Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26./27. April 1927 (Heidelberg)


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wieder in Heidelberg. 26.IV.27.
Mein geliebtes Herz!
Noch immer fährt Du in dem Zuge, der Dich mir entführte. -

Als Du - wie Jupiter in der Wolke - im ausströmenden Dampf der Bremse entschwunden warst, ging ich nach Haus u. schlief einige Stunden. Dann kam Lulu Jannasch u. brachte die Nachricht, daß die junge Pfälzerin, Studentin im 1. Semester (phil.) an die sie für Aenne das Zimmer vermietete, schon am 27. früh einrücken würde. Lulu brachte mir die Schlüssel u. legte damit alles Weitere in meine Hand. So mußte ich - im Trauermarsch! - nach der Kaiserstraße, um Bertha zur Herrichtung des Zimmers zu holen. Ferner war eine Benachrichtigung für Aenne da, daß man aus der Pfalz ihr auf Ersuchen eine einmalige Unterstützung von 100 M gewährt habe, (als Bezirksarzttochter). Da mußte ich auf die Post, um zu verhüten, daß das Geld zurückgeschickt wird. Dann lag da ein Briefchen von Wolfgang Scheibe, der sich zum Übernachten ansagte. Lulu u. ich waren der Meinung, daß er diesmal wo anders hingehen solle; er kam aber zwischen 8 u. 9 abends u. erklärte, "garkeine Umstände" machen zu wollen, aber dazubleiben. - Zu essen hatte ich garnichts im Hause, da ich selber noch nicht richtig eingerichtet war, denn ich hatte den ganzen Tag - jedenfalls auf Wirkung des Melubrins, das mir ja in unerfreulicher Erinnerung war - eine absolute Appetitlosigkeit. So war ich nicht zum Essen gegangen, sondern hatte mich nur mit wenig Brot, Schinken u. Eiern ernährt. Am Nachmittag schlief ich wieder stundenlang wie tot u. kam so recht gnädig über die unangenehme Attacke hinweg. - Es tat mir so sehr leid um Deinetwillen, daß die fortwährenden recht quälenden Schmerzen mich so ungenießbar machten am letzten Tage. Oder sollte ich sagen: noch ungenießbarer?! Heute, (denn gestern abend hatte ich gerade nur die erste Zeile geschrieben, als Wolfgang kam u. Thee trank als Abendbrot-ersatz) -
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| bin ich nun wieder normaler, wennschon ich noch vorsichtig sein muß. So fing ich denn an, die verwahrloste Wohnung allmählich wieder in Ordnung zu bringen, d. h. so obenhin, denn für die Gründlichkeit kommt morgen die Frau. - Ich besorgte mir auch noch Brennmaterial, denn es war eine abscheuliche Kälte, sodaß ich den Ofen wieder still weiter brennen lasse.
Von Aenne aus Rom kam heut eine Karte an Lulu; sie habe gleich von dort an mich nach Luzern geschrieben. Du gabst doch wohl für uns die Reichenau an zum eventuellen Nachschicken? Es ist aber nichts gekommen. Die übrige Post habe ich nun auch gelesen, ich hatte ja keinen Sinn dafür, solange Du da warst. Es ist auch ein Brief von Lotte Koeppen [über der Zeile] aus Graz an Aenne da, in dem sie sich sehr beglückt äußert über mein Schreiben, worin ich ihr "meine Meinung" sagte. Sie will mir bald selbst antworten. Also, es ist doch vielleicht nicht vergeblich gewesen. Wenn Du mir nun auch eigentliche Menschenkenntnis absprichst, so glaube ich doch, daß ich für das Echte im Menschen ein deutliches Gefühl habe. Und daran machen mich kleine Schwächen u. jugendliche Unreife nicht irre. Ich weiß auch, daß es bei Dir genau so ist, wenn es auch im Gespräch erscheint, als ob Du nur Blick für das Negative hättest. Es sind ja nicht nur bei den Mädchen solche, die erst langsam sich dem Niveau einer Universität nähern, sondern auch bei den jungen Männern. Nur äußert sich bei ihnen das Kaulquappentum anders. Und zwingen nicht die staatlichen Bestimmungen jeden, der vorwärts kommen will, heute in die höheren u. Hochschulen hinein?
nachmittags. Also Wolfgang, den ich nach dem 1. Frühstuck sich selbst überließ, hat jetzt ein Zimmer in der Friedrichstraße, durch ein anderes zugänglich, klein, für 38 M mit Frühstück. Aenne bekommt (da sie keine Wäsche liefert) nur 28, Frühstück u. Bedienung extra. Auf einmal sind Zimmer wieder knapp. Im Nachweis bei der "Studentenhilfe" sind schon seit 8 Tagen keine mehr vorrätig. - Das junge Mädchen hier ist ein Pfälzerin, d. h. gebürtig aus Lothringen, aus Straßburg vertrieben, in Grünstadt ansässig. Sie ist nicht hübsch u. recht blaß, macht aber einen sehr
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|wohlerzogenen, bescheidenen u. ernsten Eindruck, ist sich ihrer gänzlichen Unerfahrenheit bewußt. Sie heißt Jutta v. Rosenthal, der Vater ist tot, der Onkel war Offizier im Elsaß. Ich glaube, Lulu hat wirklich da eine ganz geeignete Wahl getroffen, u. Aenne kann beruhigt sein.
