Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. März 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25.III.27.
Mein Liebstes!
Mit welch einer Fülle von Gaben hast Du überschüttet u. sehr glücklich gemacht! Erst der liebe, ausführliche Brief aus Kiel, der mich nach Frankfurt begleitete, dann die Karte aus Stralsund u. der schöne Pestalozzi-Vortrag, die mich bei der Rückkehr empfingen u. nun wieder die treue Geldsendung mit den lieben Zeilen, die mir eben doch auch daran das Wichtigste sind. Laß Dir für alles von ganzem Herzen danken. - Du hättest von Frankfurt keine Karte bekommen? Ach, weißt Du, weil Du mir in Gedanken so beständig gegenwärtig bist, habe ich Dir diese Selbstverständlichkeit nicht melden wollen. Und etwas Anderes war eigentlich nicht zu erzählen. Ich fuhr am Sonnabend [über der Zeile] (dem 19.) 1.12 hier ab, war um 4 Uhr dort, abgeholt von meiner Cousine u. ging gleich mit ihr in die Stadt, Zeichenkarton u. ein Waschkleid für mich zu kaufen. Dann ging es in die Dürerstraße, wo wir stillvergnügt zusammen blieben, teils mit, teils ohne die junge Familie von oben, die auch sonntags mit dem 2jährigen Bübchen verschiedentlich anwesend waren. Vor Tisch war ich eine Stunde im Städelschen Institut - sonst war der Inhalt der Stunden eigentlich nur: Familie Weise. Es ist mir immer eine Freude, wie Anna in echt freundschaftlicher Art mir von allem erzählt, was ihr am Herzen liegt. Im ganzen hatte ich diesmal den Eindruck, daß es weniger äußere u. innere Schwierigkeiten gab. - Ich blätterte abends in einer Broschüre von Reventlow über Stresemann, die mir aber sehr tendenziös scheint - das war alles, u. davon war doch wirklich nicht zu melden. Montags 8.56 fuhr ich schon zurück, so kostete die Reise nur 4 M.
Leider hat jetzt das Zeichnen schon über eine Woche ausgesetzt, u. ich benutze die Zeit zu Nähereien; denn damit spare ich doch
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|wenn ich nun doch mal nicht verdienen kann, u. ich finde, daß der Erfolg bei meiner Garderobe immer dem Aussehen zum Vorteil gereicht. -
In den Pestalozzi habe ich mich vertieft. Es ist herrlich, wie in dem Bilde, das Du zeichnest, die Weisheit u. Reife, die sich am Leben läuterte, zum Ausdruck kommt. Bei Schäfer blieb einem zuletzt der Eindruck des Unvollendeten - bei Dir atmet man tiefe, erdverwurzelte Sicherheit. - Wußtest Du übrigens, daß in dem Sonderdruck leider Seite 37-40 fehlen, legtest Du deshalb das Heft der Erziehung bei??
An Heinz schrieb ich heute. Ich danke Dir sehr, daß Du die Uhr expediertest. Es tat mir recht leid, daß ich Dich damit bemühen mußte, denn ich hatte sie inzwischen ganz vergessen u. hätte Dich ja auch nicht ohne zwingenden Grund veranlassen mögen, sie aus dem Safe zu holen. - Was hast denn Du dem Jungen geschenkt? Ich wollte, Du hättest ihm eine Uhrkette dazu gestiftet! Sehr erschreckt bin ich über Deine Bemerkung, daß Biermanns von einem "unglaublichen Verhalten" unsres Rudi gegen seinen Vater sprachen. Was mag da vorliegen? Ich habe große Sorge, daß Onkel da noch rechten Kummer erleben wird. Es wäre mir lieb, wenn der Junge nächstes Semester herkäme, daß man ihn etwas zurechtstutzen könnte! Aber wer weiß, ob Onkel das durchsetzen könnte! - Was haben denn Biermanns da beobachten können? Er muß wohl sehr viel von sich mitgeteilt haben. -
Heute ist Frau Olshausen abgereist, (s. Lanzkirch!) die den Vorstand für 2 Tage als Logiergast beglückte u. sich mit Sohn in 14 Tagen nochmals angesagt hat. Sie hat mir diesmal ebenso wenig gefallen, obgleich sie ein sehr gewandtes u. verbindliches Wesen hat.
