Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 28. April 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 28. April 1927.
Mein Liebstes,
wie sehr vermisse ich Dich stündlich. All die heimliche Zärtlichkeit, die mein Herz für Dich erfüllt, quillt erstickend in mir empor. Ach – warum kann ich Dir nicht helfen? Warum kann ich den Druck, den ich immer auf Dir lasten fühle, nur schweigend mit Dir tragen – warum müssen wir so leiden? Kann uns auch der Inselfrieden nicht mehr frei u. glücklich machen? Die Tage sind so schnell geflogen u. waren doch so inhaltsreich, denn ich lebe ja mit jeder Faser meines Wesens nur in Dir. Ich "höre nicht gut" – aber ich fühle umso feiner, ich fühle Dich in Deiner Rastlosigkeit, u. ich kenne Dich in Deinem reinen, machtvollen Streben. Wie Pestalozzi das Los der Armen zu bessern suchte von innen her, so lehnst Du Dich auf gegen die Flachheit u. Verirrungen unsrer Zeit u. zeigst den Weg zu einem vertieften, sinnerfüllten Dasein. Nur so, von innen, kann es wieder aufwärts gehen mit unserm Volke. Und es ist so herrlich, wie Du nicht ein Ideal auf Wolken hinstellst, sondern die Kräfte der Wirklichkeit zu fassen u. zu nutzen weißt, u. wie vor allem die Kraft Deines Wesens lebendige Kräfte weckt. Das gefiel mir ungemein in dem Brief des Herrn KellnerBremen, daß er so tief ergriffen war von Deiner persönlichen Wirkung. So, weiß ich, geht der Samen auf, den Du auf Deinen vielen Wanderfahrten ausstreust, u. wie das Herz mit seinem Pulsschlag das Blut durch alle Adern treibt, so strömt von Dir durch unzählige Seelen weitergeleitet ein erhöhtes Streben. –
Wie verworren u. dunkel alles scheint, lehrt jeder Blick in die Zeitung. In Rußland spricht man schon ganz offen von Kriegsstimmung! Immer wieder denke ich an Deine Worte,
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|die Du einmal im Garten von Klösterli zu mir sprachst: "Wir bekommen eine Epoche von Weltkriegen." Und so bist Du mein liebes Orakel, das immer "Recht hat"! Leider – in diesem Falle! Denn wie unabsehbar wären kriegerische Verwicklungen für unser wehrloses Volk. –
Immer wieder komme ich auch in Gedanken zurück auf das Buch von Lindsey, das sicherlich viel Schaden stiften wird. Könnte man nur überall gleich Deine Besprechung mit dazu geben! Es ist ja bei mir keine Tatsachenkenntnis, aber doch ein durch allgemeine Eindrücke hervorgerufenes Gefühl, daß bei uns in Deutschland das Experimentieren mit neuen Ideen schon den Höhepunkt überwunden hat u. eine Reaktion einsetzt. Wenn wir doch nur einmal wieder eine feste, sittlich starke Regierung hätten, die den Mut aufbrächte, gegen all die Auswüchse in Kino u. sonstigen öffentlichen Schaustellungen [über der Zeile] auch auf der Straße vorzugehen. Da sind heut wieder Anzeigen in der Zeitung, die empörend wirken. –
Heute morgen kam die Todesanzeige von Frau Seitz, unterschrieben nur von den Kindern. Der Vater soll übrigens auch schwer krank sein. Morgen um 11 Uhr gehe ich zur Bestattung der alten Frau. Sie hatte ein trauriges Leben. –
