Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 5. Januar 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 5. Januar 27.
Mein Liebstes,
gestern um ¾ 11 ging das eingeschriebene Packet an Dich ab, u. heute um ½ 5 das andre. In Gedanken begleitete ich Dich auf der langen Fahrt u. war froh, daß Du den ungewöhnlich schauderhaften Tag nicht mehr hier erleben mußtest. Als ich von der Post aus gestern noch in die Stadt ging, hat es gegossen, sodaß ein Herr auf der Straße ganz laut sagte: Pfui Deibel!
Ich habe vor Tisch u. nach Tisch geschlafen u. bin abends um 9 ins Bett, u. habe nun alles im Dezember versäumte an Schlaf nachgeholt. Heute ist der Tag kühler u. zum Teil sonnig, während gestern nachmittags ein dicker gelber Nebel im Tal lag, sodaß man keinen Gaisberg mehr sah, u. danach gab es nassen Schnee bis herunter, der natürlich nicht liegen blieb. Abends kam Lotte Koeppen aus Ludwigshafen zurück, sehr befriedigt von allerlei guten Nachrichten aus der Heimat. Auch der Bruder, mit dem sie etwas verknurrt war, hatte geschrieben.
Heute habe ich vor- u. nachmittags gezeichnet. Nervöse Augenschmerzen ließ ich
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| nicht aufkommen, u. so ging es recht gut. Auf der Straße traf ich Frau Prof. Gans, von der ich erfuhr, daß der Gatte wohl noch bis Mitte Februar fortbleibt. Ich werde also die anderweitigen Zeichnungen gut einschieben können.
In dem Packet heute habe ich allerlei eingelegt, was teils hiergeblieben war, teils Dir von mir zugedacht war. Es sind darin 1. Die Gummischuh, 2. (im gleichen Carton) Zettel in der richtigen Größe für Deine augenblickliche Arbeit, 3. Cigarren, 4. Schokolade, 5. die Liste u. die nicht gewonnen habenden Lose. (ich habe überall ein rotes Zeichen gemacht, wo die Nummer stehen sollte!) 6. ein paar Strümpfe zur Probe, 7. Rasierlappen, 8. die 3 broschierten Bücher, 9. einige Briefe, die noch im "erledigten" Kasten lagen. u. 10. Aschbecher-Ersatz. Mir gefiel er aus mancherlei Gründen. Weil er aus der Mark ist. Weil er eine praktische Form hat. Weil er sich gut reinigt - u. dann, wenn Du still an Deinem Schreibtisch sitzt u. die Cigarre abstreifst, dann gleitet wohl Dein Blick über den Kranz unbestimmter Formen, der das Rund
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| umgibt, u. es scheinen Gestalten zu sein, die hin u. wieder schweben. Ich deute sie mir als Gedanken, die durch Dich Form gewinnen wollen, u. Gedanken, die sich begegnen von Dir zu mir, von mir zu Dir!
Ich bin Deines Hierseins diesmal garnicht so ungetrübt froh geworden. Es war so viel Unzulängliches. Aber vor allem liegt mir Dein Wort zu Dora Thümmel brennend auf der Seele. - Gewiß hat ja "jedes Leben", wie Du sagtest, einen tiefen Mangel, ein unerfülltes Sehnen. Aber es war bisher mein Glaube, daß gerade unsere Gemeinsamkeit ein Ausgleich wäre für manches Entbehren. Ich habe mein ganzes Sein in dessen Sinn hineingelegt u. wenn Dir das nichts mehr sein kann, mein Lieb, dann ists mein Todesurteil.
Du mußt nicht denken, das sollte eine Forderung sein, es ist nur der heiße Wunsch, Dir zu helfen. Wir haben doch nichts gewollt, nichts erzwungen, es kam alles aus der Tiefe von selbst.
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Sollte die ewige Liebe, von der Du noch zu Weihnachten schriebst, nicht Licht genug haben für ein kurzes Menschenleben? - Das ist nur so ein Beiwerk in Deiner von unendlichen Verpflichtungen verzehrten Existenz, u. gehört Dir so selbstverständlich wie der Sonnenschein - was noch viel wichtiger für Dich wäre, das ist die Muße zu eignem Schaffen. Und die soll doch im Herbst endlich einmal für Dich kommen. Laß Dich nicht von den Verhältnissen willenlos verzehren, die Pflichten des Tages dürfen Dich nicht erdrücken. Du mußt den Weg finden, auf dem alles - hörst Du: alles in Dir seine reine Entfaltung findet.
Mit diesem innigen Wunsche begleitet Dich meine Liebe zu jeder Stunde, bei all Deinem Tun u. Wollen.
Deine
Käthe.