicht unterdrücken, daß ihm eine Erlösung von diesem tragischen Dasein zu wünschen wäre. Aber das steht in Gottes Hand. Was den Fall Rudi betrifft, so hat mich der Schleier, den man darüber breitet, etwas verstimmt. Wenn man nicht weiß, was eigentlich los ist, kann man nicht raten. Nur schließen kann ich, daß er ein bis 2 tausend Mark durchgebracht hat. Wann, wie, wieso? Für Bier kann man das doch nicht ausgeben. Also: où es la femme? Hierüber werde ich mich erst wieder äußern, wenn ich Näheres weiß.
Das übrige der Reihe nach. Meine Beziehung zum Reichsminister v. Keudell beschränkt sich bis her auf jene Abendeinladung. Das Schulgesetz ist in Arbeit. Ein vernünftiger
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| Schulrat aus Stuttgart ist dazu berufen worden. Auch er hat den Wunsch geäußert, mich zu sprechen. Geschehen ist aber bisher von beiden Seiten nichts.
Die Inschrift an der Hattozelle kann ich auch mit der Lupe nicht lesen. Denn ich habe keine Lupe.
Hast Du gar kein Exemplar der umgearbeiteten Lebensformen? Ich meine doch, Dir vor 2 Jahren eins geschickt zu haben.
Frl. v. Thadden wurde wieder in Gesprächen mit Frl. v. Tirpitz erwähnt. Ich habe sie auch gewarnt, sich mit ihr nahe zu verbinden.
Deine Radiobadekur solltest Du jedenfalls nicht über die gute Jahreszeit hinausschieben. Später ist es gefährlich, danach über die Straße zu gehen, wie Du weißt.
Jacobsen ist natürlich kein Kommunist (dafür würde ich danken), sondern ein Jungsozialist.
Mein Urlaub erstreckt sich nicht auf die Übungen, Prüfungen, Sitzungen; nur auf die Vorlesungen. Viel Freiheit wird nicht herauskommen,
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| weil ich schon ungeheuer viel sonst habe. (Regelmäß. Akademievortrag, öffentl. Akademievortrag, Tübingen etc.)
Der Termin für Siebenbürgen steht immer noch nicht ganz fest. Nur dies, daß ich Anfang September in Hermannstadt für die Hochschulkurse spreche. Aber wegen des Lehrertages in Kronstadt habe ich noch immer keine Antwort. Deshalb läßt sich auch der Aufenthalt in Partenkirchen noch nicht festlegen. Hingegen steht fest, daß ich vom4.-6. Okt. in Cobern a. d. Mosel predige, am 8. Oktober mit Litt in Saarbrücken und daß ich vom 13.-15.X zur Hauptversammlung der Deutschen Akademie in München sein muß.
Die erledigten Sachen:
Weimar: Gute Rede v. Max Wundt, unbeschreiblich herrliche Aufführung der Iphigenie durch die Dresdner in Jena. Miserable der Natürl. Tochter in Weimar. Lange u. langweilige Sitzungen 3 Tage hintereinander. Keine Erholung.
Hirschluch, Gegend hübsch. Aber überwiegen alte Schachteln von geringer Bildsamkeit,
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| im ganzen nicht sehr gelungen, trotz einiger Lichtblicke. In Jena wie in den letzten Hirschlucher Tagen katastrophenartige Regengüsse.
Eisenach: Eindrücke überwiegend schön, z. T., wie der Abend im Wartburghof mit der 1200 köpfigen Mädchenschaar, unvergeßlich. Meine Rede, durch Handschriftenstudium vorbereitet, recht wohl gelungen. ca 2.000 Zuhörer. Am 3. Tage bei gutem Wetter Wartburgbeleuchtung. Hunderte von jungen Mädchen schweigend ergriffen auf der Hotelterrasse. 3 mal besuchte ich Herrn Vierecke. Erst das dritte Mal sprach ich ihn; aber auch nur kurz. Er ist schon sehr schwach. Er schickte mir jetzt sein u. seiner verstorbenen Frau Bild. Gut war mein Gedanke, Johanna Richter allein zum Spaziergang nach der Hohen Sonne einzuladen. Ich frischte Bilder auf, die ich zuletzt vor - 35 Jahren gesehen habe. Ein kleines Aber war auch bei dem Ganzen. Für Reise, Aufenthalt, Vortrag überreichte mir die Kassiererin satzungsgemäß - 50 M. Die gebe ich zurück mit der Begründung: entweder mache
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| ich es aus Freundschaft, oder die Vorstandsmitglieber (u. also auch ich), müßten die Reise II. Kl. und Hotel mit Frühstück ersetzt erhalten. Allein die Hin- u. Rückreise kostete mir 60 M. Privatsache ist, daß ich Erika mitnahm, 5 Personen zum Diner einladen mußte (Muthesius, Frau Neuffer-Stavenhagen, Gräfin Bose, Weimar, Holzhausen - Sonneberg, Erika) Gesamtunkosten 200 M. Daß ich nicht III. Kl. fahren kann, erwies sich auf der Rückreise, wo ich den Oberbürgermeister v. Eisenach traf, einen ausgezeichneten Mann, der mich bis Halle unterhielt! ¹) Dort stieg dann "Ersatz" ein. Es war überhaupt maßlos anstrengend.
In meinen Finanzsachen bin ich unvermerkt zu lässig geworden. Bei sämtlichen Vortragsreisen dieses Jahres habe ich zugesetzt. Verliehen habe ich, daß Du's für alle Fälle weißt:
Frau Kempler-Paulsen   2000 M.
Frau Riehl2000 M
Ludwig  500 M.
Frau Witting 1000 M } soll erledigt
Wenke   200 M }sein.
