Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Februar 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27.II.27.
Mein liebster Einziger!
Gerade jetzt ist es genau eine Woche her, seit ich mich in Neckaralp von Dir trennte! Sehr viel hat sich seitdem ereignet, wovon ich Dir berichten muß - aber zuerst einmal vielen innigen Dank für Deinen lieben Brief zum 25., auf den ich (laut Ankündigung!) garnicht zu hoffen wagte, u. für die wunderbar feine, schöne Tasche, die aber viel zu schade zum Benutzen ist. Ich hebe sie auf für die Reise, da wird sie dann auf liebe Art eingeweiht! - Chronologisch möchte ich Dir berichten von dieser Woche, soweit ichs noch zusammen bringe. Also: am Bahnhof Neckaralp ging ich sehr selbstgewiß los; ich sagte mir: immer der Bahn entlang kann es garnicht weit sein. Aber die Straße ging seitab u. drei Ortschaften lagen lockend vor mir, ohne daß an der Kreuzung ein Wegweiser gewesen wäre. Vor mir gingen 2 Männer, die bei meiner Annäherung ihren Schritt verzögerten, u. dann kam der eine auf mich los; höflich zog er den Hut u. fragte mich, wie er nach - ich glaube - Deidenheim oder so kommen könne! Da mußte ich lachen, denn ich hatte die 2 auch um Auskunft befragen wollen. Also ging ich drauf los, während sie zögerten. Quer zur Straße auf einem Feldweg kam ein Mann daher mit einem Packen über der Schulter u. einem Carton in der Hand, offenbar ein Schneider, der Sonntagsmuße benutzte, Kunden zu besuchen. Den fragte ich nun u. er zeigte mir die Richtung, die auch er gehen müsse. Es war die alte Straße, ohne Autoverkehr, ebenso lang aber angenehmer als die neue. So gingen wir selbander, unterhielten uns über Gegend, Bevölkerung
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| Stilllegung einer Fabrik, Mosbachs Alter u.s.w. - Am Eingang von Mosbach traf er einen Bekannten u. ich ging weiter, aber bald holte er mich ein u. zeigte mir besonders schöne alte Häuser, vor allem das Rathaus mit steinerner Freitreppe ins erste Stockwerk hinauf. Aber alles nur Mittelalter u. Renaissance. Als er fort war, ging ich allein auf die Suche. Aber zu finden ist garnichts, als hie u. da charakterloses altes Mauerwerk, das wohl bejahrt aber nur nicht nach Jahreszahlen erkennbar war. Etwas erhöht steht: "das Schloß". Ein richtiges Conglomerat von lauter kleinen Bauten aus mehreren Jahrhunderten, (vielleicht auf römischen Fundamenten?) aber ohne architektonischen Reiz, wenigstens von der Seite wo man ihm nahe kommen kann. Etwas imponierender erscheint es von einem benachbarten Abhang, wohin ich später ging. Darunter enge Gassen mit sehr alten Häusern, eingemauerten Steinkugeln, viel Fachwerk, sehr klein u. es <Wort unleserlich> stark. Die Kirche ist sehr groß, aber nüchtern, quergeteilt, im Ostchor katholisch, u. innerlich ehrwürdig mit romanischem Gewölben u. gotischen Chorfenstern, der westliche Teil protestantisch, also unzugänglich, dafür aber mit Glasurziegeln recht grellbunt gedeckt, während das andre alt u. dunkel ist. Immer weiter zog ich meine Kreise, besonders an der hügeligen Seite um das Nest, aber gleich kam man in neue Teile u. so fragte ich einen jungen Mann, der nach einem Lehrer aussah nach Sehenswürdigkeiten. Es stellte sich heraus, daß ich alles gefunden hatte, wenn ich nicht auf die Berge wollte, wo noch Reste einer Römerstraße u. Fundamente eines Kastells übrig sind. - Das also ist Mosbach, das bekannte u. renommierte Amtsstädtchen, auf dessen Plan ein Schloßgarten figuriert, den ich in dem Gemüse- u. Obstgelände innerhalb einer Mauer nicht erkannt hatte. Alles in allem: liebliche Gegend mit bescheidenen Reizen u. im Centrum von mittelalterlich malerischer Erscheinung.
