Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 1. Februar 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 1. Februar 1927.
Mein liebstes Herz!
Zwar wirst Du kaum Zeit haben, um nicht Berufliches zu lesen, aber der Brief wartet geduldig bis zur gelegenen Stunde! Ich schreibe schon wieder - erstens weil ich Deiner beständig gedenke u. zweitens weil ich eine Frage habe. Nach manch früherer Erfahrung sollte ich mir zwar sagen, daß sie doch vergeblich ist, aber so ist nun mal der Mensch: er schmeichelt sich immer mit einer Hoffnung. Also: Augenblicklich ist Ebbe in meiner Tätigkeit, Prof. Gans kommt erst 2. Hälfte Februar, also wäre ich nicht abgeneigt, auf wiederholte Einladung für ein paar Tage nach Frankfurt zu gehen. Ich dächte dabei mehrere Fliegen mit einer Klappe zu treffen: ich brauche Zeichenkarton, der in der guten Qualität nur in Frankfurt zu haben ist u. würde dann gern meinen Aufenthalt so legen, daß ich am 16. Februar früh [über der Zeile] 9.38? mir Dir zusammen bis Mannheim oder Friedrichsfeld zurückführe. Es wären nur wenige Stunden, aber doch sehr lockend. Du hast ja sonst noch lange Zeit genug für Dich allein auf der Fahrt. Was meinst Du dazu? Schreibe mir, bitte, nur eine Karte, damit ich mich mit Weises in Verbindung setzen kann, falls es möglich ist.
Wir waren hier sonntags im Theater, bei halben Preisen (1.40 M). Es war eine gute Aufführung: das Grabmal des unbekannten Soldaten. Die ganze nervöse Erregung der Kriegszeit ist darin lebendig. Aber das Hauptproblem ist uns allen dunkel geblieben, entweder infolge zu flüchtigen Sprechens oder weil es psychologisch nicht genug begründet war. - Sehr beschäftigt mich die Lektüre von Romain Roland's Michel Angelo. Es stellt die Wucht seiner künstlerischen Produktion in scharfen Kontrast zu der nervösen Schwäche des Menschen. Es ist mir schwer, hier an eine Schwäche zu glauben, aber wohl fühle ich die große
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| Leidensfähigkeit dieser überempfindlichen Seele tief. Schwach könnte man ihn doch nur nennen, wenn sein Charakter unter dieser Weichheit u. Beweglichkeit litte. Aber daß ein genialer Geist immer u. überall mit der zähen Masse des alltäglichen Lebens im Kampfe liegt u. sich doch nicht davon unabhängig machen kann, daß er seine innere Welt nicht restlos mit der Wirklichkeit in Einklang bringen kann - ist das nicht gerade seine Größe? Ist es nicht immer so, daß das Ewige sich erst aus der scheinbaren Vernichtung zum Siege erhebt? Es ist als fehlte sonst die Tiefe. Michel Angelo - Pestalozzi, welche Glut des Lebens in Beiden, u. wie wesensfern unter einander. Schauen u. Glauben - so möchte ichs formulieren, schauen der Schönheit u. glauben an Güte.
Morgen ist nun also 2. Februar. Ich schenke von "uns", (Du kannst nach Belieben davon wählen) Isolde Kurz: meine Mutter, 2 hübsche Primeln, u. einen Fingerhut. Die Nichten aus Ludwigshafen werden kommen, aber ohne Kinder. - Das Wetter ist miserabel, Regen u. Wind. Aber wir gehen doch täglich mal am Neckar spazieren, um Luft zu haben. Ich glaube auch, daß ich nicht ganz so kopfschwach bin augenblicklich. - Sonnabend wars recht nett mit den 3 Mädels, (Lotte ist wieder leidlich wohl) u. dazu Wolfgang, sein guter Freund [über der zeile] <Pfeil zu Lotte> Briese u. Fritz Schwalbe. Jetzt hat das Semester ja nun bald ein Ende! Da gehen fast alle fort. - Glaubst du, daß die neue Regierung Bestand haben wird? Ich fürchte erbitterte Kämpfe. Wenn nur die D. St. nicht wieder in Torheiten verfallen!
Mein Einziger, lebe wohl. Hoffentlich hast Du Dich gesundheitlich oben gehalten u. Dich auch nicht mit Grippe abgegeben. Ich grüße Dich innig.
Deine
Käthe