Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Februar 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 10. Februar 1927.
Mein liebstes Herz.
Wenn ich nicht diese Dämmerstunde benutze, dann kommt es heute wieder nicht zum Schreiben u. es ist mir doch so, als hätte ich das recht lange nicht getan. Wie mag es Dir gehen? Das wüßte ich vor allen Dingen gern. Ob lokale Beschwerden jetzt endlich ganz überwunden sind u. ob Du Deine Absicht, auszuschlafen u. spazieren zu gehen ausführtest? - Soeben kommen der Vorstand u. ich von einem wunderschönen Spaziergang: Philosophenweg, unterer Guckkasten, Harlaß, alte Brücke bei Sonne u.. unbeschreiblich schönen Farben der leicht verschleierten Landschaft. Es ist ja leichtsinnig u. ich empfinde es beinah wie ein Unrecht, aber man hat ja so lange entbehrt, daß man wohl das Wetter mal benutzen darf. Ich habe meine Arbeit jetzt zu Haus, u. zwar - denke Dir - hat mir Prof. Rosenblath, den Du von Cassel her kennst, aus Wernigerode, wo er jetzt "zur Ruhe sitzt", 3 Präparate geschickt, die ich nun, ehe Gans wiederkommt, sehr schön noch machen kann. Die Klinik war mal wieder fertig, u. deswegen kam ich darauf, die Zeit zu einem Abstecher nach Frankfurt zu benutzen, aber wenn ich zu zeichnen habe, bleibe ich lieber hier. Denn die Ersparnis an Pension etc. macht doch nicht viel aus, besonders wenns nur 3 Tage sind. - Ja, ich drehe wirklich den Groschen herum u. wenn ich nicht verdiene, dann suche ich wenigstens zu sparen. Ich habe tüchtig Wäsche geflickt u. allerlei genäht.
Aber eine kräftige Ausgabe habe ich mir geleistet: ich war mit den Mädels in Worms, u. da ich den ganzen Winter nicht mit ihnen fortwar, lud ich sie dabei zum Kaffee ein. Und am 27. Februar will ich die 6 Studentlein (3 m. 3 w.!) zu einem kleinen Abschiedsfest versammeln. - Die Leseabende nehmen ja nun
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| ganz bald ein Ende. Die beiden Stolper haben sich jede einen - na, sagen wir "Bekannten" zugelegt, aber nur der eine ist durch Wolfgang Scheibe bei mir eingeführt worden; ein biederer, freundlicher, etwas derber Wandervogel. - Der Sonntag in Worms war hübsch, aber nicht gerade vom Wetter begünstigt. Als wir 7.33 abfuhren schneite es, u. zwar so sehr, daß bald die Gegend wie im tiefsten Winter lag. Dabei war der Boden natürlich matschig u. man sah keine 20 m weit. Aber es besserte sich allmälig, u. wir konnten vor allem den Dom sehr fein mit eigner Führung betrachten. - Den Rückweg machten wir mit Unterbrechung in Lorsch, wo die alte "Fränkische Torhalle" ein allerliebstes Bauwerk ist. Von der großen Basilika, die 7 Pfeiler in der Länge des Schiffes gehabt haben soll, stehen nur noch 3, die zu einem Speicher ausgebaut sind. (Für Tabak!)
Am nächsten Mittwoch ist hier dies für Leibesübungen, da haben wir also nur noch einmal Colleg. Du wirst an diesem Tage nach Basel fahren u. da bitte ich Dich, in Mannheim auf den Bahnsteig zu gucken, falls da jemand ist, der Dir Grüße von mir bringt. (11.7)
Daß Dein Vortrag über Pestalozzis Begriff der Anschauung so übervölkert war, hörte ich von Aenne. Es war lieb, daß Du doch an ihren Geburtstag dachtest. - Heute abend ist wieder Grenzlandvortrag: Elsaß., von dem Prof. Anrich (Tübingen) der in meiner Wohnung wohnte. Vorige Woche sprach Prof. v. Künßberg über Kärnten, Steiermark, Tirol - nicht so schwungvoll wie Andreas, aber ernst u. eindringlich, fachlich klar. Es wird hier an der Universität sehr geworben für den Besuch der oesterreichischen Universitäten. Meta Günther u. Lotte Koeppen sind auch bereits für Graz gewonnen.
Ich will mich nicht in Einzelheiten einlassen, Du wirst dafür keine Zeit haben. Aber ich will Dir noch sagen, wie ich mit treuen Wünschen beständig Deiner gedenke u. wie ich Dich grüße.
Deine
Käthe