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Meine Gedanken zogen Dir nach u. besonders auf der Rückfahrt hatte ich viel Zeit mir alles zurückzurufen, was Du mir erzählt hattest. Es war wundervoll, daß Du mir so frisch u. ausführlich von der inhaltreichen Reise berichten konntest u. ich bin so dankbar für Dein Hiersein! Hoffentlich schließt nun das Semester, so wie die Studiengemeinschaft ebenso befriedigend wie diese Schweizer Tage u. Du hast bis zum 10. März dann mal eine relativ ruhige Zeit, kurz genug ist sie ohnehin. - Daß die Reise zur Erholung sich so weit hinaus schiebt, hat sein Übles u. sein Gutes. Die Wetterchancen heben sich, aber der Hauptzweck mit Kerschensteiner wird dadurch zweifelhaft u. so scheint mir Dein Ausweg mit München recht einleuchtend. -
Als ich also am Sonntag zurückkam, mußte ich erst den Ofen anmachen, der eben bei dem vielen Südwind häufig meine Abwesenheit benutzt, gleichfalls auszugehen. Dann war einigermaßen aufzuräumen u. die gewohnte Ordnung herzustellen u. obgleich ich es beständig im Sinn hatte, kam ich doch nicht eine Minute zum Schreiben. Erst Montag früh fing ich den Tag damit an, denn Sonntag abends war ja der vom Sonnabend verschobenen Leseabend gewesen, der aber zum Glück diesmal nur bis 11 Uhr dauerte. Die Studenten u. -tinnen kamen diese Woche überhaupt häufig auch einzeln an, es ist eben jetzt Abschiedsstimmung! - Also der Brief an Hermann ist geschrieben u. auch bereits sehr lieb u. einsichtig beantwortet, da der 25. rasche Veranlassung gab. Nun gieb mir auch Absolution! Wegen Locarno habe ich Aussicht durch Georg Weise von einem dort ansässigen Maler Auskunft zu bekommen was auf alle Fälle nicht schadet, auch wenn es jetzt nicht mehr
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| nötig sein sollte. Wille zu sehen, war mir trotz mehrfacher Versuche diese Woche unmöglich, da er krank war. Ich werde also wohl besser zu Sillib gehen. - Nun also Georg Weise; ich bekam beiliegende Karte von seiner Mutter geschickt u. am Montag früh, als ich beim Zeichnen saß, erschien er selbst, sehr schwerfällig gehend mit seinem starken Körper u. dem falschen Bein, aber frisch u. rege wie immer. Wir kamen rasch in lebhafte Unterhaltung u. waren dann nachmals zum Kaffee zusammen. Sein Vortrag abends war hochinteressant. Selbst die Kunsthistoriker erklärten, wie neu ihnen das Gebiet sei u. auch der Laie konnte mit vollem Verständnis folgen. Er spricht ganz frei u. wenn auch solche Bildererklärung keine formale Vollendung [über der Zeile] der Rede zuläßt, so blieb es doch flott u. in einheitlichem Zuge bis zuletzt. Er fand freudige Anerkennung u. war sehr vergnügt. Am nächsten Morgen kam er nochmals zu mir u. ich konnte ihm sagen, wie mich sein Erfolg freute. Es liegt ihm daran, bekannter zu werden. Denn er ist offenbar in Tübingen, wo er durch die Kriegsumstände von der Geschichte in die Kunsthistorie eigentlich unabsichtlich hinüber glitt, recht früh Professor geworden u. hat nach außen weniger Beziehungen geknüpft, als andre, die verschiedentlich durch Berufungen fortkommen. Er scheint darin ähnlich daran, wie Du in Leipzig, wo man auch die Lage ausnützte, um Dir wenig Gehalt zu bieten. Jetzt, wo seine Kinder nun größer werden, möchte er da gern etwas weiter kommen, u. mir scheint, daß er fachlich dazu durchaus berechtigt ist. Er sprach mir auch von Dir, d. h. nicht in diesem Zusammenhang, sondern rein persönlich; er glaube, daß er so völlig unphilosophisch veranlagt sei, daß Du wohl keine Freude an ihm haben würdest. Ich aber meinte, daß die Art wie er den künstlerischen Ausdruck als Resultat allgemein geistiger Entwicklung u. vor allem
