Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 2. April 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 2. April 1927
Mein Liebstes,
vielleicht findet Dich mein Brief in Oldenburg, ich denke mir, Dein Kommen ist doch dort gewiß ein Ereignis - ob freilich für den Briefträger? Möchtest Du Deine Erkältung inzwischen los geworden sein; die Witterung ist garnicht dazu angetan, ausgerechnet an die Wasserkante zu reisen. Und möchtest Du recht erfreuliche Stunden fühlbaren Erfolges dort verleben, damit Du Deine unaufhörliche Mühe belohnt findest. Auch in Kiel wird es Dir die Anstrengungen erleichtert haben, daß Du - vor allem bei Heinrich Scholz - spürtest was Du den Menschen bist. Wenn das doch auch bei dem Armen von nachhaltiger Wirkung wäre! Aber ich fürchte, er war u. bleibt ein wunderlicher Mensch, nicht gerade u. stark gewachsen. -
Deinen Vortrag dort hätte ich besonders gern gehört, er ist doch gerade das, was der Zeit not tut. - Was mag nun das Thema dieser Kurse in Zwischenahn sein? Vor allem hoffe ich, daß es nicht solche Einöde dort ist wie s. Z. Deinstedt.
- Der Minister, bei dem Du warst, ist doch wohl Becker? Die Pestalozzirede von Hoffmann hörte ich nicht, da ich in Frankfurt war. Sie scheint nach dem Bericht recht tüchtig. Das hatte er aber nun auch leicht, nachdem so viel Vorarbeit gemacht war!! - Sehr hart wurde es mir, mich in dem Aufsatz von Litt zu No II durchzuarbeiten. Und meiner Logik war es nicht möglich, ihm in der theoretischen Einleitung, die ungebührlich lang ist, überall zu folgen. Er fragt: sollen wir dem verklärten oder dem irdischen Menschen unsre Dankbarkeit darbringen? Denn beides sei unvereinbar - u. kommt dann zu dem Schluß: beim Pädagogen sei Werk u. Mensch eins. Wozu dann
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| die lange, komplizierte Vorrede, die abschreckt, während man später gefesselt wird. -
Du erwähntest mehrmals den D.L.V., ohne näher darauf einzugehen. Davon mußt Du mir erzählen, wenn wir erst beisammen sind. Im ganzen gehen doch die Dinge, wie Du sie vorgezeichnet hast, so als käme es "von selbst". Dein Wort wirkt bewußt u. unbewußt, auch ohne Deine persönliche Direktive, das macht, Dein "Traumsinn" kennt den einzig möglichen Weg.
Hast Du eigentlich irgend etwas in Sachen der Unbekannten getan? Vielleicht ist es am besten, wenn Du einfach schweigst. Ein Hund bellt nicht lange allein! -
Gestern schrieb ich endlich mal an Frau Riehl. Liegt bei ihr eigentlich eine positive Erkrankung vor oder ist es ein Rückfall in den Zustand des letzten Jahres? - Um Aenne Knaps könnte man beinah auch besorgt sein. Sie ist recht angegriffen, aber ihr ganzes Dichten u. Trachten geht nach Rom, obgleich sie heute erklärte: das könne ihr niemand zumuten, allein zu reisen. Elisabeth Vetter will nämlich schon zu Ostern dort sein u. das hatte sie selbst nicht vor, sondern erst Ende des Monats fahren wollen, da noch immer das 2. Zimmer nicht vermietet ist; aber "das muß dann eben Lulu Jannasch besorgen."
Von Susanne hatte ich einen sehr hübschen, eingesandten Brief. Das ist wirklich lieb von ihr. - - Hoffentlich ist überall gut geheizt, wo Du bist. Ich hatte schon aufgehört damit, muß aber doch noch öfter ein Holzfeuer machen, weil man nicht lange still sitzen kann bei 9°. -
Reise gut, mein Liebling, u. laß mich nun bald mal hören, wie es mit der gemeinsamen Fahrt wird. - Einen Paß habe ich, ein Visum braucht man wohl für die Schweiz nicht. Für Italien muß Aenne es in Frankfurt besorgen! -
Also - lebe wohl! Ich grüße Dich innig u. freue mich täglich - stündlich aufs Wiedersehen.
Deine Käthe.