Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. August 1927 (Kurhaus Hohe Rinne bei Hermannstadt)


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Kurhaus Hohe Rinne
bei Hermannstadt,
den 25.8.27. abends.
Mein innig Geliebtes!
Des Menschen Glück ist eine Speise, die aus vielen Stoffen und Zutaten besteht. Meines war immer komplizierte Küche, und hier fehlt manches von den Zutaten. Multipliziere den Hermersberger Hof mit Griesbach und dividiere ihn durch meine gewachsenen Ansprüche, und Du hast die Hohe Rinne.
Man muß um 5 aufstehen, um 6 auf den Wagen warten, um ½ 7 abfahren, um nach 12 hier zu sein. Es ist ein Bauernfuhrwerk mit 3 mageren Pferden und geführt von einem prächtigen deutschen Fuhrmann, das von 500 m bis ca 1450 emporklimmt. Herr Schwarz u. Frau mit den 2 jüngsten Töchtern fuhren mit. (Der Obmann des Siebenb.-Sächs. Lehrertages, mein getreuer Eckart.) Ich war am Tage vorher zum Kaffee bei ihm. Die älteste Tochter, Trudl Schwarz, hat eben in Heidelberg den medizin. Doktor gemacht. Wir haben manche gemeinsame Bekannte. - Nach langen Mühen "durfte"
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| ich hier oben bleiben. Ich habe und bezahle ein "Zimmer" mit 3 Betten, kasernenmäßig eingerichtet, aber sauber. Gang Parterre, zuschließen ist nicht üblich. Bedienung bäuerlich schwerfällig und unlenksam. Essen - nach Landesart, mehrstens nichts für mich. Ich sitze am Tisch von Frau Dr. Csaki, Malerin, Frau des Leiters des deutschen Kulturamtes. Die Haute-volée von Hermannstadt mit zahllosen Kindern ist hier oben. Vielen bin ich vorgestellt. Man ist freundlich, aber es fehlt die Herzenswärme von Kronstadt. Nach unsren Begriffen ist alles sehr billig, aber auch dürftig. Bis Mittwoch, den 31. August bleibe ich hier. Wenn Du mir gleich schreibst, so erreicht mich eine Nachricht gerade noch in Hermannstadt, Hotel "Römischer Kaiser". (Abfahrt 5.IX. abends.)
Ich habe energisch betont, daß ich hier Ruhe haben u. mich konzentrieren wolle. Bis jetzt wird das respektiert. Für ein "Kabarett" gestern gab ich 500 Lei, blieb aber vor der Tür und ging um 10. Die Natur hier ist schön: hoher Tannenwald; aber sie reicht an unsre Alpen nicht entfernt heran. Alles ist so gelb, so farblos. Ein sattes Grün ist nirgends zu sehen,
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| und selbst die Luft entspricht kaum der von Freudenstadt. Geologisch ist viel Interessantes da, auch in der Vogelwelt. Ja man kann sich damit gruselig machen, daß es in diesem Gebirge noch Bären und Wölfe gibt. Aber wer es nicht als "Heimat" sieht, vergleicht mit dem Reichtum der bayrischen Alpen und ist gerade froh, bei der Hitze nicht in Hermannstadt sein zu müssen.
Post erreicht mich garnicht. Seit Deinem Brief u. Karte in Kronstadt u. einem Brief v. Susanne nichts. Was in Deutschland vorgeht, ahne ich auch nicht. Wenn damit Ruhe verbunden wäre, könnte diese Abgeschiedenheit ganz schön sein. Aber ich muß mich nun auf die 7 Hermannstädter Vorträge einstellen: 2.IX. 3   3.IX 2   5.IX 2. Und die Kürze gerade bedeutet die Erschwerung. Ich habe Sehnsucht nach Ruhe; denn bis jetzt wurde ich wie ein Packet aus einer Hand in die andere gegeben.
Wie geht es dem Onkel? Wie bei Erich Meyer? Grüße den Vorstand! Was macht Deine Kur?
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Deine Chokolade hat mich begleitet u. ist bald verzehrt. - Was sich für die Verlängerung unsres Zusammenseins erfinden ließe, ist noch nicht greifbar. Die Siebenbürger Reise mußte ja erst absolviert werden. - Wenn Du kannst, so schicke mir von den Holländer Zigarren zum 8.9. nach Partenkirchen 50 Stück. Gibt es die nicht mehr, so schreibe bitte eine Karte an Susanne, sie möchte bei Brenicke u. Eichner in der Französ. Straße 50 Stück Joacquino Barrena (à 18 Pf.) besorgen und nach Partenkirchen schicken.
Es ist erst ½ 10, u. doch bin ich sehr müde. Das Wetter verspricht für morgen nichts Gutes, u. das Schönste ist, daß man bei der hiesigen "Gefälligkeit" nicht weiß, ob man den Wagen nach H., den man bestellt, auch bekommt. Jedenfalls zählt das noch nicht zu den Ferien, u. ich muß sehen, die 14 Tage in Part. gründlich auszunützen.
Viel innige Grüße
Dein
Eduard