Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. März 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 6. März 1927
Mein geliebtes Herz!
Heute sind es gerade 2 Wochen, seit Du hier durchkamst, aber mir scheint es, als wären es mindestens 4! Darum warte ich auch schon wieder so ungeduldig auf ein Lebenszeichen von Dir, wozu doch in der Tat garkeine Berechtigung vorliegt. Du wirst meinen Brief vom 27. bekommen haben, u. gestern schickte ich auch das Paket mit Cigarren, gutem Kakao (zur Aneiferung von Frl. W.) u. endlich einem hoffentlich haltbaren Ersatz für den gesprengten Aschenbecher. Da jetzt das Semester zu Ende ist, hast Du hoffentlich Zeit, es rasch auszupacken. -
Endlich kann ich Dir nun auch Auskunft geben über die Anfrage wegen Kirchenrat Mieg. - Wille schien mir doch die richtige Adresse nicht mehr, u. so entschloß ich mich, meine Arbeitszeit in der Klinik einmal dran zu geben u. Syllib aufzusuchen. Ich verband damit dann gleich einige geschäftliche Gänge. Denn Büro's u. Chefs sind immer nur zu einer Zeit verfügbar, die mir sehr unbequem ist, weil es die hellsten Tagesstunden sind. - Also nach einem ersten vergeblichen Versuch traf ich Prof. S., der sehr liebenswürdig u. bereitwillig war. "Wie sonderbar trifft es sich," sagte er "daß ich gerade in diesen Tage 3 Ahnenbilder dieser Familie kaufte"! Sie hängen in seinem Empfangszimmer, alte große Ölbilder von 2 würdigen Geistlichen u. einer Gattin. (Zur 2. Dame hatte diesmal das Geld noch nicht gereicht.) Aber er setzte sehr richtig voraus, daß für Dich dies nicht das Wichtige sei; Briefschaften, Nachlässe seien erst später in der Bibliothek gesammelt worden, von Mieg seien nur "Annekten?" zur Pfälzischen Geschichte hier.
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| Er ging noch einmal, um sich zu vergewissern, kam aber mit negativen Bescheid wieder. Nachkommen existieren noch in der sehr französischen Familie Dollfuß-Mieg (Garn-Industrie im Elsaß) u. vor allem glaubt er, daß wenn irgend jemand, so ein Herr Ober-Reg.Rat Carl Banzhaff, Stuttgart, Heidehofstr. 3 Auskunft geben kann, dessen verstorbene Frau eine geb. Mieg gewesen sei. Die Familie, von der er die Bilder kaufte, hätten den Namen Mieg nicht mehr, u. wohnen in Roth? bei Nürnberg. Aber Herr Banzhaff (wie das Hotel!) habe eifrig Familiengeschichte getrieben. Die Vorfahren seien über 150 Jahre lang nach dem 30jährigen Krieg bedeutende Leute in Heidelberg als Theologen gewesen. - Auch über Allgemeines redeten wir noch ein wenig, besonders über die Krisen der Universität, u. er meinte, vielleicht wäre es möglich, daß das Reich - da Baden prozentual so viel mehr als andre Länder für die Hochschulen ausgeben müsse, - diesen Prozentsatz der Mehrkosten auf sich nähme, ohne darum die Hoheitsrechte an sich zu reißen. Die Behauptung, daß Freiburg finanziell so bevorzugt würde, sei falsch. Die feste Dotierung sei hier höher, aber an Extra-Zuschüssen wäre im Vorjahr in Freiburg durch Bauten mehr ausgegeben worden. Er sprach auch von der Notgemeinschaft die er zu interessieren hoffe - hast Du da etwa mitzureden?
- Ob nun wohl die Pestalozzi-Rede in der Erziehung zum März noch erschienen ist? Wenigstens der Bericht von Stettbacher jr. lag auf meinem Geburtstagstisch u. die liebe Karte aus Zürich mit dem Denkmal bildete den Mittelpunkt. Hast Du Dich sehr entsetzt über meinen langen Bericht aus jener Woche? Du brauchtest ihn ja nicht zu lesen, Du Armer!
