Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. Mai 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 27.V.27.
Mein liebstes Herz.
Schon wieder ist eine Woche vorbei, aber Frühling ist es eigentlich noch immer nicht geworden. Man friert sich so durch u. der Vorstand hat bereits einen kräftigen Katarrh, denn sie hat kein Geld zum Heizen. Es ist damit auch eigentlich nicht viel zu machen, denn wohin man kommt, findet man doch ungeheizte Räume u. dann wäre der Abstand doppelt groß. - Wie geht es denn Dir? Es ist doch auch für Dich nicht günstig, u. Du bräuchtest recht nötig Wärme u. Sonne. Ganz besonders aber auch innere Sonne - u. es quält mich unausgesetzt, daß Du daran so viel Mangel leidest. Was sollen solche "Aussprachen" nützen, wie in Klösterli - es tut mir ja leid, daß sie immer wieder das kaum gewonnene Einvernehmen stören. - Aber mit Kerschensteiner hattest Du hoffentlich hübsche Stunden des Beisammenseins. Es tut mir doch recht leid, daß ich ihn nicht mal wiedersah.
Meine Tätigkeit hat sich wieder geregelt, auch für die Augenklinik hatte ich mal zu tun. Am lebenden Patienten arbeite ich immer recht ungern. Übrigens hatte ich selbst vorige Woche eine Augenentzündung, um derentwillen ich 3 Tage nicht zeichnen konnte. Es zog sich dann eine Eiterung zusammen, die Prof. Seidel aufschnitt. Ich war so verschwollen, daß ich mich selbst nicht erkannt hätte, u. bin wirklich froh, daß ich nicht immer so aussehe! Wegen der Definition von "Krankheit" habe ich Gans gefragt, der meinte, es sei "Ablauf der Lebensvorgänge unter veränderten Bedingungen, sowohl organischer wie psychischer Art." Das habe er mal gehört oder gelesen. In dem Band der "Mißbildungen" schreibt Aschoff, der Freiburger Pathologe was ich Dir abgeschrieben mitschicke. -
Inzwischen ist nun Herr Jakobsen dagewesen u. wir haben für morgen einen Spaziergang verabredet. Ist es wohl eigentlich erwünscht, ihn gelegentlich mal zum Abendbrot einzuladen? Er ist ja Studienstiftler u. Sonnabend abends u. Sonntag - glaube ich - bekommen sie in der Mensa nichts. Aber sein Aussehen ist nicht
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| direkt bedürftig. - Am vorigen Montag hatte ich Dr. Günther u. Wolfgang Scheibe, sowie den Vorstand zu einem Spargelessen bei mir. Es war eine interessante Unterhaltung mit Dr. Günther, die mir ungelöste Fragen zurück ließ; aber Wolfgang blieb den Abend fast stumm. Er macht überhaupt einen deprimierten u. schlappen Eindruck. Gestern kam er nachmittags u. sprach davon, daß er sich in Gedanken damit trüge, im Herbst eine zeitlang an die Berthold Otto-Schule gewissermaßen als Volontär zu gehen. Das "Akademische", das so gar nichts mit dem Leben zu tun habe, wäre ihm so unerträglich geworden. Außerdem hat er jetzt sehr viel Gedanken an die "deutsche Fachschaft" gewendet, die er gesellig u. zu Arbeitskursen organisiert. - Hältst Du das nun wohl für richtig, wenn er sich jetzt - nach dem 5. Semester - praktisch betätigen will? Er selbst zweifelt, ob es ihn nicht zu Zersplitterung führen wird? Zum Winter muß er dann an eine preußische Hochschule, um die 3 pflichtgemäßen Semester dort vor dem Examen zu erlangen.
Ereignete sich wohl irgend etwas in der Reichschulgesetz-frage? Dein rencontre mit der Dr. Wegscheider amüsiert mich, ganz besonders Deine kleine boshafte Rache.
Aber nun, was wird mit England u. Rußland werden? Wie steht es mit der Möglichkeit unsrer unbewaffneten "Neutralität"? Hat man uns je Wort gehalten? - Und wann wird es bei uns je das Staatsgefühl geben, für das in England immer die Mehrheit zu haben ist? Sicherlich ist es am stärksten bei den Deutsch-nationalen, wenn auch die andern Parteien es ebenso für sich in Anspruch nehmen. - Neulich war der Dr. Bolza aus Würzburg hier, der von Nauheim kommend zur Kur auf den Bürglenstock! ging! Er eiferte sehr gegen den Nationalismus, der den Verkehr der Völker störe u. den Handel schädige. Er hat freilich eine katholische Frau, die von Geburt ungarische Jüdin ist, wo soll da ein nationales Gefühl herkommen? - Noch wollte ich Dir erzählen, daß die Afrikanischen Novellen, von denen ich Dir in Luzern sprach, von Hans Grimm sind, dem Verfasser von "Volk ohne Raum". Diese Novellen haben mir großen Eindruck gemacht, u. haben eigentlich alle das gleiche Motiv: das Ringen der einsamen Seelen mit ihrer Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Reinheit u. Liebe in einer harten, grausamen, unbeweglichen Welt.
<li. Rand>
In stetem Gedanken grüßt Dich in treuer, inniger Liebe Deine Käthe.