Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 10. Mai 1927 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 10. Mai 1927.
Mein liebstes Herz,
nun sind doch wieder Tage vergangen, ohne daß ich dazu kam, das Packet zu packen u. in Ruhe zu schreiben. Gerade als am Freitag mein Brief an Dich zu war, kam das Telegramm von Walter, u. er selbst dann bereits am nächsten Vormittag. So fand der beabsichtigte Spaziergang mit Dr. Günther zu dritt statt, u. es war, abgesehen von einer Bombenhitze, sehr nett. Wir fuhren mit der Elektrischen bis Schwetzingen, gingen dann zu Fuß den Hinweg, wollten im Enderler Kaffee trinken, er war aber dabei sich tünchen zu lassen u. so mußten wir in das kleine Café. - An der Spitze der Insel saßen wir länger, es kamen viele Frachtzüge mit Deutschen, Holländischen, Französischen Flaggen vorbei u. am Ufer unter dem strahlend blauen Himmel auf dem jungen Grün bildeten badende Wandervögel Böcklinische Gruppen. Wir gingen den ganzen Damm entlang bis zur unteren Spitze, wo sich plötzlich in ganz überraschenden Farben der Blick nach rechts auftat gegen das Ufer u. die Berge. Wir haben stundenlang dort herum gebummelt, die Nachtigallen sangen u. es war nichts Störendes. Aber es ist anders wenn wir gehen, u. war ganz anders, als wir das alles in seiner weltvergessenen Einsamkeit entdeckten. Jetzt ist überall das Unterholz gelichtet, junge Bestände angelegt u. man spürt die Forstkultur. - Dr. Günther war gesprächiger als auf der Reichenau, u. gefiel mir wieder recht gut. - Abends gab es dann noch bei mir "warme Würstchen". -* [li. Rand] * u. mindestens 5 l Thee, denn wir waren völlig verdurstet - Sonntag vormittag war ich häuslich beschäftigt, nach Tisch ging es mit Walter in die Hl. Geist-Kirche, deren Chorteil mir noch ganz unbekannt war. Das Gewölbe im Schiff ist von großer Schönheit, eine sehr schlichte Gothik. (- Übrigens hat Dr. Günther gesagt, Engen verlohne sich nicht der Mühe, der Anblick von der Bahn sei das Schönste u. dann eine Kirche, deren Chor von einem sehr schönen romanischen Bogen begrenzt wird. -) Vom Markt fuhren wir nach Schlierbach
[2]
| u. gingen durch Ziegelhausen aufwärts nach Peterstal zu, wo ich ein paar Apfelbäume typen wollte. Ob es gelang ist noch nicht zu Tage gekommen. Ich muß erst Zeit zum Entwickeln haben. - Wir saßen dann noch lange gemütlich im Garten des Adlers mit dem Blick auf das belebte Wasser u. die schönen Ufer. Das Stückchen Mausbachtal mit dem Teich ist jetzt nicht mehr zugänglich, es ist oben ein dicker Drahtzaun mit Zementpfosten gezogen, u. außerdem zur Verzierung 4 große Baracken in die Wiese gestellt für Hühnerzüchter. Da ist also jetzt klösterliche Einfachheit anstelle ästhetischen Gemüts eingezogen!
Aus Neapel habe ich gute Nachricht, aber noch nichts über Rückkehr. Dagegen macht sich eben meine Familie mausig. Hermann schreibt, daß er zu einer Konferenz nach Würzburg gehen wird u. vorher, also zu Pfingsten mit seiner Frau hierher kommen möchte. Ist das nicht unternehmend für einen Familienvater von 6-7 Kindern? - Aber Du weißt ja, ich freue mich natürlich sehr, den lieben Kerl wieder zu sehen. Hoffentlich gibt es anständiges Wetter, bei seinem letzten Besuch erstickte man fast vor Hitze. - Auch in den Tagen von Donnerstag bis Sonntag hatten wir es hier sehr heiß, aber am Montag stürmisch u. [über der Zeile] bedeckt u. schwül u. Dienstag stürmisch, heute einen geradezu eisigen Nordwind. In der Pfalz soll ein furchtbares Unwetter gewesen sein. Ich war am Montag wie zerschlagen u. habe noch immer viel Augenschmerzen. - Aber zum Glück gibt es jetzt wieder zu zeichnen, es haben sich noch allerlei Lücken herausgestellt.
Im Hause ist stets irgend ein Anliegen. Bald kommt der Zimmermann, der die Läden ausbessern soll, bald will der Briefträger was, u.s.w. Sonst aber geht alles glatt u. ich mache möglichst wenig Umstände. - Etwas einförmig geht es zu u. ich will suchen, mir irgend was zu "leisten", etwa ein Concert oder so. Der Vortrag von Hellpach heute abend: Kirche u. Kampf, Christ u. Krieg - lockt mich allerdings nicht.