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| Schrieb ich Dir eigentlich neulich auch von Georg Weise's Entsetzen, als ich nach Oesterreich fragte? Es verginge keine Woche, wo er als augenblicklicher Dekan nicht irgend welche Schererei mit seinen beständigen Quängeleien hätte. Immer müsse er in alles dreinreden, auch wo es ihn garnichts anginge!
Hier ist jetzt ausgesprochenes Frühlingswetter u. der geheizte Ofen wird unbequem. Ich sitze in der Klinik immer direkt am offenen Fenster. - Unsre studentische Jugend ist nun sämtlich fort. Gestern abend reiste Meta Günther auch, (die noch bei Verwandten in Ludwigshafen gewesen war,) nachdem wir mit ihr den Nachmittag in Neckarsteinach u. -Gemünd zubrachten. - Im Rückblick auf die ganze Gruppe wird es mir schwer, irgend ein definitives Urteil zu fällen. Sie sind ja alle noch im Werden, - am weitesten in der Entwicklung scheinen mir menschlich diese Meta u. Fritz Schwalbe. Ob dies in einer früheren Begrenzung oder stärkeren Reife liegt, die noch manche Stufe vor sich hat, will ich nicht entscheiden, halte aber bei beiden das letztere für wahrscheinlich. Wolfgang Scheibe ist vielleicht interessanter, aber er hat das eigentümlich Schweifende eines absoluten Stimmungsmenschen - ganz egozentrisch. - Von Lotte Koeppen berichteten sie, daß sie fürchterlich stolz auf das Zusammensein mit Dir gewesen wäre. Immer, wenn die andern von ihren Weihnachtsreisen erzählten, hätte sie gesagt: "u. ich habe mit Prof. Spranger Kaffee getrunken u. er hat mir zwei Stück Torte gekauft!" Du hast sie damit also mal wieder sehr richtig eingeschätzt! Jedenfalls aber wäre sie sehr beneidet worden.
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|Wie mag es Frau Riehl jetzt gehen? Hoffentlich wieder besser. Und sonst die Freundschaft? Macht man mit dem Beginn der sogenannten "Ferien" Anspruch an Deine menschliche Gegenwart? - Daß man in Stolp einsieht, man müsse auf Dein u. mein Erscheinen zum 27. März verzichten, habe ich Dir wohl mitgeteilt. Nun schreibe, bitte, Du mir, was Du über die von mir gekaufte Uhr, die in Deinem Safe ist, bestimmst. Es war ein als gut empfohlenes Werk von nettem Aussehen.
Jetzt teile mir doch auch noch mit, vorüber Du in Kiel bei der Marine u. der Kantgesellschaft reden wirst, u. grüße auch den kleinen Scholz. Und am 17. ist Stralsund? - Als Abschied von den Pommerschen Gänschen las ich ihnen Deine feine "Adelsrede" vor, die in ihrem Ernst u. ihrer Tiefe für solchen Gelegenheitsvortrag starke Wirkung übt. Es ist darin in so vornehmer Weise das "noblesse oblige" auch für den geistigen "Adel" betont.
Noch eine Frage: man fordert von mir eine Steuererklärung u. zwar soll ich auch angeben, was nicht steuerpflichtig ist. Ich habe vor zu schreiben, daß meine "Verwandten in Berlin" mich unterstützen, soweit mein Verdienst nicht hinreicht, ohne genaue Summe. Was meinst Du dazu? Die Erklärung eilt!
Lebe wohl, mein Liebstes. Schreibe mir ja Deine Adresse auf der Reise, denn es kann doch sein, daß etwas mitzuteilen wäre.
Mit vielen herzlichen Grüßen
Deine
Käthe

Georg Weise kommt in diesen Tagen zu einem Vortrag nach Berlin, ich glaube aber gerade während Deiner Abwesenheit.