- Zu Mittag war ich heute in den 3 Eichen, da ich den Weg zu meiner Monatsfrau damit verbinden wollte. Ich werde aber lieber künftig zu Denner zurückkehren. In die Klinik gehe ich erst morgen, denn obgleich ich heut wieder beweglicher bin, so roste ich doch bei längerem Verharren in einer Stellung noch sofort wieder ein. Auch das Schlafbedürfnis ist noch enorm. Ob es Dir damit ebenso geht? Ich lese in der Zeitung, daß in Berlin eine Unwetterkatastrophe gewesen ist. Hier war es nur kalt u. windig, heut stieg das Barometer tüchtig u. es ist ein klarer, kühler Vorfrühlingstag. -
Warum hat uns nur der Himmel so im Sturm von unsrer Insel gefegt? Vielleicht wollte er uns den Abschied leichter machen. Aber die Sehnsucht bleibt deswegen nicht aus u. das "Heimweh" des Walahfried Strabo klingt auch in mir nach. Wie danke ich Dir, daß Du mit mir auf die Insel des Friedens heimkehrtest - sie ist mir nun einmal der liebste Hintergrund für Deine Gegenwart. Diesmal freilich war mir etwas zu viel "Unterhaltung" beigemischt, u. den Weg nach Bodman hätte ich lieber mit Dir allein gemacht. Aber ganz lebendig stehen die Stunden vor mir, in denen Du mich an Deinen gegenwärtigen Arbeiten teilnehmen ließest. Besonders denke ich dabei an das erstemal am Sonnenbühl, u. ich bin ungeduldig, das alles noch einmal u. noch öfter zu lesen. Die Forderung nach einem höheren, bleibenden Sinn über dem Leben, die Sehnsucht nach Erhöhung, die sich in reiner Hingabe erfüllt, u. die kein ästhetischer Individualismus bringen kann, die Fülle der Welt, die in ihrer Zersplitterung überwunden werden muß mit der Kraft gottbegnadeten Menschentums - das alles fühle ich tief. Nur durch die Welt geht es zum Frieden über der Welt. Die Zeit fordert nicht den schönen, sondern den starken Menschen. Ist es
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|nicht so? - "Beweist Eure Kraft", sagst Du auch zu den Männern der Schule. Nicht Kampf gegeneinander, sondern Wettkampf in den Leistungen ist das Fruchtbare. Wenn die Menschen doch einmal lernen möchten, das Lebendige im Standpunkt des andern anzuerkennen, anstatt ihn einfach für beschränkt zu halten. -
Sehr gern wüßte ich viel mehr über die praktische Auswirkung der 5 möglichen Schulformen. Jedenfalls aber haben die Katholiken mit der straffen Organisierung u. den reichen Geldmitteln im freien Spiel der Kräfte ein großes Plus.
Hörtest Du über den Hochschullehrertag in Weimar? Bei uns stand ein kurzer Bericht, der mir recht nichtssagend erschien. Und die Abrüstungskonferenz ging aus wie das Hornberger Schießen! Ich denke dabei natürlich an Deine Prophezeiung.
Der schöne Goldlack von der Insel hat sich prachtvoll erholt u. duftet herrlich. Die Blüten sind doppelt so groß wie diejenigen, die Lulu uns hier hinstellte.
Nun will ich aber für heute Schluß machen, denn Du wirst gewiß schon wieder garkeine Zeit haben, den Brief zu lesen.
Ich denke in Dankbarkeit der vergangenen Wochen u. habe den heißen Wunsch, daß die relative Ruhe Dir doch ein wenig die Kräfte gestärkt haben möge, wenn auch allerlei Beschwerden nicht ausgeblieben sind. Es ist mir immer so schwer, wenn ich sehen muß, wie Du Schädigungen ausgesetzt bist, die ich nicht verhindern kann. Weißt Du doch, wie all mein Wünschen nur für Dich ist.
Herzliche Grüße an alle Freunde, u. Dir mein ganzes Herz.
Deine
Käthe.