Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 13./14. Januar 1927 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelb. 13. Jan. 27.
Mein Sorgenkind,
wenn diese Zeilen Dich erreichen, dann wird es gerade eine Woche her sein, seit Dein letzter Brief geschrieben wurde, u. Du kannst Dir denken, wie lang mir diese Woche in beständiger Unruhe erscheint. Wirst Du am Montag wieder die Arbeit aufgenommen haben? Waren die Schmerzen im Knie wirklich Gelenkrheumatismus oder nur so ein herumziehender Nervenschmerz, wie ich ihn auch kenne? Warst Du imstande nach Greifswald zu fahren? Wie sehr hätte es mich gefreut, wenn Dir diese frohen Eindrücke geworden wären! Denn so groß die Last ist, die auf Dir liegt, so verzweifelt erscheint sie Dir doch nur in Momenten der Erschöpfung.
Unablässig grüble ich, was nur geschehen könnte, um Dir aus diesem Elendsgefühl heraus zu helfen. Unbedingt mußt Du
[2]
| viel mehr von den verständnislosen Belästigungen Deiner kostbaren Zeit abweisen. Wie gern würde ich das jetzt für eine Weile übernehmen, bis die Leute sich gewöhnt haben, daß Du nicht alles höchstselbst erledigst. Laß Frl. Silber schreiben, was irgend möglich ist! -
Wie schmerzlich ist mir, was Du von der Unmöglichkeit schreibst, Dir etwas von den Schwierigkeiten abzunehmen. Du hast ja ganz recht damit, u. es ist meine Qual, daß ich garnichts Reales tun kann, um Dir die Last zu erleichtern. Aber es sollte möglich sein - es war auch bisweilen möglich. Willst Du es nicht wieder versuchen?
Ich weiß nach Deinem lieben Brief gar nicht, ob Du nur für den einen Tag zu Bett bleiben wolltest, oder ob es länger notwendig wurde? Aber das hoffe ich nicht; denn darauf kann ich doch nach Deinen oft wiederholten Versprechungen vertrauen, daß Du mich in solchem Falle unbedingt rufen würdest. Wenn ich nur auf
[3]
| bestimmte Aufforderung hin komme, so glaube ich damit in Deinem Sinne zu handeln. Ich kann ja aus der Ferne nicht ermessen, wie die Dinge liegen u. neige immer dazu, sie mir schwarz auszumalen, so daß ich am liebsten auf eine Nachricht, wie die letzte hin gleich abreiste. Aber wir sind doch nicht in der Lage, derartiges unnötig zu tun u. wie würdest Du verstimmt sein, wenn ich auftauchte u. Du wärst bereits wieder im Dienst. Darum muß ich mich darauf verlassen können, daß Du es sofort u. ohne törichte Bedenken sagen würdest, wenn meine Gegenwart Dir erwünscht wäre.
Von der Grippe hört man viel. Aber ich glaube meinen Tribut schon gezahlt zu haben. Gelegenheit zu Infektionen gibt es ja täglich. Die Herren, für die ich arbeite, Fritz Schwalbe, die Nachbarn im Colleg, alles schnupft fürchterlich.
Lotte Koeppen erklärte neulich, daß ihr der Studienplan garnicht mehr zu sage. Sie möchte statt des Französischen Ge
[4]
|schichte als Neben[über der Zeile] Hauptfach nehmen. Aber Du habest gerade Französisch als aussichtsreich bezeichnet.
Ereignet hat sich in dieser Woche für mich garnichts. 4 Herren im Pathol. Institut wollen Zeichnungen - dabei ist es so schauderhaft dunkles Wetter, Regen ohne Ende. Abends übe ich täglich Stenographie. Aber Du hast ganz recht, in meinen Brummschädel geht das nicht mehr hinein. Ich habe aber nun mal angefangen u. da kann ich nicht aufhören.
Mein Koks geht zu Ende, das ist bei der Nässe recht ärgerlich, denn da bekommt man den neuen sehr unvorteilhaft. Aber mehr wie 12 Ctr. kann ich nicht in Vorrat nehmen des Platzes wegen. Und 20 brauche ich etwa im Laufe des Jahres. Ist das viel?
- Über das, was Du von den Russen sagtest, denke ich oft nach. Es ist wohl kaum eine wissenschaftliche Erleuchtung, die von dort kommt, sondern vielleicht ein besonderes Lebensgefühl. Jedenfalls hält sich ja der Russe (nach Bubnoff) für den universalsten u. freiesten Menschen der Erde, fähig in alles einzugehen u. doch ganz er selbst zu bleiben. Bei aller Verachtung der westeuropäischen Kultur, was haben sie, das nicht durch
[5]
| diese Kultur hindurch gegangen wäre? Es steckt, wie mir scheint, da eine sehr hohe Bewertung des Primitiven dahinter, bewußtes Festhalten am Einfach-Natürlichen. Nicht Geistesklarheit sondern Mystik ist der geistige Boden u. sie erleben dort wohl jetzt die Stufe unsres Mittelalters. Sie sind dem Lebensgrund in ihrer Entwicklung noch näher, u. glauben nicht, daß auch die fortgeschrittnere Stufe des Lebens die Berührung mit der Tiefe des Seins behalten kann. Ihnen erscheint Westeuropa erstarrt gegenüber ihrem eignen ungeformten Drang. -

14. Jan. früh, d. h. 8 - 9 Uhr! Wie oft wache ich nachts auf u. hänge meinen sorgenden Gedanken nach. Ist doch auch dieser Brief, mein Liebstes, nichts als der Ausdruck meines zerrissenen Herzens, bangend zwischen dem platten Alltag der Pflicht u. dem sehnsüchtigen Verlangen, Dir helfen zu dürfen. - Wenn Du doch inzwischen
[6]
| wieder etwas wohler geworden wärst! Und wenn Du Dir doch bewußt bliebest, daß Du mit halber Kraft immer noch dreimal mehr bist als hundert andre, die sich herrlich dünken. - Und wenn Du doch lernen möchtest an dem klassischen Beispiel Kerschensteiners, lästige Post durch Liegenlassen zu erledigen.
Doch ich muß jetzt fort. Ein Japaner hat Zahnschnitte zu zeichnen - es ist komisch, wie oft von allen Seiten das gleiche kommt. Das war auch das Objekt bei Weidenreich.
Wenn es Dir möglich ist, schreibe mir nur kurzen Bericht. Es ist so schwer in dieser Ungewißheit - ist es besser, ist es nicht besser? Ich grüße Dich innig mit treuen Wünschen!
Deine
Käthe.

[li. Rand] Der Vorstand trägt natürlich auch immer Grüße auf.