Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 6. Mai 1927 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 6. Mai 1927.
Mein Liebstes!
Gott sei Dank war Dein langes Schweigen nicht durch schlechtes Befinden veranlaßt! Ich fing schon ernstlich an, mich zu ängstigen; umso mehr als mich Dr. Günther am 3. vormittags besuchte u. sehr nach Dir fragte. Er war sehr erstaunt, daß ich ihm keine Auskunft geben konnte; ich heuchelte Gleichmut, aber ich war dann doch sehr froh u. erleichtert, als um 4 Uhr Dein lieber, großer Brief kam. "Ziemlich in Ordnung" schreibst Du. Das ist nun hoffentlich wieder ganz der Fall. Bei mir kann ich das wohl behaupten, obgleich ich Atophan nur - 1 Tablette nahm u. das übrige meiner guten Statur überließ. Eine sehr rasche Ermüdbarkeit ist jedenfalls durch das Klima u. tägliche Gewitterneigung zu erklären. -
Bei Prof. Gans ist meine Arbeit jetzt nur noch Lückenfüllung u. Weidenreich hat noch nicht begonnen. Da wirtschafte ich im Hause u. habe auch einige Besuche gemacht. Gestern war ich mit Adele - der lieben Seele - in Ziegelhausen, wo die Apfelblüte im höchsten Flor steht. Morgen will ich mit Dr. Günther nach Ketsch. Hoffentlich ist Wind, sodaß man nicht in die Schnaken kommt. - Das Loch im Mantel u. in der Bluse habe ich fein gestopft, sodaß ich Ersatz* [li. Rand] * Schrieb die Straßenbau-Verwaltung? nicht brauche. Da habe ich lieber wieder solchen Kasten Holländer für Dich gekauft, den ich Dir nächster Tage schicke!
Der buntbewegte Verlauf Deiner Tage sticht sehr ab von meinem stillen Leben. Dennoch ist es auch bei mir augenblicklich lebhaft. Die Leute meinen, sie müßten mich während Aennes Abwesenheit trösten! Übrigens - der Vorstand kommt noch nicht zurück. Sie geht mit Elisabeth noch nach Neapel. Amüsanterweise glaubt sie es mir gegenüber entschuldigen zu müssen u. begründet es damit, daß Elisabeth bei ihrer unpersönlichen Größe in Italien auffalle u. deshalb ihre Begleitung wünsche.
Wenn Du für Frommherz noch etwas außer dem Buch schicken möchtest für die Kinder, so habe ich an ein kleines Auto gedacht, das man aufziehen kann. Oder ist das sehr teuer?
[2]
|
Mein geliebtes Herz, ich bin Dir so dankbar, daß Du von dem Zwiespalt in Dir offen zu mir redest, u. daß Du ihn nicht zum Zwiespalt zwischen uns werden läßt. - Aber daß ich im Anfang dieses Jahres nicht an Deinem Wirken teilgenommen hätte, das kommt mir eine sonderbare Anklage vor. Ich habe mich mit großem Eifer in die Lektüre von u. über Pestalozzi vertieft, so weit es mir zugänglich war, u. habe Deine wundervolle Rede mit Andacht aufgenommen. Wie sehr sie gewirkt haben muß gerade als Rede sah ich daran, als ich sie Lulu Jannasch unten beim Vorstand vorlas - . Da merkte sie recht den Abstand von dem Vortrag des Prof. Hofmann. Du hattest geschrieben, daß Dein Bild von dem Schäfers abweiche, u. das fand ich ganz besonders in der Art, wie Du die ungebrochene innere Linie des Mannes hervorhebst, die durch alle [über der Zeile] äußeren Hemmnisse hindurch ihn zur Vollendung u. damit zur dauernden Wirkung führt. Aber aus allem was Du sagst, u. wie Du es sagst, fühle ich doch immer in erster Linie Dich, Deines Geistes Hauch. -
Ich werde Deine Briefe seit Januar heraussuchen, - sie waren während der Reise in Aufbewahrung - u. versuchen zu finden, worauf Du Dich beziehst. Für mich ist eigentlich die Sache umgekehrt; ich weiß, daß ich sehr unter wenig Nachricht gelitten habe, u. daß ich nur, um Dich nicht auch noch zu quälen, mich nicht beklagte. - Daß Du politisch interessiert bist, sagtest Du mir schon länger. Inwieweit das Staatspolitik betrifft, weiß ich nicht. Ich denke dabei doch eigentlich an Kulturpolitik. Denn Du könntest doch wohl am ersten von dieser Seite den Hebel ansetzen. Und in meinen Augen tust Du das fortwährend. Deine Reisen breiten Deinen persönlichen Wirkungskreis in die Weite u. gerade an Stellen, die es wieder weiter geben können. Es ist mir wie die Dienstreisen des Herrschers in seine Provinzen. - Und nun, mein lieber Nörgler, laß das immer wache Mißtrauen zwischen uns beiseite u. laß uns in dem großen, selbstverständlichen Vertrauen leben, wie es in mir ist u. wie es einzig unsrer Liebe würdig ist.
Es grüßt Dich innig Deine Käthe.