Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19./21. September 1927 (München/Hauptbahnhof)


[1]
|
Partenkirchen, den 19. September 27.
11 Uhr abends
Mein innig Geliebtes!
Alles im Hause schläft. Draußen rauschen die Wasser und der Regen. Es ist noch so seltsam warm wie am Tage, wo ich trotz des unablässigen Regens auf dem Balkon schreiben konnte und die kleine Meise sich begehrlich zu mir auf den Tisch setzte.
Deine liebe Sendung traf heut ein, und ich habe das meiste schon gelesen. Der Vorstand tut mir leid, aber auch Du, daß Du zu dem übrigen doppelte Belastung hast und nicht zur Ruhe kommst. Von der Fortsetzung und der Wirkung der Bäder schreibst Du garnichts. Es scheint nicht so besonders zu wirken. Was soll geschehen, um Dich zu kräftigen?
Gestern war Kerschensteiner hier, der liebe, alte, unablässig an seinen Problemen bohrende. Vorgestern ein Student. Es regnet viel, aber an den "Unternehmungstagen" ist es immer gut
[2]
| abgegangen, so besonders am Donnerstag, als ich mit Felizitas durch die Leutasch über Buchen und Mösern nach Seefeld ging (7 Std.) Abends aßen wir in der Post in Mittenwald.
Mit Frau Witting ist es wie sonst, freundschaftlich und belebt. Trotzdem ist vieles anders. Felizitas scheint, wie schon manchmal, einen Rückschritt um 2 Jahre gemacht zu haben. Sie lebt tatsächlich noch ganz in der Erinnerung an den alten Herrn aus Sachsen, mit dem sie die Woche zusammen war. Nun möchte sie wohl mit mir ins alte Fahrwasser; aber es geht doch nicht. Darunter leidet sie und wird dann launisch und kindisch. Ich habe natürlich an ihr Herz keinen Anspruch und wäre glücklich, sie auf irgend einem Wege der Erfüllung zu sehen. Aber der Herr aus Sachsen war ja verheiratet, und die Beachtung eines alten bewährten Freundes hätte ich wohl verdient. So zeigt sich auch hier, wie überall, die allmähliche Entleerung meines Privatlebens. Ich erledige viel Korrespondenz, habe eine längst fällige Rezension geschrieben, muß nun wohl endlich an die Kundgebung zum Reichsschulgesetz, die schon in Luzern entworfen
[3]
| wurde. Noch schwanke ich, ob ich am Sonnabend oder Montag nach Hause fahren soll. Wetter- u. Stimmungslage sprechen eigentlich für Sonnabend, die Erwägung, daß sich mein nervöser Verdauungszustand doch nur sehr allmählich konsolidiert, für eine Verlängerung so weit es gehen will. Eigentlich soll ich schon am 3.X. wieder zu einer Konferenz in Aßmannshausen sein. Aber ich möchte nicht vor dem 3.X von Berlin fort und würde gern 2 Stunden in Köln bleiben, um m. Tante Koch zu sehen. Wie es scheint, werde ich am 10.X. in Heidelberg sein können. Darüber später noch Näheres.
Aus Rumänien folgen mir viele Grüße. Frau Riehl war in Neubabelsberg wieder krank, schreibt fast täglich, mit sehr ungleicher Stimmung. Adelheid ist endlich eingetroffen, Lore in Frankreich, Martha Knaack anscheinend bereits "konsumiert".
Obwohl ich einen sehr schönen literarischen Plan habe, sieht es in meinem Inneren dauernd bewölkt aus. Ich habe seit Monaten keine Zeit gehabt, mich einmal zu sammeln und zu stärken. Ich bin schicksalsmäßig auf dem toten Punkt,
[4]
| ich darf wohl sagen: ohne bewußtes Verschulden. Und es gibt gar keine Lösung. Deshalb genug davon.
Unter den Briefen hat mir der von Anneliese Malcus einen sehr leeren Eindruck gemacht. Tiefer wirkt Fritz Schwalbe. Sehr gut, klar, ehrlich ist in allem der Brief von Hedwig, vor der man überhaupt die größte Hochachtung haben muß. Welches Buch hat Dir die kleine Silber geschickt? Laß ihr ja das Glück einer Halt gebenden Beziehung. Die kleinen Kosten, die sie hat, gleiche ich schon aus. Die jungen Dinger haben es heut allzu schwer. Davon wird Dir auch der Brief von Walz einen Eindruck geben, während Matthies in erfreulichstem Aufstieg ist.
Ich schließe für heut, weil es spät ist, und ich meinen Tag hier um 7 beginne. Gute Nacht, mein Liebstes. -

21.IX. ½ 4
Gestern war ein unheimlicher Tag: schwarze Wolken am Himmel und so warm, wie bei Sonnenschein. Heut seltsame Wendung: ganz klar und Juliglut. Ich habe gestern u. heut in schnellem Wurf 34 Quartseiten zum Reichsschulgesetz geschrieben, wohl tiefer, als das meiste sonst darüber. Von Deiner Sendung habe ich noch den
[5]
| Brief von Lotte Koeppen gelesen. Der macht mir aber keinen guten Eindruck - so exaltiert und unsortiert, fast krank. Ich erschrecke, wenn ich denke, daß man solchen unfertigen Gemütern über schwere Kulturfragen vorträgt. Ich sende heut einen Teil zurück, Rest folgt später. Abreise ist nun auf den Montag festgelegt. Allerdings habe ich dann für Berlin nur 6 Tage. Ich will morgen mit Felizitas durchs Eschental nach dem Walchensee u. will vielleicht auch am Sonnabend noch etwas unternehmen. Für die Winterarbeit bin ich voll von Plänen.
Es bedrückt mich, daß Du diesen Sommer nur durch die vorüberziehenden Vögel etwas hinausgekommen bist. Und nun gar Krankenpflegerin. Aber ist das Leiden nicht eigentlich - Alter? Grüße ja recht schön.
Von hier ist sonst nichts zu berichten. Ich bin eigentlich immer etwas tätig, mindestens mit Briefen. Und doch habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich ein paar Tage halb feire.
Viel innige Grüße und Dank für die Mühe mit den Zigarren.
In alter Liebe und Treue
Dein
Eduard