______
5700 M.
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In Neubabelsberg spitzen sich die Dinge in trauriger Weise zu. Der Geburtstag (26.6.) war ja noch ohne hervortretende Zwischenfälle, und seitdem war ich noch nicht wieder draußen. Aber der Brief, den ich seitdem bekam, war völlig inkohärent. Auch Fernerstehende merken jetzt in kurzer Zeit, daß eine Krankheit vorliegt. Frau Riehl selbst scheint gelegentlich Krankheitseinsicht zu haben. Heute schreibt sie, der Arzt habe ihr eine Reise geraten, zu Kindern, in Familienpflege - ja wohin? Und woher das Geld? Und auf wie lange?
Auch bei mir zu Hause ist es nicht gerade schön. Von Frl. W. trennt mich je länger je mehr "unüberwindliche Abneigung." Wir reden oft Tagelang kein Wort. Ich bin inhuman, das weiß ich. Aber ich kann diese Selbstüberwindung nicht aufbringen, diese Mischung von konstanter Widersetzlichkeit, Beschränktheit, Wehrhahnerei und völliger Verständnislosigkeit mit heiterem Gesicht zu nehmen. Als ich aus dem großen Mädchenkranz in Eisenach fortging und - von niemandem
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| geleitet (man hatte mir ja für 1 M Chokolade geschenkt) mein Auto am Hoteleingang bestieg, erfüllte mich schon das Gefühl der grenzenlosen Leere und Einsamkeit, das sich in Berlin noch steigerte. Ich stecke in einer Lage, die nach keiner Seite hin aufgeht. Meine Rettung wäre eine so wichtige u. verantwortliche Tätigkeit, daß auch der letzte bescheidene Rest persönlichen Daseins noch verschwindet.
Heut Nachm. war ich bei Weiser, der auf seine alten Tage ein nettes junges Ding geheiratet hat und nun wieder gesund wird; vorher bei Meta Cohn Hendel, Freundin von Käthe Friedberg †, ohne sie zu treffen. Morgen Mittag kommt der Baron v. Engelhardt. Von dem Fall Borsig und vom Tode des Prorektors Dr. Lampe habe ich wohl schon geschrieben.
Die Vorlesung ist konstant besucht, führt nur durch allermodernstes. Das Seminar ist mittelmäßig. Das Publicum über Pestalozzi leert sich, aber die Zuhörer sind ganz
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| andächtig. Ich selbst habe an Pestalozzi wie an Fröbel immer wieder Offenbarungsstunden. Meine Arbeiten bleiben selten unter 12 Stunden am Tage, oft gehen sie darüber. Am meisten Arbeit hat mir die heilpädagogische Sache gemacht. Weiter als bis zur Problemstellung bin ich aber auch noch nicht gekommen. In der Ferne sehe ich so einen spekulativen Gedanken wie den: Krankheit ist [über der Zeile] Entwicklungs- und Anpassungshemmung, im chronischen Fall Konstitutionsschädigung, immer aber betrifft sie die phylogenetisch älteren, ja ältesten Bestände des des biologischen Individuums. Daher ist sie auch als Rückbildung aufzufassen. Alter z. B.! Das eigentlich Geistige im Menschen altert nicht. Es könnte ewig reifen.
Eben ist die 9. Aufl. der Jugendpsychologie (34.-37. Tausend) fertig geworden. Das hat wieder Geld gebracht. Denn ich muß ja Steuern gemäß den Einnahmen des vorigen Jahres zahlen. Es ist ungeheuer, was heut der Staat fortnimmt. Nach dem Abzug der 10% ohne Kirchensteuer noch jährlich 8000 M. - Meine Hand wird müde. Ich will für heute aufhören u. noch weiter - unerhört! – in Cécile lesen, die mir Susanne geschenkt hat.

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10.7.
Heut früh das übliche Bild. Ein ca 12 große Seiten umfassender Brief von Eva Krebs. Manches mag ihr fehlen, jedenfalls nicht die Ausdauer. Das geht nun so alle paar Tage. - Ein Brief v. M. Knaack, der mir imponiert. Diese schlichten Naturen haben im Kern doch mehr Größe als die "sublimierten." Sie sieht die Sache ganz wie sie ist, aber sie bleibt - aus Treue, Dankbarkeit u. frauenhafter Gesinnung. Das macht mir Eindruck. Ich lege Dir die Zeitschrift "Thüringen" bei. (Es sieht so aus, als ob ich das auch noch "ehrenhalber" geschrieben haben soll.) Von hunderten hat aus Schweina nicht einer eine Karte an mich riskiert! Außerdem lege ich Dir einen Teil meiner Geburtstagsbriefe bei. Aber gerade die inhaltreichsten sind noch nicht beantwortet. Bitte Giese zu beachten. Unter m. Geschenken sind zu erwähnen: Eine metallne Zigarrentasche von D. Th., die aber für die Holländer zu klein ist. Bilderbücher von Fel. Kolde, Susanne (außerdem Grete Minore u. Cécile.) und Morgner; eine glühende Katze, die Rauch schluckt, von Frau Witting.
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Nachzutragen ist noch, daß ich eine telegraph. Einladung nach Cecilienhof versäumen mußte, weil ich in Hirschluch war. Frl. Silber besorgt dies wie alles sonst mit großer Sorgfalt und Treue. Ich muß nun an die Arbeit. Daher schließe ich mit 1000 herzlichen Grüßen und wünsche Dir gute Tage.
Innigst Dein
Eduard.

[li. Rand S. 6] Erika, das liebe einfache Ding, war sehr glücklich u. stolz. /
2 thüring. Minister besuchten den Kongreß. Der Staat u. die Stadt spendeten mit vollen Händen, auch eine wunderschöne künstl. Fröbelmedaille. Ob das alles ohne mich gewesen wäre?