Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Dezember 1927 (Berlin)


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10.12.27.
Mein innig Geliebtes!
Heut Mittag bei der Heimkehr fand ich Deine liebe Sendung, für die ich herzlich danke. Günther hat inzwischen seinen Brief schon bekommen.
In den letzten Tagen beschäftigt mich etwas, worüber ich geradezu Deinen Rat erbitten möchte. Ich habe, wie Du weißt, für die - in der Entstehung befindliche (wie Du weißt) Berliner Hochschule für Frauen, Alice Salomon u. Charlotte Dietrich, die beiden Abende in dem Schöneberger Rathaus vor 700 Leuten das Thema "Vom Sinn der Liebe" behandelt, beide Male von 8.15 bis 9.35 gesprochen. Mit diesen beiden honorarfreien Vorträgen verdient die Akademie 1500-2000 M. Nach dem 2. Vortrag sagte Frl. Dr. D. wörtlich "Schönen Dank" und ging dann zu der Krankheitsgeschichte von Frl. Dr. Salomon über, die leider nicht dabei war. Ich finde eine solche Form der Danksagung
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| für ein so großes Geschenk, zumal von einer Dame gesprochen, einfach taktlos. Und ich weiß nun nicht, wie ich dies zum Ausdruck bringen soll. Soll ich aus der Kommission austreten? Soll ich über [über der Zeile] via Lili Dröscher Beschwerde führen? Man nimmt dann beides als "Empfindlichkeit", aber ich komme darüber nicht hinweg.
Auch sonst hat mir die Sache Kummer gemacht. Der 2. Abend gab eine großartige, mächtig aufgebaute Darstellung der religiösen Liebe. Schon im Reden spürte ich, daß man nicht allgemein mitging. Der 1. Abend, wo von Liebe und Ehe und Erotik u. Psychoanalyse die Rede war, ja, der war ein großes Ereignis. Kein Mensch, außer Frau Wiener-Pappenheim, hat mir auch nur gedankt. Susanne blieb in der gewohnten Starrheit allem Tieferen gegenüber. Und Frl. Pappenheim erzählte, sie habe von verschiedenen Seiten enttäuschte Äußerungen gehört. Man habe erwartet, daß ich "eine neue Ethik" verkünden würde. - Aus dem Ganzen sollte ein Buch werden, an dem mir im voraus so die Freude verdorben worden ist.
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Überhaupt: von der politischen Isolierung u. der damit verbundenen Einflußlosigkeit will ich nicht viel reden; denn sie ist gewollt. Aber die menschlich-seelische Isolierung ist so groß, daß es der ganzen Kraft eines Mannes bedarf, um nicht daran zu ersticken.
Gestern waren Binswanger u. Frau zu Mittag hier. Am Dienstag Abend hörte ich ihn in der Gesellschaft "Hirnrinde" reden, in einer psychologischen Gesellschaft, bei der von 60 Anwesenden doch immerhin 4 Christen waren. Das ist die Berliner Psychiatrie und Psychologie, ein Gegenstück zu Gans. - Heut Abend muß ich zum Bierabend beim Chef der Marine.
Die unanständigen Manieren in der heutigen psychologischen u. pädagogischen Auseinandersetzung können auch nicht gerade mit Freude erfüllen. Vor allem der Wiener Bühlerkreis kann sich in seiner Verärgerung über m. Erfolge nicht genug tun. Dabei arbeiten sie alle mit den von mir geschaffenen Kategorien, und dies, wie es natürlich ist, ohne sie zu verstehen und zu beherrschen. Manchmal sehne ich mich aus der Wissenschaft von
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| heute heraus. Jedenfalls aber aus diesen Gebieten.
Hermine werde ich also 10 M schicken und Du bekommst - nichts. Oder vielmehr: Die Stehleiter könntest Du doch schon immer kaufen.
Aus Domela würde ich mir doch nicht die Ansichten über nationale Kreise verschaffen. Ich kenne hier alte u. junge, die ich gerade deswegen ehre, weil sie sich im Charakter vorteilhaft von der Gegenseite unterscheiden.
Heute war Sitzung des Fröbelverbandes. Fürchterlich. Es kracht da in allen Fugen. Das gesamte höhere Schulwesen wird durch Gründungsfieber ruiniert.
Eine Hypothek scheint schwer erhältlich. Vor dem 1. Februar wird daraus wohl nichts werden. Martha Knaack hat das Examen nicht bestanden.
Für heute Schluß mit innigen Grüßen
Dein
Eduard.