Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. November 1927 (Berlin)


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10.11.27.
Mein innig Geliebtes!
Mein Wunsch, Dir ausführlich zu schreiben, scheint sich so bald nicht erfüllen zu sollen. Ich bin in diesen ersten Semestertagen mit dem Lesen von Mss. und der Eröffnung der Seminare trotz fehlender Vorlesung so bis an den Rand der Kraft u. Zeit beschäftigt, daß mich manchmal die Verzweiflung packt, wohin das in Zukunft eigentlich noch führen soll. Auch heut kann ich nur den "Zusammenhang mit Dir" ganz kurz wiederherstellen.
Ohne eine Zeile wirst Du doch gefühlt haben, daß ich an dem schmerzlichen Todesfall in der Familie unsrer Freundin tiefen Anteil genommen habe, und ich bitte Dich, ihr dies ganz ausdrücklich zu sagen. Wie im Fall Quelle fragt man sich unwillkürlich, ob diese Kunst der Ärzte den Menschen zum Heil ist, wenn sich doch
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| nur ein Leiden verlängert, daß sie nicht heilen kann.
Hermine Kleiser wollen wir aus ihrer Ländlichkeit nicht herauslocken, wenn die Anregung dazu nicht von ihr ausgeht. Sie ist im Hause unentbehrlich, da die Mutter unfähig ist, den Haushalt zu führen. Könnten wir ihr einen Aufstieg zu Leistung und Glück bieten, wäre das etwas anderes. Hier aber sind wir im stillen ein wenig egoistisch, und ich möchte die Verantwortung nicht übernehmen, die darin liegt, ein junges Mädchen heut in eine städtische Umgebung zu verpflanzen.
In Weimar hatte ich noch eine entzückende Stunde bei Frau Förster-Nietzsche, eine recht traurige bei Muthesius und eine täglich wiederholte Begegnung mit Kirmß. Als ich nach Berlin zurückkam, war die Villa, die recht geeignet und nicht teuer war, bereits verkauft. Inzwischen habe ich mehrere andere Objekte gesehen und bin in nähere Verhandlungen wegen eines Rohbaues in Dahlem-Dorf (ganz dicht an der U-Bahn) eingetreten.
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| Das Haus ist geeignet, aber es ist um 8000 M zu teuer, und der Entschluß wie die Erwägungen hierüber machen mir allerlei Sorgen. Ich kann Dir heut die ganze Rechnung nicht aufstellen. Vielleicht bleibt in den nächsten Tagen dafür eine Viertelstunde.
Einen angenehmen Abend hatte ich bei Herrn u. Frau v. Keudell, bei dem Littmanns Schar in Bild, Wort, Lied u. Tanz über ihre Englandfahrt berichtete. Herr Becker mit seinem Gesicht war auch dabei. Wie weit ich mich in Politik einlassen kann u. soll, wird mir allmählich klarer.
In Neubabelsberg war ich bisher nur einmal. Frl. Knaack ist leider im Examen wegen Versagens ihrer Kräfte gescheitert, die Mitrewitz hat bis auf ein Fach bestanden. Die Korrespondentin meldete sich für die Übungen an. Das lehnte ich ab u. ersuchte sie, ihre Schriftstellerei an mich einzustellen. Seitdem ist alles ruhig. So einfach sind manchmal die Dinge.
Jeden Tag habe ich Extrabesuche, Sitzungen u. eilige geschäftliche Dinge. Selbst zur Akademierede komme ich nicht, geschweige zu wissenschaftlicher Ruhe.
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Krieck hat in der Leipziger Lehrerzeitung einen unverständigen Angriff auf Litt losgelassen. Er verliert dadurch sehr in meinen Augen.
Den heilpädagogischen Vortrag hast Du garnicht; auch ich habe ihn nur in einem dicken Gesamtband der Verhandlungen. Aber er ist ja auch nicht so wichtig.
Nun muß ich abbrechen. Ich bin recht betrübt, daß Deine Arbeit immer eine solche Augenmarter ist. Gibt es denn in diesem Tätigkeitsgebiet nichts, was einmal etwas leichter zu machen ist?
Mit innigen Grüßen
Dein geplagter, täglich ca 12-14 Stunden Dienst tuender
Eduard.