Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Januar 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Januar 27.
Mein Liebstes,
als ich vorhin Deinen Brief im Kästchen fand, dachte ich: "wie gut von Dir, mir zu schreiben," denn ich weiß doch, wie die Arbeit drängt. Dann aber wurde ich wieder traurig, denn Deine Nachrichten sind so betrübend, daß ich am liebsten gleich zu Dir reiste. Ich bitte Dich, bei allem was uns so heilig verbindet, zögere nicht, mich kommen zu lassen, wenn es Dir irgend von Nutzen sein kann. Dazu lebe ich, dazu allein - das weißt Du!
Ja, es war nicht richtig, wie wir es hier gemacht haben. Du hättest Dir notwendig mehr Ruhe gönnen sollen u. ich hätte Dich so gern dazu beredet. Aber wir sind doch nun einmal mit einem preußischen Gewissen begabt u. ich sah, wie diese Arbeit am Pestalozzi als Berg vor Dir stand u. wie die Zeit genutzt werden mußte. Ich fühle Dich ja doch mit dem Herzen, wenn ich auch oft mit Worten nicht ausdrücken kann, was ich in der Stille weiß. Und so war es mein Wunsch,
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| Dich nicht in dem, was sein mußte, zu stören. Auch war ja das Wetter so ungünstig, daß eine Verlockung in dieser Richtung fortfiel. - Aber was ist nun gewonnen? Es ist eine Gefahr, wenn man den Bogen überspannt - u. es darf nicht sein, daß Du Dich von diesen tausend kleinen Forderungen zermürben läßt. Du hast Größeres zu leisten.
Wie wunderbar hat es mich wieder berührt, mit welcher Sicherheit des Blickes Du die unfruchtbare Existenz der deutschen Akademie in eine lebensfähige Richtung zu bringen suchst. Das war in dem Vortrag von Hildebert Boehm der springende Punkt: das Produktivste in deutscher Ostpolitik sei zu erringende Kulturautonomie. - Es wäre gewiß nötig, daß Du von jetzt an weniger in Fachkreisen, die Du übersiehst, als in politischen - den mehr theoretischen - Anknüpfung fändest. Das sollte doch einem Manne von Deiner Bedeutung möglich sein, denn Dein Name würde Dir sicher überall den Weg ebnen. Das scheint mir für eine
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| politische Betätigung allerdings bei Dir ein Hindernis, daß Du in allem den Wert auch auf die persönliche Beziehung legst. Ich glaube, da muß man eben die Menschen nur ansehen darauf, was sie nützen. - Du hattest mir vor Weihnachten ein großes Couvert mit allerlei Berichten geschickt. Vor dem Fest konnte ich sie nicht mehr lesen, u. auch nach Ludwigshafen nahm ich sie vergeblich in der Reisetasche mit. Dann als Du hier, vergaß ich alles über Deiner lieben Gegenwart u. erst jetzt habe ich mich hinein vertieft. Aus allem klingt mir die Kraft Deiner Wirkung so voll entgegen, daß ich Dir tröstend sagen möchte: sorge nicht um die Vorträge in Basel u. Zürich. Du hast aus der Fülle Deines Seins immer unendlich viel mehr zu geben, als die meisten Menschen aufnehmen können.
Wenn nur Dein Befinden sich durch die ärztliche Behandlung bessern wollte! Ich kenne so gut diese überreizten Nerven; als Du hier warst, sprach ich Dir auch von diesem eigentümlichen Vibrieren. Aber
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| ich habe jetzt ein paarmal ausschlafen können, habe mich garnicht angestrengt u. bin wieder ganz auf dem Damm. Und Du willst bei alledem doch hoffentlich nicht nach Greifswald? So schön ich es fände, wenn Du gesund wärst, jetzt schiene es mir beinah frevelhaft! Ich für meine Person habe beschlossen, zu telegraphieren. Weißt Du, für einen Brief stehe ich Biermanns doch innerlich zu fern.
Daß der Aschbecher kaput war, ist schade. Es war einmal wieder eine rechte Dummheit von mir. Denn wenn ich auch das Ding in dicke Wellpappe gewickelt hatte, so lag es doch außen an der Wand des Cartons u. ich hätte bedenken müssen, wie roh die Packete geworfen werden. Nun, ich finde wohl noch einen schöneren!
Das erfreuliche holländer Geld wird mir nun zu einer neuen Brille verhelfen. Ich habe mir von Prof. Seidel in der Ambulanz eine verschreiben lassen, denn für die feine Arbeit brauche ich ein schärferes Instrument. Ich hatte das in den dunklen Tagen sehr empfunden. Die alten Gläser lasse ich umfassen, sodaß
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| ich nun je nach dem Zweck der Arbeit wechseln kann u. jetzt ganz prachtvoll versorgt bin.
Am Sonnabend waren Meta Günther u. Lotte Koeppen da u. wir lasen die Berichte Deiner Reden. Die Erfurter schienen mir durchweg besser, als die Berliner. Und es war fein, durch die verschiedene Wiedergabe der einzelnen ein etwas vollständigeres Bild zu bekommen, als wohl sonst. - Mehrere davon sind doppelt, darf ich die behalten?
In die Berichte von Groningen muß ich mich noch mehrfach vertiefen. Das ist in der gedrängten Kürze doppelt schwer für mich. - Das Schweizer Blatt hatte ich schon von Frau v. Donop bekommen. Meta erzählte, daß sie von Freiburg aus zu einer Skitour mit der Bahn bis Bärental gefahren sind. Man habe dabei gemunkelt, es sei eine unsichere Sache, da immer wieder Erdrutsche vorgekommen wären. -
Außer einer Zeichnung in der Augenklinik,
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| die mir 12 M einbrachte, habe ich in diesen Tagen nur Briefe geschrieben, (auch ans Doktorinchen (Hendrich) an Geheeb, an Frau Rohn) aber noch fehlen mir immer eine Reihe, die noch dringend erwünscht sind.
- Früher, mein Lieb, hätte ich wohl solch Mißgeschick, wie der zerbrochene Aschbecher, tragisch genommen. Nicht um der Sache willen, aber um einer darin verborgenen Symbolik! Aber jetzt - jetzt ist in mir eine so felsenfeste Gewißheit, an der nichts Äußeres mehr rühren kann. Denn ich liebe Dich.
Deine
Käthe.

Abends lese ich den Pestalozzi von Schäfer wieder. Und dann nehme ich "Lienhard u. Gertrud" vor!