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|Und vorhin kam zu mir unerwartet Anna Henke, die Malerin aus Frankfurt, Tochter des Tübinger [über der Zeile] Anatomen. Sie ist nervös überreizt, war schon häufig in Sanatorien, u. ihre heftige, sprunghafte Art würde mich für länger sehr aufregen. Zum Glück wurde ich sie nach einer Tasse Thee mit "Sommertagsbretzel" auf gute Art wieder los. Sie tut mir ja sehr leid, aber man kann sie einfach nicht aushalten. Jetzt kam sie von Mannheim, wo sie ein Kind malen sollte, aber mitten drin durchgebrannt ist.
Schrieb ich wohl schon, daß unsre 3 Mädels sehr nette Briefe schickten? Ganz besonders Lotte Koeppen schreibt so warm u. rückhaltlos, wie sie sich im persönlichen Verkehr garnicht geben konnte. - Wolfgang Scheibe kam eines Abends mit der jungen Frau, die ihm befreundet ist u. mit der er eine Reise über Ulm, Sigmaringen, Bodensee, gemacht hatte. Sie ist getrennt von ihrem Manne, hat 2 Kinder mit denen sie in einem Dorf bei Tölz lebt u. sieht aus wie 18, frisch, klar u. reizend. - Von Fritz Schwalbe hörten wir noch nichts. -
Was meinst Du dazu, wenn ich den Onkel bitte, in der Zeit, wo Aenne nach Italien geht, deren Wohnung zu benutzen? Es hat ihm das letztemal doch so gut hier getan, u. ich möchte ihm so gern etwas Liebes tun können, denn sein Schicksal ist doch garso schwer. - Ich fürchte nur, es wird gerade mit dem Abputzen des Hauses zusammen treffen, u. das wäre ungemütlich. Es gäbe aber eine Veranlassung
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| mehr, Rudi hierher zu ziehen. Ich glaube eigentlich nicht, daß der Junge bösartig ist, aber schwach u. leichtsinnig. Ich habe rechte Angst, der Onkel könnte da noch Kummer haben!
Den Brief von Hermann entdeckte ich auf Deine Anfrage hin im gleichen Umschlag mit seinem letzten an mich. Verzeih die Gedankenlosigkeit! Ich war nach der Beantwortung im Gefühl, es sei nun erledigt.
Ist in Berlin jetzt auch so wunderschöner Frühling? Man kann das Grün förmlich stündlich wachsen sehen u. in den Weinbergen leuchten die blühenden Mandelbäume. Wann werden wir denn nun wohl bestimmtere Reisepläne fassen können? Hörtest Du wohl, wann Kerschensteiners zu reisen gedenken? Ich sehne mich, Dich endlich mal in Erholung zu wissen, u. ebenso sehr danach, Dich wieder zu sehen, Du Verbreiter des "Jugendlasters"! – Dem Fritz Schwalbe habe ich auf Wunsch das letzte Exemplar geschenkt, wenn Du also wieder neue Lieferung hast, bedenke mich, bitte, für meine jungen Freunde.
Der Vorstand ist so elend, daß ich nicht weiß, wie sie die Romreise aushalten soll. Aber sie strebt mit aller Energie dahin. - Von Frl. Säuberlich hatte ich einen Brief. Sie scheint mir schwer krank; u. ihre Ausdrucksweise ist etwas exaltiert oder gesucht - aber ich schätze sie sehr, u. glaube wohl, daß auch stark erregte Nerven da mitsprechen. Für das "was Du ihr sagtest" dankt sie Dir; es sei ihr sehr viel gewesen.
Doch ich möchte, daß diesmal der Gruß wirklich am Sonntag bei Dir wäre u. will ihn durch den Platzregen rasch noch zur Post bringen. Also noch einmal vielen, vielen Dank u. innige Grüße von
Deiner Käthe.

[li. Rand S. 1] Wie steht es denn mit den Aussichten für Hauskauf?