Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Dezember 1927 (Wilmersdorf)


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Wilmersdorf, den 22. Dezember 1927.
Mein innig Geliebtes!
Heut früh war ich um 9 "auf dem Bau", ganz wörtlich genommen, um 12 habe ich 2 Klöße diniert, von 1-9 bin ich von einer eiligen Pflicht zur anderen gejagt, von 9 bis ¼ 10 war ich vom Fehrbellinerplatz bis zum Hause unterwegs, da ganz Berlin eine Eisbahn ist, und soeben habe ich meine Aufstellung gemacht, ob nun von den 35 Leuten, die ich in Realien zu beschenken habe, wenigstens die dringenden erledigt sind. Es ist nicht zu verlangen, daß man nach einem solchen Tage irgend ein weihnachtliches Glück empfindet. Jeder andre Tag enthält mehr Sammlung. Meine Hundehütte ist verbaut von ein- und ausgehenden Packeten; die Briefe stauen sich, alle eigentliche Arbeit bleibt liegen; - überhaupt - ich habe von diesem halben Urlaub nichts gehabt, als - daß ich noch lebe. Denn wie gesagt: hätte ich auch noch eine Vorlesung halten müssen, so wäre ich tot.
Da ich nun aber noch lebe, so sollst Du einen innigen Gruß zum Heiligen Abend erhalten.
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| Nimm ihn nur wie einen Seufzer nach besseren Zeiten, wie sie einstmals für uns waren. Vielleicht haben wir, wenn ich komme, eine stille Stunde wenigstens, in der wir Weihnachten fühlen. Denn das glaube mir: mein Herz steht dieser Welt nicht fern; es geschieht nur alles von außen, um mich von ihr abzusperren.
Und Du hast es ja auch nicht viel anders: Vermutlich gehst Du wieder am 24. auf Wanderung nach Ludwigshafen. Wenn man Weihnachten nicht zu Hause sein kann, so ist man eben doch, auch auswärts - ein Einsamer. Wo ich am Heiligen Abend bin, ist ungewiß. Ob ich eine Einladung nach Neubabelsberg erhalten werde? Es steht jetzt alles so, daß ich wohl am Vormittag hinausfahren werde, wenn sie nicht kommt. Aber uneingeladen hinauszugehen würde mir schwer. Ein großes Kapitel von Liebe und Treue ist bis auf den Rest konsumiert.
Susanne fährt morgen Abend nach Hause. Am 1. Feiertag ist das übliche Zusammensein bei Thümmels, am 2. bei Lenzens (5 - Abend!) Ich bin nicht physisch angegriffen. Ich habe nur ein Bedürfnis nach seelischer Ruhe u. Sammlung.
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Bis heut hatte ich die Absicht, Dienstag Mittag abzufahren wie voriges Jahr. Aber der Zug kommt erst um 1.25 nachts in Heidelberg an. Das ist für Dich nichts und für mich nichts. Deshalb habe ich mich wohl oder übel entschließen müssen, erst am Mittwoch früh 8.12 über Würzburg zu reisen. Ich bin dann, wenn ich nicht irre, um 8.45 in Heidelberg. Spätester Termin der Rückreise ist der 5. Januar, da ich hier am 6.I. einen kleinen Vortrag zu halten habe.
Was sich inzwischen ereignet hat, werde ich besser erzählen. Litt war am Sonntag hier (ich hatte da im ganzen 5 ½ Stunden Besuch.) Am Sonnabend Morgner mit Frau und Sohn. Aber ich will mit dem Erzählen heut nicht anfangen. Vielleicht bleibt mein Gedächtnis, das jetzt schon manchmal streikt, frisch genug, all das Bunte zu erzählen. Du sollst heut nur einen weihnachtlichen Gruß erhalten. Sonst kommt nichts als ein kleines, aber mir sehr liebes Buch. Und natürlich denke ich schon jetzt von ganzem Herzen zu Dir hin!
Hoffentlich hast Du etwas für den Vorstand! Auf glückliches Wiedersehen Mittwoch Abend!
Dein
Eduard

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<Beigelegter Zettel>
Bitte grüße den Vorstand u. besorge doch für ihn auch eine Kleinigkeit zu Weihnachten.