Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Dezember 1927 (Berlin/Wilmersdorf)


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<Stempel: Professor Spranger
Berlin - Wilmersdorf
Hohenzollerndamm 39>
3.12.27
Mein innig Geliebtes!
Hier sitze ich und warte vergeblich auf den Doktor Willige aus Bautzen. Ich will daher immer mit meinem Bericht für Dich anfangen, obwohl ich die Fragen Deiner beiden lieben Briefe nicht so genau im Gedächtnis habe, daß ich nicht eine vergessen könnte.
Zunächst also mal Hausfrage (1. Beilage!) Seit dem Akt beim Notar ist nur noch ein Besuch auf dem Neubau erfolgt wegen der Anbringung der Stechkontakte, eine Sache, über die man natürlich jetzt noch gar keine bestimmte Meinung haben kann. Eine Hypothek vom Oberpräsidenten kommt ebenso wenig in Frage wie eine andere amtliche. Denn diese werden nur auf "Kleinwohnungsbauten" gegeben. Ich muß also auf dem allgemeinen Markt suchen, bin aber darüber nicht eigentlich unruhig. Denn "Kultur u. Erziehung" ist aus
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|verkauft, die Jugendpsychologie geht auf die Neige, u. auch sonst ist mancherlei zu erwarten. - Daß mein Schlafzimmer nach Nordosten liegt, ist nicht zu ändern. Das jetzige liegt nach Norden, ich habe also künftig doch einen Blick Morgensonne. Das andere Zimmer ist kleiner, liegt nach Südwesten und muß also im Sommer sehr heiß sein. Im übrigen beschäftigen mich diese Fragen jetzt noch wenig.
Die Hauptarbeit hatte ich auf den Akademievortrag "Die wissensch. Grundlagen der Schulverfassungslehre und Schulpolitik" verwandt. Druckfertig ist er noch nicht. Es besteht ja auch kein Druckzwang. Er wurde von den meisten mit großem Interesse angehört. - Dann wandte ich mich dem wichtigen u. schönen Thema des Vortrages in der Sozialpäd. Frauenakademie zu: "Vom Sinn der Liebe". Der 1. Teil ist bereits vor 700 Leuten im Schöneberger Rathaus gestiegen. Der Eindruck der sehr reichhaltigen Rede war anscheinend tief. Am Mittwoch kommt nun der 2. Teil, der in letzte Fragen führt. Über gewisse Beobachtungen
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| dabei müssen wir mündlich reden.
Ich habe Dir noch garnicht geschrieben, daß ich eine inoffizielle Vorfrage erhalten habe, ob ich eine philosophische Professur in Bonn annehmen würde. Bonn kommt ja nun garnicht in Frage. Aber zum = "Weglaufen" ist es hier wirklich manchmal. Die Zahl der äußeren Verpflichtungen nimmt unheimlich zu. Ich wüßte nicht, wie ich noch leben sollte, wenn ich eine Vorlesung zu halten hätte.
- Mit einer halben Stunde Verspätung ist der Willige nun doch noch gekommen. Nach Tisch hatte ich Pestalozzibesprechung (immer Konflikte) und dann war ich in Neubabelsberg, wo die Beziehung recht unpersönlich geworden ist; das Bild des Hauses ist durch die vielen "Einmieter": Kind, j. Hund, Student, Studentin sehr verändert, und ich bin entschieden ziemlich unnötig.
Am Dienstag war ich beim Ministerialdirektor Richter eingeladen. Dort traf ich Sauerbruch und recht viele mieße Mediziner.
Der Knabe Günther ist fürchterlich.
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| Mein Vater würde fragen, ob er wenigstens allein "rausgehen" könnte. Du mußt ihm mal stecken, daß diese Unselbständigkeit ihn schädigt. Denn wie soll es da mit der Habilitation werden? Eine Verlängerung seines Habilitationsstipendiums über das dritte Jahr hinaus kann ich pflichtmäßig garnicht befürworten. - Am 12.XII. habe ich (gleich nachmittags u. abends) in Neuruppin zu reden. Das ist dann wohl der Schluß für dieses Jahr.
Deine Zeitung wird kaum gebracht haben, daß Beckers Studentenverordnung von allen preußischen Hochschulen abgelehnt worden ist, ausgenommen Braunsberg! mit 33 Studenten.
Einen Stoß von Mss. habe ich nun bis auf eines aufgearbeitet. Es ist ein elendes Handwerk. Brauchbar war kaum eines.
Von verschiedenen Seiten wird mitgeteilt, daß sich Rudolf Paulsen in bitterer Not befinde. Aber helfen kann man da ja nicht. Auch seine Schwester hat eine Art, sich zu geben und ihr Leben zu gestalten, die kaum noch normal zu nennen ist. - Die arme Helene Scholz ist nun tatsächlich aus dem Schuldienst entlassen worden. Ich finde alles um uns herum so krank,
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| daß ich beinahe denen recht geben muß, die behaupten, die bürgerliche Gesellschaft halte nur noch wenige Jahre.
Vom Kaiser kam wieder ein Buch: " Niemann: Revolution von oben, Umsturz von unten." V. Keudell fuhr mit Herrn Becker <Wort unleserlich>.
Du bist falsch unterrichtet, wenn man Dir gesagt hat, in Weimar sei meine Rede weitaus die beste gewesen. Die beste war die von Spahn; dann kam die von Althaus, und dann erst meine.
Du schreibst von einem Katarrh. Hoffentlich bist Du ihn los. Wenn alles nach Plan geht, komme ich am 3. Feiertag spät nachts. Bis dahin wirst Du kaum noch viel von mir hören. Denn ich stecke unbeschreiblich in Briefschulden und anderen Lasten und Lastern.
Sei innig gegrüßt von Deinem
Eduard.