Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22./23. Oktober 1927 (Berlin)


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22.10.27
Mein innig Geliebtes!
Für Deinen heut eingetroffenen lieben Brief danke ich von Herzen. Ich bin sehr gut gefahren, traf im Zuge einen sehr alten Kollegen, der früher unser <unleserlich> gemacht hat, und war noch vor der Zeit der fahrplanmäßigen Ankunft in Berlin. Daß ich seitdem sehr angenehme Tage gehabt hätte, kann ich nicht sagen. Obwohl ich mich mit ganzer Energie auf meine Pflichten geworfen habe, packte mich doch gleich wieder eine Art von Verzweiflung über die unfruchtbaren Aufgaben, mit denen ich mich täglich belasten muß. Ich las 3 sehr verschiedenartige Manuskripte, die alle 3 absolut unbrauchbar waren, schrieb oder diktierte bisher gegen 50 Postsachen, empfing jeden Tag langweilige Leute und kämpfte um die 1-2 Stunden, in denen ich mich den schwer verantwortlichen Aufgaben der nächsten Zeit ein wenig widmen konnte.
Seltsam zugleich und lehrreich war mir der heutige Nachmittag, an dem ich mit
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| Geheeb, seiner indischen "Pflegetochter" im Nationalkostüm und Susanne in Tegel-Hermsdorf war. Wir besichtigten Schloß und Park und wurden vom Baron v. Heinz zum Schluß noch sehr freundlich ins Intimere geführt. Geheeb war, da er magenleidend zu sein scheint, in der Nähe nicht sehr erfreulich. Fremd war mir auch das Getätschel und Umarmen, mit dem er auf offener Straße das Heimweh der jungen Inderin (24 Jahre), die Tagore und Ghandi nahesteht, zu bekämpfen suchte. Und dann wieder dieser Kampf gegen die angeblichen Superioritätsgelüste der Männer! NB. seine Frau ist eine geborene Cassirer. Das alte Lied: Männer mit starkem Vollbart sind feminin. Hinter der modernen Reformpädagogik liegt eine mir unsympathische Erotik. Wir waren eine Quadriga, nach der sich tout Berlin et Hermsdorf umsah.
Die Gesuche um persönlichen Empfang sind zahllos. Jeden Tag durchschnittlich 3. Vielfach unnötig und inhaltlos. Morgen werde ich mir eine Villa, neu gebaut, auf Schmargendorfer Terrain links vom Hohenzollerndamm
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| ansehen, die allerdings 87000 M kosten soll, aber noch erschwingbar wäre, mit Hypothek natürlich.
Frau Paulsen hat ohne ein Wort meiner Bank 2000 M überwiesen. 2500 hat sie bekommen. Was das nun soll, wissen die Götter. Frau Riehl beklagte sich per Karte, daß Du Ihre "Person" eben doch nicht meintest und daß ........ nun Du kennst das ja. Am Montag muß ich wohl oder übel hinaus. Am Sonnabend geht es wieder nach Weimar, und dort dauert es bis Dienstag. Vorher ist noch erste Sprechstunde, Hauptversammlung der Ortsgruppe der Deutschen Akademie mit Vortrag von Baron Engelhardt, Ak. d. Wiss., Staatswiss. Gesellschaft, 7 Besuche - und meine Rede? ...... Mit einem Worte: Berlin wird eine Unmöglichkeit für jedes tiefere Leben und Denken. Ich bin gewiß nicht faul. Aber man kommt bei all diesen Durchreisenden eben einfach nicht zum eigentlichen Fleiß. Immer nur erledigen, erledigen, Verpflichtungen erfüllen etc. Heut Abend ist es schon spät. Deshalb will ich aufhören. Ich wünsche Dir eine gute Nacht. Dein Eduard.

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23.10.  8 ¼.
Guten Morgen! Ich muß gleich fort. Zu der Tagung der Intellektuellen in Heidelberg war ich auch eingeladen. Mein Katarrh ist nur noch in Resten vorhanden. Aber von dem Getätschel gestern ist mir noch ein bißchen übel. Ich habe jetzt doch ein Bild von dem "Sondercharakter" dieses Landerziehungsheimes.
Bitte grüße den Vorstand herzlich u. sage ihm meine besten Wünsche.
Herzlichste Grüße
Dein
Eduard.