Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. September 1927 (München/Hauptbahnhof)


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München, Hauptbhf. 4.30 nachm.
7. Sept. 1927.
Mein innig Geliebtes!
Heut ist mein erster Ferientag. Siebenbürgen liegt hinter mir. Es war gut, aber es hat mir die Ferien gekostet. In Hermannstadt hatte ich anfangs große Schwierigkeiten, mich in die Landesart einzufügen. Die ganze Zeit habe ich wieder unter nervösen Darmstörungen schwer gelitten, u. auch jetzt verfolgt mich dies Übel.
Am 1. Tag Besuch beim Bischof Teutsch, bei Dr. Mesch (Bekanntsch. v. d. Hohen Rinne, sehr liebe Leute) und Vorbereitung auf die 7 Vorträge. Abends Begrüßungsabend, unter Teilnahme der Bürgerschaft (ca. 700 Menschen). Ich saß an der Ehrentafel zwischen dem Bischof u. dem Abgeordneten Roth, Vors. der Deutsch. Partei in Rumänien. Von den Gästen sprachen nur Kühnemann u. ich unter tosendem Beifall.
Freitag habe ich von 9–11 u. von 6–7 in der Johanniskirche zu reden. Besuch mäßig,
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|Vorm. ca 120, nachm. 200. Ich will gleich bemerken, was man selten von mir hört, daß ich Meisterleistungen 1. Ranges gegeben habe, weit mehr in Inhalt u. Formung, als man dort wohl würdigen kann. Äußerlich war man sehr dankbar. Nach mir las Müller-Freienfels. Es waren noch da: WredeKöln u. BäumlerDresden. Erstgenannter war der angenehmste. Freitag Abend nach der gemeinsamen Tafel im Römischen Kaiser (der gut war, aber mir doch 1 tote u. 1 lebende Wanze präsentierte) Klavierkonzert v. Luise Gmeiner, recht bedeutend. Abends todmüde. Aufstehen immer um 7. Sonnabend 9–11 Vorlesung, 11–1 bei Müller-Freienfels. Nachm. Besichtigung des Brukenthalschen Museums. Abends Vortrag v. Prof. SeraphimKönigsberg, einem netten Balten, über sibirische Erlebnisse. Sonntag um 9 Autofahrt in rasendem Tempo, Kirchgang in Michelsberg, ergreifend, Burg- u. Kirchenreste, Hettau, bis an den Anfang des Roteturmpasses (wer Zeit hatte fuhr bis ins Altreich hinein.) Nachm. Besuch beim Generaldirektor Dr. Schullerus. Abends
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| Gesellschaft bei Dr. Csaki (Vors. des Kulturamtes, sehr liebenswürdiger, tüchtiger Mann, Frau sehr schön.) Musik, im übrigen zum Sterben langweilig. Montag 9 Uhr blumengeschmücktes Katheder, herrl. Strauß begleitete mich bis Wien. Wirkungsvoller Abschluß gab mir erst die Gewißheit tieferen Kontaktes. Zahllose Einzelgespräche. Reisebüro, Bank, Packen (schwierig) 1 ½ Mittagessen bei Meschs, 3 ½ Führung durch Althermannstadt. 5 ½ weit draußen bei Lehrer Schwarz u. s. lieben Familie. Geschenke. Abschied. 7 Uhr Konferenz im Kulturamt. 8 ½ Essen. 9 ¼ Abgang des Zuges, in dem viele Bekannte mitfuhren, während eine große Zahl uns das Geleit gab. Alpenrosen von Frau Dr. Mesch, Buch v. Frau Grete Csaki etc. Umsteigen in Copsa mica. Seraphim, Müller-Freienfels u. ich fahren in einem Wagen. Dann in den Wiener Wagen, wo wir 11–2 ohne Platz im Gange gehockt haben. Von 3–6 gegen Bachschisch I. Kl. geschlafen. Früh morgens über die ungarische Grenze. Generaldirektor Schullerus mit uns. Durch die Puszta. In Budapest
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| verläßt uns M.-Fr. Dafür nun Abg. Roth u. Frau u. Generaldirektor Bergleiter, 5 Mann hoch bis Wien. Todmüde. Messe. Statt Hotel Regina Schullerus u. ich in kleines, niedliches Hotel, das mir Gottlob erst in der Bahn als übles Absteigequartier geschildert wurde. Sehr sauber jedenfalls. Nachts wieder Störung durch Darmsache. Einigermaßen ausgeschlafen. ½ 7 Auto zur Bahn. Sehr gute Fahrt über Salzburg bis hier. In 1 Stunde nach Partenkirchen.
Ich habe am 1. Sept. mit herzlicher Freude u. Dankbarkeit Deine lieben Zeilen erhalten. Du hoffentlich auch den Gruß vom 31.VIII. Wie geht es jetzt? Wie war es mit Frl. Silber?
Ich muß aber wieder mal abbrechen. Sei innig gegrüßt
in Liebe
Dein
Eduard