Mit Prof. Gans habe ich verabredet, daß ich am Sonnabend wieder beginne. Es paßte ihm heute u. morgen noch nicht, u. das ist mir auch noch lieber, da meine Steifheit nicht ganz vorüber ist Übrigens riet er mir Atophan zu nehmen, solche Anfälle seine meistens gichtisch u. das leuchtet mir sehr ein. Er fand mich übrigens, wie alle, die mich sehen, glänzend erholt. Wenn ich das doch nur auch von Dir mit Sicherheit annehmen dürfte. Aber es war doch noch garzu viel an Deinem Befinden auszusetzen. Wie geht es denn jetzt damit? – Von Aenne kam eine Karte an mich aus Rom, voll Begeisterung auf dem Palatin geschrieben; diejenige nach Luzern bleibt verschollen. Offenbar war die Verbindung recht langsam, denn sie behauptet zu Ostern
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| geschrieben zu haben u. wir waren doch bis zum 3. Feiertag dort. – Das Osterfest mit seinem Schnee war uns beiden leider keine Auferstehung. Und doch hat es mich gemahnt an einen sehr ernsten Augenblick meines Lebens. Es war an der Axenstraße, wo ich am Rande eines Vorsprungs das grüne Wasser tief senkrecht unter mir locken sah. Damals fing ich erst leise an von Dir geführt einen neuen Lebenssinn zu finden. Hilf mir, ihn festzuhalten – ich brauche Deinen Glauben an mich. Ist doch das Leben ein täglich neues Erringen. Und es gibt Tage, wo die Zweifel kommen, was soll ich tun? Kann ich Dir etwas sein? Oder bin ich wirklich so verständnislos, wie Du zuweilen sagst? Dann wäre ich lieber überhaupt nicht mehr. —
— Nun Wolfgang Scheibe in seine Wohnung abgerückt ist, habe ich niemand mehr zu versorgen. Frl. Rinne besuche ich täglich kurz, es geht ihr jetzt doch sichtlich besser. – Rösel Hecht traf ich auf der Straße. Sie zieht um in die Plöck. Wir haben uns ja auch in der Nachbarschaft selten gesehen, da wird die Entfernung keinen Unterschied machen. Daß sie jetzt definitiv geschieden ist, erzählte ich Dir wohl. – – Als mit Wolfgang die Rede auf seine Freundin in Lenggries kam, fragte ich nach dem betreffenden Mann. Er wußte angeblich nicht, ob sie geschieden oder nur getrennt wären. Übrigens hat Wolfgang bei seinen Mitstudenten ein recht günstiges Ansehen. Als Hauptbegründer der deutschen Fachschaft ist er bekannt, u. allgemein werden seine Referate bei Panzer u. Waldberg anerkannt. Auch heut sprach ich Ruth Lennard, die ihn lobte. Sie ist ein höheres Semester u. hat sich das Studium gegen den Willen der Eltern errungen, nimmt es also ernst. – Lulu Jannasch sagte mir, daß der Student, der früher bei Dir hörte, jetzt Dr. Glock heißt. Erinnerst Du Dich seiner?
Ich las von dem Canisius-Haus als Centrale der katholischen Schulorganisation Deutschlands. So machen sie sich wohl ganz offen
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| vom Staate unabhängig? Ich verfolge immer mit großer Aufmerksamkeit alles was von Schulfragen bei uns erörtert wird, aber die Berichte sind immer sehr kurz u. lückenhaft. – Möchte doch die Reform, die Du mit Deiner Studiengemeinschaft anbahntest, einen Wall bilden gegen die katholische Überschwemmung. –
Von Onkel bekam ich einen sehr zitternd geschriebenen Brief. Er ist offenbar körperlich elend u. seelisch gedrückt. Über Rudis nächstes Semester war noch nichts beschlossen. –
Meta Günther hat von der Studienstiftung die Beihilfe dauernd bewilligt bekommen u., ist sehr glücklich.
Sei nicht ungeduldig, daß ich Dir so von allem berichte, war mir der Tag brachte. Ich bin noch so halb in "Ferien" u. noch so ganz bei Dir. – Es wartet jetzt auch viel Arbeit auf mich, denn meine Garderobe ist völlig zerlumpt. Abends aber vertiefe ich mich in das Buch vom Bodensee, u. gehe im Geist wieder die lieben Wege mir Dir.
In treuer Liebe grüßt Dich
Deine
Käthe.

[li. Rand] Wie war es bei Frau Riehl?