Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 3. Juni 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Juni 1927.
Mein Liebstes,
eben kam Deine Karte mit dem Pfingstgruß u. auch für die so große Überweisung habe ich Dir noch zu danken! Deine lieben Grüße erwidere ich von Herzen u. wünsche Dir u. mir, daß Du Dir ein wenig Ruhe in den Feiertagen gönnen möchtest u. daß es ein recht verlockendes Wanderwetter in Berlin sein möchte, damit Du die freien Tage auch benutzen kannst. Sei leichtsinnig, mein Lieb, Du schuftest ja Tag für Tag genug. - Das Reichenauer Bildchen ist so voll warmer Sonne, daß ich hoffe, es strahlt sie alle bei Dir aus u. bringt Dir einen Klang von unserm Inselfrieden; gibt das nicht immer wieder neue Kraft?
In diesen Tagen hatte ich es sehr gut. Ich habe alle 3 Furtwänglerschen Concerte gehört; das 1. u. 3. in der Hauptprobe, das 2. am Abend selbst. Es war ein wunderbarer Eindruck. Selbst Musikverständige sagen, es sei, als lerne man die Werke erst richtig kennen; wie viel mehr solch ungelerntes Menschenkind wie ich! Es war wie eine fortwährende Offenbarung von Schönheit u. tiefstem Gefühl u. man wurde bis in den Grund der Seele erschüttert. - Ist es denn nicht möglich, daß du mal in Berlin ein Philharmonisches Concert besuchtest? Es ist doch ein ungewöhnlicher Geist in diesem Dirigenten, eine Feinheit der Ausarbeitung u. eine Kraft der Beherrschung - fabelhaft. Hier war das Publikum fanatisch begeistert, u. in Berlin sollen die Concerte leer sein.
Das war das Schöne - aber daneben steht etwas sehr Trauriges: Onkels jüngster Sohn Rudi soll in einer Nervenklinik sein! Walter schrieb es mir, Näheres weiß ich noch nicht, aber das
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| Mitleid mit dem armen alten Mann läßt mich nicht los. Da ist vielleicht schon das unbegreifliche Benehmen des Jungen gegen seinen Vater ein unverstandenes Symptom gewesen. Das überlebt der arme Onkel gewiß nicht lange.
Auch die Politik hat mich mehrfach sehr erregt. Aber da müßte ich zu weitläufig werden, u. dazu ist heute die Zeit knapp! - Ich hatte mehrfach recht mühsame Arbeit in der Augenklinik, wieder mal am lebenden Menschen, ein Augenspiegelbild. So etwas regt mich immer auf, denn ich empfinde wie lästig das für den Betreffenden ist. Meine eignen Augen sind wesentlich besser. - Endlich ist es jetzt warm geworden, aber natürlich gleich wieder schwül. Immer droht es mit Gewitter, aber kommt nicht dazu. Der Vorstand ist heute in Ludwigshafen; es wird wohl der Abschied für Erich Meyers sein, die nach Leuna kommen.
Auf Deinen angekündigten Brief freue ich mich. Ich denke immer daran, wie sich nur Dein Verkehr mit Frau Riehl wieder zum Guten gestalten könnte. Nimmt man es als Krankheit, dann fällt die Härte des Urteils fort, aber auch jede persönliche Tiefe. Es ist so wenig dabei zu hoffen! -
Grüße Susanne, u. Dora Thümmel, wenn Du sie siehst.
Und sei Du selbst tausendmal gegrüßt von
Deiner Käthe.

[] Gute Tage auch für Weimar!
Sonntag abend kommt Hermann mit Frau!
Am Bahnhof ist ein großer Triumphbogen: "Gewappnet steht die Republik" - sie sind hier entsetzlich stolz auf dieses Machwerk.