Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. Januar 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28.I.27.
Mein liebes Herz,
wie sehr hatte ich eine Nachricht von Dir ersehnt, u. nur die Rücksicht auf Deine stets so überlastete Zeit hielt mich zurück von einer besorgten Anfrage. Nun brachten die lieben Zeilen wenigstens keine eigentlich schlechten Nachrichten u. ich danke Dir von Herzen für den Bericht. Daß Du bemüht bist, einmal wieder richtig auszuschlafen, ist nur gut. Hättest Du es nur hier schon getan! Wie es scheint, hat das weiße Pulver von Kurzrock nun doch auf die Dauer eine Besserung gebracht u. Du solltest, wenn keine Rückfälle eintreten, ruhig in der bisherigen Art fortfahren. Denn es taugt doch auch nicht, immer wieder andre Versuche zu machen. Nach Deiner Karte aus der Bahn war ich tagelang so froh, denn es hatte mich sehr betrübt, daß Du womöglich auf die geplante Reise verzichten müßtest. Was Du so schreibst von "meinem Verbot", das war eine recht häßliche Auffassung von Dir!! - Ehe ichs vergesse: Das Heft "Volkstum" hatte der Vorstand in seinem Bücherschrank verborgen u. trotz dringender Nachfrage "nie gesehen". Durch Zufall kam es wieder zum Vorschein. Verzeih, daß ich Dich umsonst bemühte; aber ich wußte nicht mehr, wo noch suchen! - Von Deinen Eindrücken über russische Kunst hätte ich sehr gern mehr erfahren. Für mich ist es bei Bubnoff dauernd interessant, wennschon ja Dostojewski keiner von den neuesten ist. Was er von D. sagte, daß er auch im Verbrechen den Menschen achte u. jedem zu einer Menschenwürde halten möchte, das ist der geborene Pädagog, der auch in Pestalozzi so leidenschaftlich glühte. Was mich an der Schäferschen Vorstellung befremdete, war die innere Unsicherheit, die bei den vielen Mißerfolgen als Selbsterniedrigung dargestellt wird. Ist das historisch? Ich meine, ein Mensch mit solcher zwingenden Sendung kann wohl an den Mitteln, die er ergriffen hat, irre werden, aber nicht an sich selbst! - Lienhard u. Gertrud habe ich gelesen, als hätte ich es nie in der Hand
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|gehabt, geradezu mit Spannung. Natürlich hat es auch ermüdende Längen, aber es ist eine wunderbare Kraft in dieser schlichten Erzählung mit ihrer verklärenden Menschenliebe. -
Alles feiert jetzt 60. Geburtstage, das war doch früher nicht so wichtig, aber mit 70. ist man eben nicht mehr "offiziell". Zum 2.II. werde ich von Dir mit gratulieren. Morgen ist wieder Leseabend bei mir. Die Mädels baten darum u. Wolfgang, der sich bei mir entschuldigte auch. Außerdem kommt noch ein Bekannter von ihm, der für Lotte Koeppen Feuer gefangen hat. Wir lesen Michelangelo von R. Roland. - Gestern abend war wieder Grenzlandvortrag. Prof. Andreas sprach über den Anschluß. Er ist begeisterter Anhänger u. schilderte beredet die Notwendigkeit dafür, die in Oesterreich besteht. Aber unsre Lage, unsre Bedenken streifte er nur, u. beschränkte sich darauf, die Schwierigkeit nur als vorderhand gegeben zu schildern. Er sagte wörtlich: Die Abtrennung war ein großes Unrecht. Und so ungefähr: "Wir erkennen die Fehler, die im Übergewicht preußischer Nüchternheit lagen, die Überheblichkeit ist nicht mehr u. wir bilden uns nicht ein, daß an unserem Wesen die Welt genesen müsse; wir sind offen für jede Eigenart, die schöpferisch ist u. in Oest. ist eine "edelste u. reizvollste" Spielart deutschen Wesens". Es war unverkennbar eine anti-preußische Grundtendenz, die mich verstimmte. Er würde sicher im persönlichen Gespräch aalglatt darum herumreden, hat überhaupt keine scharfe u. klare Formulierung. Man merkt mehr zwischen den Zeilen u. ich glaube nicht, daß er ein Verständnis für Deine Beschwerde über Panzer haben kann. - Als Bereicherung die Oest. uns bringe, führte er mehrmals: Geschmack u. Kunstgewerbe an, außerdem Landschaftsreize, Wasserkräfte, Wälder, Erzlager, Siedlungsmöglichkeiten. Aber nicht der Nutzen solle entscheiden, sondern geistige u. nationale Werte edelster Art, nicht im Sinne eines "imperialistischen Pflasters auf unsre Weltmachtwunden."
Doch ich will versuchen, ob der Brief noch mit dem Abendzug fortkommt, daß er Dir doch Sonntagsgrüße bringt. Darum nur noch vielen Dank für die heut erhaltene, liebe Sendung u. innige Grüße u. Wünsche von
Deiner
Käthe.