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| religiöser Stellungnahme versteht, wie er den geschichtlichen Hintergrund u. die Kunstsprache zu einer Einheit zu fassen vermag u. auch dem Verständnis seiner Hörer nahe bringen kann, das ist gerade die Form von Kunstbetrachtung, die Dir zusagt. Sein ganzer Standpunkt schien mir ein sehr kräftiger, gesunder u. wissenschaftlich gründlicher zu sein. -
Fortsetzung abends. - Also weiter! Dienstag war gewohnter Arbeitstag, gegen Mittag kam Georg noch einmal, später suchte er noch Collegen u. Frankfurter Freunde auf. - Gertrud Winter besuchte den Vorstand zum Kaffee u. ich sah sie dann auch beim Abendbrot. Mittwoch nachmittags Schluß der 2 Vorlesungen: Bubnoff schlecht vorbereitet, wollte kürzen u. fand sich dabei im Manuskript nicht zurecht, Schrade dagegen schloß recht eindrucksvoll u. in gemäßigteren Ausdrücken ab. Er hat sich entschieden zum Vorteil entwickelt. Wie gern würde ich einmal mit Dir in München die Bilder dieses Hans v. Marées sehen! -
Donnerstag hatte ich sehr viel zu tun, denn ich mußte doch die Festivität vorbereiten. Die Jugendgruppe hatte mich gebeten, statt am Sonntag lieber schon Freitag mit ihnen zu feiern u. so wurde mein Geburtstag diesmal sehr eigenartig. Morgens erst die Briefe, von denen ich aber nur den Deinigen las, denn ich konnte mich nicht damit aufhalten. Es kamen ein paar Gratulanten gegen Mittag, als ich zu Haus war, u. auch zum Kaffee fanden sich Lulu Jannasch u. eine Collegin ein. Dann schleunigst changement des decorations, u. alles zum Empfang hergerichtet. Um acht kamen unsre lieben Gäste, sie wurden unten empfangen, u. der Vorstand hatte eine feierliche Tafel u. ein gutes, kaltes Abendbrot mit Thee hergerichtet. Es ging sehr fröhlich zu, u. auch die etwas übertriebene Freundschaft Lotte Koeppen - Enno Briese war zu normalem Maß zurück gekehrt. Als alles satt war, ging es hinauf zu mir. Das
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| Wohnzimmer war nur mit Kerzen beleuchtet, 6 am Kronleuchter u. je 2 vor dem Spiegel, auf dem Sekretär, auf dem Bücherschrank. Es war sehr hübsch. Im Schlafzimmer war alles bis auf die Ecke des Bettschirms nur wohnmäßig hergerichtet, die Lampe mit Grün geschmückt, der Waschtisch verdeckt u. als Geburtstagstisch dekoriert. Ich hatte vor allem Blumen, einen Kuchen, Taschentücher, ein Buch über Musik von R. Roland, u. eine wunderschöne Tasche! Die "Jugend" schenkte mir gemeinsam eine Sammlung von Reproduktionen nach Handzeichnungen Michel Angelos mit netter Widmung: "ein kleines Zeichen großer Dankbarkeit"! - Sie waren alle enthusiasmiert vom ersten Moment an im Eindruck der festlichen Stuben u. man plauderte eine Weile in kleineren u. größeren Gruppen, bis ich mit Tellern u. Schokoladenkreme kam, denn Studenten könne ja immer essen! Auf einmal ließ ich das geliehene Grammophon spielen u. nun war der Jubel groß. Der Teppich war schon vorher rausgebracht, nun rutschte der Tisch in die Ecke beim Ofen u. es ging ans Tanzen. Selbst Du hättest es mit Freude gesehen, wie formlos fröhlich sich alles dem Rhythmus hingab. Zu erst allerdings nötigte mich Wolfgang Scheibe zu einem feierlichen Extratanz, eine Art "Umgang", da ich nicht tanzen wollte. Aber dann entfalteten sie alle ihre Künste, u. besonders Wolfgang u. Lotte erfanden immer neue Formen in raschen Einverständnis. Schließlich konnte sogar Fritz Schwalbe nicht mehr widerstehen, obgleich er noch nie tanzte u. auch um der Trauer willen, die er nicht nur äußerlich trägt, nicht tanzen wollte. Er mischte sich mit angeborenem Geschick sehr gewandt unter die andern, u. nun waren also die 3 Paare vollzählig. Ich kann es gut begreifen, daß einem die Musik die Füße in Bewegung setzt u. bin im Laufe des Abends wirklich auch hie u. da einmal von irgend einem ein