[3]
|
Zwischendurch war ich bei Adele Henning, der ich etwas auszurichten hatte u. der ich Orchideen vom Ketscher Spaziergang mitbrachte. Wie gern schickte ich Dir von den schönen Blumen auch welche, aber sie kämen wohl welk an u. Du hast doch keine Zeit dafür. Aber für die Cigarren wirst Du sie haben - höre: davon ist jede einzelne ein besonders lieber Gruß!! Die Strümpfe sind jetzt überflüssig, aber sie waren nun mal gestrickt u. Frl. Wingeleit kann sie ja einmotten für nächsten Winter. Das kleine Pappfutteral gab mir die Frau im Cigarrenladen, da ich hier in mehreren Geschäften vergeblich nach einer großen u. festen Cigarrenhülle suchte. Vielleicht tut es eine Weile Dienst. - Den Brief von Briese schicke ich mit, damit Du siehst welch guter harmloser Junge das ist. Ich traue ihm nichts Übles zu, aber er kann etwas taktlos sein, vor lauter Natürlichkeit. - Die Abbildungen vom Luzerner Gletschergarten, (die Du mir bitte gelegentlich zurückschickst) ersetzten meines Erachtens den Besuch durchaus. Im übrigen glaube ich, daß wir eine neue Eiszeit beginnen, denn das Klima ist ja ganz abnorm. Wenn Europa wieder vergletschert, dann löst sich ja die "Untergangsfrage" ganz von selbst! Die Schrift von Heinrich Scholz über Spengler habe ich mit Aufmerksamkeit gelesen. Seine Art hat etwas sehr Gewissenhaftes, u. er vertritt seinen Standpunkt trotz aller Logik auch mit Wärme. Wenn seine Darstellung der Spenglerschen Gedanken getreu ist, dann ist der ganze Aufbau in der Tat nur eine künstlerische Konstruktion, in der einzelne glückliche Combinationen das Ganze nicht halten können. Du stehst zu den Spenglerschen Resultaten nicht so ablehnend; aber ich muß sagen, es tut doch wohl, so verstandesmäßig klar bewiesen zu bekommen, daß er irrt. Jedenfalls aber sage ich mir, daß das Leben so viele Möglichkeiten hat, die wir nicht übersehen, daß auch wir vielleicht auf eine Renaissance hoffen dürfen. Ich wenigstens kann es nicht lassen.
Im Buchladen sah ich eine neue Ausgabe von Strümpells "Innerer Medizin" - sie ist also noch zeitgemäß. Für die kleine Abhandlung danke ich Dir. Ein Resultat bringt sie nicht, u. auch heute ist man nicht weiter. - Meine Cousine scheint in letzter Zeit eine kleine Besserung zu haben - wenn es nicht eine von den bekannten Remissionen ist. Willst Du die mitgeschickten Sachen zurück haben? Diese Abbaye de Saint Victor ist überwältigend in ihrer Wucht.
- In Bodman hat sich mein Zwicker nicht gefunden. Vorläufig behelfe ich mich so. - Zu Deiner Bemerkung: ich hätte nicht "hingehört", die mich öfters beschäftigt, fiel mir als mögliche Erklärung ein, daß Du vielleicht meine starke Erschöpfung spürtest, die mich lange Zeit recht unfähig machte. Ich weiß, daß ich wochenlang abends so müde war, daß ich statt einer vernünftigen Beschäftigung mit dem Verstand - Domino spielte. Das wird sich sicherlich auch im übrigen ausgeprägt haben. -
Jetzt habe ich vor, nochmals eine Radiumkur zu versuchen. Ich will aber erst beständigeres Wetter abwarten, um mich nicht dabei zu erkälten. Schmerzen habe ich augenblicklich nicht, aber das kommt ja immer ganz plötzlich. Ich glaube bestimmt daß der Sturz auf der Chaussee dabei mitspielte. Hier habe ich eine ganz ähnliche Situation ohne warnende Laterne beim schwarzen Schiff beobachtet. Aber die Straßenbeleuchtung läßt das in der Stadt natürlich glatt erkennen.
Hoffentlich, mein Liebstes, bist Du dauernd "in Ordnung" geblieben u. hast trotz mancher Mißstände doch von unserer Reise Erfrischung u. neue Kräfte mitgenommen. Du wirst es nötig gebrauchen bei Deinem Hochbetrieb. - Übrigens: hat sich Dein Fieberthermometer zu Haus gefunden? -
Es ist schon 11 Uhr vorbei, drum gute Nacht, mein Liebes. Es grüßt Dich innig
Deine
Käthe.