Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 17. Juni 1927 (Heidelberg)


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Heidelberg. 17. Juni 1927.
Mein geliebtes Herz!
Ob ich heute noch Zeit finden werde, einen Brief zu schreiben, ist ungewiß. Deshalb will ich wenigstens einen kurzen Gruß voran schicken, der zum Sonntag bei Dir sein soll. Mein Zettel aus der Bahn sagte Dir, daß ich am Montag von Hofgeismar zurück fuhr, da Onkels Befinden einen persönlichen Austausch nicht gestattete, u. ich natürlich nur in Rücksicht auf ihn meine Arbeit unterbrochen hatte. Ob das Erlöschen dieses gequälten Lebens noch länger dauern wird, ist nicht abzusehen. Bisher habe ich überhaupt noch keine Nachricht wieder, so bestimmt mir Rudi auch versprach zu schreiben. - - Da dieser zunächst noch etwas mütterliches Vermögen hat, so ist er ja in seinen Entschlüssen unabhängig. Er möchte durchaus bei der Medizin bleiben, denkt in Marburg weiter zu studieren, da dort das Examen leicht sei. - Ich habe gedacht, Deinem Rate folgend, ihn möglichst bald, wenn er in Hofgeismar entbehrlich wird, hierher zu bitten. Immatrikulieren kann er sich freilich nicht, aber er kann Collegs schinden u. arbeiten. Vielleicht ließe sich die Erlaubnis erwirken, daß er in der Mensa Essen bekommt u. wohnen könnte er im Seltenleer. Natürlich müßte ich mir recht viel Mühe mit ihm geben.
- Heute haben wir 28° R im Schatten, u. wenn das Gewitter herauf kommt, das fern am Himmel hängt, dann kann ich den Abend zu Haus bleiben. Sonst war geplant, mit meiner Schwägerin nach dem Abendbrot nach dem Wolfsbrunnen zu fahren u. übers Schloß zurück zu gehen. Das ist immer sehr schön kühl dort. Augenblicklich sollte ich eigentlich mit Ella Gaß beim Vorstand Kaffee trinken, aber ich
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| bin vom Zeichnen direkt in meine Wohnung u. gehe erst später runter. - Am Tage als ich nach Hofgeismar wollte, kam wie auf Verabredung, eine Karte von Prof. Weidenreich, der auch nun Zeichnungen zu haben wünscht. Ich habe mit ihm den Dienstag u. Freitag früh ausgemacht, die übrige Zeit brauche ich für die Hautklinik. Auch gestern (Frohnleichnam) habe ich gearbeitet, nur nachmittags gingen wir über den Hohen Kästenbaum den bewußten schönen Weg. -
Wie oft denke ich an Deinen lieben Pfingstbrief mit all den Einlagen - aber darauf eingehen kann ich erst nachher, denn Aenne erwartet mich ja. - Wenn ich nur wüßte, wie es Dir geht? Ich sorge mich, da Du garnicht günstig darüber schriebst.
Die Hitze nimmt mich sehr mit u. ich brauche all meine Kraft für die Zeichnerei. Aber die Arbeit geht zum Glück gut von der Hand.
Für heute laß Dir diese wenigen Zeilen nur sagen, wie ich beständig Dein gedenke. - Jacobsen habe ich noch nicht wieder sehen können, er war über Pfingsten verreist. Wolfgang hatte erst den Vorstand um einen Spaziergang zwecks "Aussprache" gebeten, dann aber wieder abgesagt, u. sich zum Abendbrot angemeldet! Ist doch reeller! - Die Rückreise war im D-Zug doch angenehmer als die Hinfahrt. Aber auch fast doppelt so teuer. (1 ¾ x) Doch bereue ich nicht, gefahren zu sein; ich hoffe, daß Rudi sich etwas von wirklicher Anteilnahme bei dem Zusammensein heraus fühlte.
Ich grüße Dich von ganzem Herzen.
Deine Käthe.