Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19./20. Januar 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 19. Januar 1927.
Mein geliebtes Herz.
Du kannst Dir wohl keine Vorstellung machen von der Freude, die mir Deine liebe Karte aus der Bahn vom 12. bereitet hat. Hoffentlich ist Dir der Ausflug so gut bekommen, wie er gelungen war. - Inzwischen wartet man täglich auf die Zeitung u. fragt sich, was soll denn daraus noch werden? Wenn selbst das Centrum mit seine Compromissfähigkeit nichts zu Stande bekommt! Es ist heut wie zu Pestalozzis Zeit, "bei den Parteikämpfen geht es um die Macht, zu regieren, nicht um das Volkswohl." Wie sehnt man sich fort von diesem Kuhhandel, zu dem die Politik in der demokratischen Republik erniedrigt wird. - Für Deine Besprechung des Wieserschen Buches habe ich Dir noch gar nicht gedankt. Da hat mich ganz besonders die Definition der Macht angezogen, das was die "Moral der Macht" ausmacht u. was offenbar bei Wieser nicht zur Klarheit kam. Ich merke am ganzen, wie schwer es Dir wurde bei Deiner Verehrung des Mannes Dich mit diesem Werk abzufinden, das Dir nicht genügte! -
Hast Du auch gelesen, was Gustav Stresemann - es ist doch der Stresemann? -
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|über das Schauspiel „Neidhardt v. Gneisenau“ schrieb? Es ist so sympathisch in der Gesinnung, daß es mir ein ganz anderes Bild des Mannes gab, als ich bisher hatte. Wenn ich nicht wüßte, daß Du ja garkeine Zeit hast, schickte ich Dir gern hie u. da Ausschnitte, die mich beschäftigen, aber ich will Dich nicht auch damit noch behelligen. - So hat hier z. B. Krehl bei der akademischen Reichsgründungsfeier sehr fein gesprochen über die Heilaufgabe des Arztes. Er charakterisierte die Ärzte dabei als: 1. kurz u. 2. grob, am besten: 3. freundlich u. ganz ungeeignet: 4. sentimental. -
Heute wars wieder bei Bubnoff sehr interessant. Er schildert die Entwicklung des russischen Geisteslebens. Im Westen ist die Gefahr, daß die Fülle der ererbten Bildungsgüter das schöpferische Verarbeiten erdrückt, in Rußland sei die Basis zu eng, da nur die Bibel Grundlage der Kultur sei: denn die orthodoxe Kirche habe mit ihrer Feindschaft gegen Rom auch alle westeuropäische Bildung bekämpft, bis ins 18. Jahrhdt. sei die russische Kultur verblüffend eintönig grau. Man kritisiert den römischen Katholizismus als Rationalismus, juristischen Formalismus
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|als Atomisierung u. Mechanisierung des Bewußtseins, orthodox dagegen sei: nicht rational, intuitiv, keine mechanische Institution, sondern organisch. - Immer kommen sie zurück auf ihre schöpferische Ursprünglichkeit. - Leider spricht Bubnoff die russischen Namen so rasch, daß man meist nicht folgen kann, da ja alles fremd u. ungewohnt lautet. Er erwähnte auch einen Heutigen: Tschntscheff? bedeutend in einer naturphilosophischen Lyrik, als ebenfalls antieuropäisch, wohl Haß gegen das Papsttum. - Was ist es nun, daß den Westeuropäer an dieser Opposition gegen seine eigne Entwicklung so anzieht? Kann etwas für uns Neues auf diesem traditionslosen Boden wachsen? Und ist nicht eigentlich unbewußt alles geistige Leben in Rußland doch westeuropäisch beeinflußt?
- Mit Freude lese ich, diesmal verständnisvoller für Einzelheiten, die Schäfersche Vorstellung von Pestalozzi. Zuerst hatte mich immer vor allem das Ethos dieses Mannes gepackt, jetzt spüre ich besonders wie er gleichsam mit verbundenen Augen, aber unermüdlich, das Ziel sucht.
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Diesen Sonnabend wird kein Leseabend bei mir sein. Wolfgang Scheibe hat in ziemlich taktloser Weise eingegriffen u. die Gesellschaft zu sich gebeten, um die Mädels mit Studenten zusammen zu bringen, die er kennt. Aber Meta u. Lining haben erklärt, daß sie künftig wieder die Abende bei mir fortsetzen wollen. Lotte Koeppen sprach ich noch nicht. –
Adele Henning hat eine schwere Grippe gehabt, ist aber wieder auf. Hüte nur Du Dich u. halte Dich an Deinen geliebten Alkohol. Ich nehme jetzt Eisenlecithin, u. hoffe Dich mit der Wirkung zu verblüffen. Fleißig bin ich, aber ich muß viel Zeit mit Besprechungen vertrödeln, u. dann ists auch so erbärmlich dunkel, daß man erst spät am Tage anfangen kann.
Eben schreibe ich aber bei einer strahlenden Spiritus-Glühlampe. Das Licht ist gut u. rußen kanns auch nicht, aber der Spiritus riecht etwas. - Am Oberarm habe ich arge blaue Flecke! Aber nicht was Sie denken - es ist von der Türklinke! Danach erscheint es mir wie eine liebe Erinnerung.
Für heute ade, mein Liebstes. Bleibe oder vielmehr: sei gesund u. sei gegrüßt von
Deiner Käthe

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20.I.27
Immer fällt mir noch so Mancherlei ein, was ich schreiben wollte, wenn der Brief zu ist. Heute kann ich rasch noch einen Zettel beifügen. Also erst mal hat sich nach Deiner Abreise auf dem Tisch ein schwarzes Kalenderchen gefunden mit Deiner Münchner Bankfirma. Das nahm ich als "Schicksal", u. habe es behalten, wenn es auch nicht geschenkt war!!
Dann wollte ich immer fragen, ob es wohl möglich ist, daß bei den Sachen, die Du mitnahmst ein Heft vom deutschen Volkstum aus Versehen mitging? Mir fehlt der Dezember, der die Bilder vom Bamberger Dom enthielt.
Dann schreibst Du etwas von "Auslagen", die ich gehabt hätte. Das ist aber doch garnicht der Fall, denn ich hatte ja noch Geld. Auch verdiene ich ja jetzt wieder täglich.
- Heute abend ist wieder Grenzlandvortrag: Tschecho-Slowakei! Vorher
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| sind Aenne [über der Zeile] u. ich bei einem Kaffee in kleinstem Kreise. (Schupp u. Heidel).
Soeben kommt von der Bank ein Schreiben über Ablösung von 1000 M A.E.G. Obligationen = Ertrag 18,46 Unkosten 2,50 M. So "inflatiert" es immer weiter! - Aber die Miete soll nun bald steigen u. da wird der Wert der Häuser in die Höhe gehen. Wenn Du doch vorher noch eines fändest! Ich kann so verstehen, wie die Enge das Leben erschwert.
Doch nun aber Schluß! Ob Du überhaupt Zeit zum Lesen hast?
Innig
Deine
Käthe