Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, [13.] Juni 1927 (Bahn Hofgeismar/Frankfurt)


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Im Zuge Hofgeismar - Frankfurt.
Heidelberg
Mein liebstes Herz.
Wenigstens versuchen will ich, Dir eine Nachricht zu geben, wenn es auch nur wenig sein wird, was ich mitteilen kann, denn es schreibt sich schlecht im Fahren. Vor allem habe sehr, sehr innigen Dank für Deine Zeilen, die mich in Hofgeismar am ersten Morgen begrüßten. Dein überaus liebes Anerbieten, Rudi in Heidelberg zu sprechen, wird hoffentlich nicht erforderlich sein, denn vorläufig ist er in Hofgeismar unentbehrlich. Ach, Du hast ja keine Vorstellung, wie trostlos dort die Eindrücke waren, Deine Worte hatten mich wahrhaft getröstet, denn ich selbst hatte schon immer gedacht, es müsse doch eine Möglichkeit geben, den Jungen aus seiner Apathie herauszureißen. Es sind jetzt erschütternd schwere Tage die er durchlebt u. er ist mit dem Herzen dabei, das fühlt man. Onkel hatte vor 2 Tagen einen erneuten Schlaganfall, der auf der linken Seite Arm u. Bein lähmte u. die Sprache fast unmöglich macht.
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| Es ist eine Qual, u. besonders seine hilflose Verzweiflung, daß er so viel auf dem Herzen hat, was er nicht mehr sagen kann. Immer wieder verlangt er zu schreiben u. dann streichelt er seinem Jungen den Kopf u. dann sorgt er, wie es mit der Beerdigung werden soll, woher das Geld nehmen - - -
Es war grenzenlos traurig u. nur die wirklich liebevolle, geduldige, verständnisvolle Art, wie Rudi seine Worte zu deuten, sein Wunsch zu erraten, seinen Zustand zu erleichtern sucht, ist sehr wohltuend. Ich habe ernst mit ihm geredet, er hat (Rudi) meine Hand lange fest gehalten u. ist überhaupt anhänglich u. vertrauend zu mir. Es ist so etwas wie Erbschaft von Tantchen dabei.
Onkel konnte ich versichern, daß er sich auf mich verlassen könne, u. daß auch Du mir dabei immer beistehen würdest. Sonst sprachen wir mit ihm gleichgültige Dinge, denn seine qualvolle Erregung war so groß. Wenn doch bald ein barmherziger Schlaganfall ihm die
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| Ruhe geben möchte.
Verzeih mir, mein Liebstes, daß ich so mit all dem Schweren zu dir komme, aber Du bist mir doch der Nächste auf der Welt. Dabei sorge ich mich auch um Dein Befinden, über das Du wieder zu klagen hast u. wäre am liebsten über Weimar zurück gefahren, um Dich zu sehen u. mich von Deinem Ergehen zu überzeugen. Aber heute - Montag - wärst Du auch garnicht mehr dort!
Von Heidelberg schreibe ich Dir bald mehr u. Anderes. Die Reise heute u. am Sonnabend war stets im überfüllten Zuge u. ich hatte in diesen Tagen recht wenig Schlaf. Die Verwandten waren recht lieb u. das - was Du als Abneigung gegen Rudi bezeichnetest, war jedenfalls nur Entrüstung über sein gleichgültiges Wesen gegen den Vater. Erst jetzt, wo es zu spät ist, scheint er sich zu besinnen.
Sei von ganzen Herzen gegrüßt u. nimm vorlieb mit den flüchtigen Zeilen. In Gedanken stets bei Dir
Deine
Käthe.