Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. September 1927 (Zug München/Berlin)


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Fern-Dzug München-Berlin
den 26.IX.27
Mein innig Geliebtes!
Du siehst, ich bin auf der Rückreise. Die 2 verregneten Tage, von denen der letzte freilich der schlimmste Regentag der ganzen Reise war, haben mir ermöglicht, die Kronstädter Pestalozzirede noch aufzuschreiben. Wenn jetzt alles planmäßig geht, fahre ich am Montag früh wieder fort, via Cöln nach Cobern/Mosel (Jugendpflegekursus.) Vielleicht glückt es, noch am 9.X abends von Saarbrücken fortzukommen. Mein Plan ist folgender, und ich bitte um Deine Meinungsäußerung. Ich wollte Dich bitten, [re. Rand] 12.X. ca ½ 3 mit nach München zu kommen. Dort müßtest Du Dich allerdings am 13. u. 14.X allein unterhalten, ja sogar in einem anderen Hotel
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| logieren, da ich mit Lindemann immer konferieren muß. Nach Schluß der Tagung könnten wir dann bei geeigneten Wetter noch 1–2 Tage in die Berge. Es wäre halt "eine Abwechslung."
In Part. ist es mir gut gegangen. Ich war noch mit Fel. zu Fuß von Eschenlohe am Walchensee, mit Ruderfahrt, und am Sonnabend Nachm. Aschauer Alm u. Mittenwald. Bei den ungeheuren Temperatur- u. Wetterschwankungen habe ich mir aber einen Katarrh geholt, und die Nacht zu heute war eigenartig, aber jedenfalls qualvoll. Vielleicht durch Atemnot hatte ich einen fast 4 Stunden dauernden Angstanfall, Puls 60, Temperatur Achsel 35,8! Vergebens suchte ich im Bett zu bleiben. Ich habe mich 4 mal wieder anziehen müssen und bin im Zimmer auf u. ab gegangen. Der Katarrh scheint sich noch weiter kräftig zu entwickeln. Aber hoffentlich kehrt
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| diese Todesangst heut Nacht nicht wieder.
In Berlin muß ich sehr fleißig sein und außer 6–7 Mss. viele Besuche u. Konferenzen erledigen. Man bleibt nicht ungestraft 6 ½ Wochen fort.
Frau Witting reist in den nächsten Tagen nach Ebingen. Mit Felizitas war das eine merkwürdige Sache. In den letzten Tagen war wegen Zahnschmerzen, Ziehen und Eiterung "nicht viel mit ihr los". Sie hat aber buchstäblich Rückschritte gemacht. Keiner würde ihr anmerken, daß sie 22 Jahre ist. Sie ist doch nur stärker aktiv, wenn sie in einer geistig anregenden Umgebung ist.
Dank für Deinen lieben Brief. Wird es gehen, daß Du den Vorstand jetzt für 5–6 Tage allein läßt? Umgekehrt ist es m. Erinnerung nach einmal so gemacht worden. Günther beurteilst Du ganz richtig. Er bleibt etwas unselbständig. Aber das kann
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| vielleicht noch werden, wenn sie noch hilft.
Obwohl ich etwas abergläubisch bin, möchte ich Dir doch schon verraten, welche "verrückte" Bergtour ich gern mit Dir machen würde. Mit leichtestem Handgepäck Bahn München, Lenggries. Dann Post (ob Anschluß? ob überhaupt?) bis Vorderriß. Dann zu Fuß Vorderriß – WallgauKlais. Bahn Klais – Partenk. ev. 1 Nacht bei Wittings. Am nächsten Tag abends nach München, und dann jeder heimwärts. Ich muß ja am 1.XI. schon wieder in Weimar reden.
Herzliche Grüße, auch an den Vorstand, Dein
Eduard.
Kersch. schickte mir Thesen zum R Sch G, die ich aber nicht unterschreiben konnte. Er hat jetzt mein Ms.
[li. Rand S. 2] Lindsey ist laut Artikel v. W. Schäfer in den M. A. N. abgesetzt worden.