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| wenig mitgezogen worden. Aber mehr Beifall erntete ich doch entschieden damit, daß ich mit einem großen Kübel Punsch ankam: (Apfelwein, Thee, Zitrone, Zucker, Cognak) u. Fastnachtskuchen, (d. h. Pfannkuchen ohne Füllung!) Natürlich wurde zunächst auf mein Wohl getrunken u. dann ohne weiteren Vorwand immer weiter. Es war wohlschmeckend u. nicht berauschend! Dazwischen wurden Gesellschaftsspiele gemacht, jeder trug das Seinige bei u. Fritz sagte mir im Vertrauen: "das ist Dir lieber als immer alte Damen, nicht wahr?" - So flog die Zeit unvermerkt u. auf einmal war es - was meinst Du? - vier Uhr! So lange hatte die Lichter gebrannt! Es wäre ganz einzig schön gewesen, versicherten alle, das schönste Fest des ganzen Winters. Ist das nun nicht wirklich der geringen Mühe u. Kosten wert? Ich habe etwa 12-15 M. ausgegeben u. Aenne entschieden weniger. Die Jugend ist ja so leicht zu befriedigen u. alle stimmten so gut zusammen. - Von allerlei ernsten Gesprächen die ich zu andrer Zeit mit einzelnen hatte, schriebe ich Dir auch gern noch, aber Du wirst schon das Bisherige zu viel finden. Eins aber möchte ich Dir doch noch berichten, daß nämlich die Stolper Mädels immer wieder Veranlassung haben, wegen ihrer Schulbildung gelobt zu werden, die so vielseitige Interessen angeregt habe. Es wird eben bei ihnen jetzt so nach u. nach mancherlei wach u. rege, u. sie finden auch besser u. unbefangener Ausdruck für ihr Denken. Schade, daß nun alle fortgehen! - Fritz Schwalbe habe ich die Jugendpsychologie geschenkt, um die er leihweise bat. Nun habe ich keine Exemplare mehr zum Verschenken. Kannst Du wohl gelegentlich
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| noch von Deinen Freiexemplaren entbehren?
Nächster Tage, mein Liebling, schicke ich Dir die Cigarren, die ich besorgte, u. noch allerlei Kleinigkeiten dabei. Eigentlich sollte es zum 25. bei Dir sein, aber die Woche war für meine Verhältnisse ungewöhnlich ausgefüllt u. ich kam nicht zum Packen. Aber ich habe es gern, wenn einmal die Monotonie unterbrochen wird. Denn meine Arbeit ist doch ein garzu einsames Geschäft.
Am Mittwoch endet das Semester. Bis dahin kannst Du ja diese endlose Plauderei aufheben, damit sie Dich nicht aufhält. Die einzige Trübung des 25. war die Nachricht, daß Onkel Hermann sich wieder so schlecht fühlt, daß er ins Diakonissenhaus gehen will. Und denke Dir, sein Sohn Rudi schrieb ihm nicht einmal zum Geburtstag, sodaß der Vater in Sorge war, er sei krank. Ich aber fürchte, er hat es nur verbummelt. - Was werden wir zur Einsegnung von Heinz tun? Weißt Du, daß in Deinem Safe eine Uhr ist, die ich vor Jahren für ihn kaufte? Kannst Du sie wohl mal herausholen? - Doch der Bogen ist wieder zu Ende u. der Tag auch. Also laß Dir nur noch viele Grüße sagen u. tausend Dank für die vornehme Tasche, die in ihrer Einrichtung ganz meiner bisherigen entspricht. Du hast sie sehr geschickt ausgewählt u. ich finde sie nur viel zu fein u. kostbar.
Möchtest Du von Ärger verschont gewesen sein in dieser Zeit u. Dich infolge dessen wohl fühlen. Viel Glück auch zu der Villensuche! Gute Nacht, schlafe Dir neue Kräfte zu Deinem anstrengenden Tagewerk!
In treuer Liebe
Deine
Käthe.

[li. Rand] Frau v. Donop schickte allerlei Zeitungsausschnitte, auch den Bericht über Deine Rede.