Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Mai 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. Sonntag. 29. Mai 1927.
Mein Liebstes,
wie sehr betrübt mich diese neue, unnötige Erregung, die Dir der Besuch in Klösterli brachte! Es ist ja nun schon seit Jahren immer dieselbe Klage u. ich verstehe - verstehe so gut aus eigner Erfahrung - wie Du über diese Enttäuschung an einem Menschen, dem Dein Leben so tief verbunden war, nicht hinweg kommen kannst. Es ist dem Nicht-Mediziner so schwer, den Unterschied von Charakter u. Krankheit festzuhalten u. hier ist es eben doch so, daß durch Krankheit Eigenschaften überwuchern, die in der Anlage auch sonst da waren, aber nur als Nebensache. Und so meint man jetzt erst den eigentlichen Menschen zu sehen, u. macht ihm dies verzerrte Bild zum Vorwurf . - Wenn, wie Du meinst, bei Frau Riehl eine augenblickliche Ablehnung gegen Dich vorliegt, so kannst Du gewiß um Deiner Schonung willen, mit Deinen Besuchen einmal zögern? - Wie aber soll man der armen Hausgenossin heraus helfen? Sie müßte - falls sie Angehörige hat - von diesen unter irgend einem Vorwand abgerufen werden u. dann "aus Gesundheitsrücksichten" für das Studium durchaus nicht mehr den weiten Weg zur Stadt ertragen können; - zu solchem Entschluß wird sie ganz gewiß unter der starken Suggestion des zwingenden Willen in Klösterli nicht zu bringen sein. Aber es darf doch in solchem Falle, wo es sich um einen jungen Menschen handelt nicht die falsche Rücksicht auf ein egoistisches Alter entscheiden. Du müßtest ihr dabei helfen, aber da ist dann immer gleich wieder die alte Gefahr, daß das Mädchen Dein Interesse falsch auffassen kann. Wer weiß, ob nicht Frau Riehl da irgend welche Pläne mit ihr hatte, denn daß da irgend etwas Ähnliches vorlag, war aus jenem merkwürdigen Brief von ihr an mich nicht zu verkennen.
Wie eine sengende Hitze ist der Geist dieser Frau. Wer sich ihr hingibt, wird verzehrt u. wer sich wehrt, wird explosiv abgestoßen. Lange Zeit gab Dir die Berührung mit ihr belebende Wärme, aber jetzt ist da kein Austausch mehr, nur latente Spannung.
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Merkwürdig, daß mich gerade in diesen Tagen die Sorge um diese Schwierigkeit für Dich so beschäftigte! Oder eigentlich ists wohl schon seit Deiner Rückkehr von der Reise so in der Luft gelegen, daß man es eben spüren mußte. Könnte ich doch nur irgend etwas tun, um Dir diese Last abzunehmen! - Ach, könnte es Dir wenigstens etwas sein, daß ich mit Dir leide! - Wenn die Kranke immer sogleich in ihrem erregten Wahn neue Objekte für ihre Zuneigung findet, dann kann es eigentlich nicht ganz unmöglich sein, daß Du Dich allmälig immer mehr zurückziehst, denn ganz gewiß ist ihr Dein inneres Widerstreben fühlbar u. ärgerlich. Sie hat doch auch die Entfernung der Enkelinnen ohne Schaden überwunden u. findet Ersatz. Du aber kannst ja doch nur immer mehr verlieren durch den unfruchtbaren Verkehr, denn er verdunkelt Dir vollständig den Gewinn u. schönen Gehalt der vergangenen Jahre.
Vorhin unterbrach mich Dr. Günther, der mit mir für den nächsten Sonnabend ein Zusammensein mit ihm u. seiner Braut verabredete. Er plant einen Spaziergang um 5 u. Abendessen bei ihnen! Von seinem Schreiben an Dich u. der Angelegenheit mit Rothacker erzählte er ausführlich. - Und gestern ging ich nun mal mit Jacobsen, der mir recht sympathisch ist, über den Heiligenberg, Turm u. Ruine, zum Zollstock, durchs Siebenmühlental u. ausführlich durch Handschuhsheim. Der Stoff zur Unterhaltung ging uns nicht aus. - Er erzählte u. a. von einem Vortrag im neuen Institut für Sozial- u. Staatswissenschaften über Verfall der Baukunst im 19. Jhdt. von Rüstrow im früheren Palais Weimar, der jetzigen Portheim-Stiftung. -
Ich habe heute den Sonntag richtig ausgenutzt u. so lange wie möglich geschlafen. Meine Augen sind noch immer schonungsbedürftig. Ob Du das herrliche, wenn auch kühle Wetter zu einem schönen Ausflug benutzen kannst? Der Himmel ist so klar u. die wenigen Wolkenreste stehen so unbeweglich, da könnte man wieder mal "Persil" anschreiben. Das war nämlich in voriger Woche sehr amüsant zu sehen.
Möchte an Deinem Himmel immer stehen: "Laß Dich nicht quälen" u. sei ein wenig froh der großen Liebe
Deiner Käthe.